Kommunikation im digitalen Raum

Email, soziale Netzwerke und Blogs

1. Was ist digitale Fachkommunikation?

Die Struktur von Öffentlichkeiten und somit auch die Kommunikation, die sie konstituiert, befinden sich im digitalen Zeitalter in einem beschleunigten Wandel. Gesellschaftliche Kommunikation, so Peter Haber, ist nur noch medial vermittelt möglich.[1] Was für alle Öffentlichkeiten gilt, betrifft auch die (Teil)öffentlichkeiten der Geschichtswissenschaften und somit die historische Fachkommunikation: Digitale Medien sind aus der Fachkommunikation nicht mehr wegzudenken. Dieser Wandel hat auch Debatten über Aufbau, Struktur, Machtbeziehungen und kulturelle Gepflogenheiten der Fachkommunikation ausgelöst. Die Fachkommunikation ist als Teil des geschichtswissenschaftlichen Informationsraums zu verstehen, der sich mit der Professionalisierung der Geisteswissenschaften ab dem 19. Jahrhundert herausbildete. Er umschließt prinzipiell alle geschichtswissenschaftlichen Publikationen jedweder Art für eine bestimmte fachliche Community. Die Kohärenz dieses Informationsraums war von Beginn an brüchig – andere Sprachräume, „Graue Literatur“, Beiträge des Feuilletons etc. verdeutlichen, dass die Grenzen des Informationsraums der Geschichtswissenschaften nicht klar gezogen werden können.[2] Gleichzeitig besteht im Fach größtenteils Einigkeit darüber, dass der geschichtswissenschaftliche Informationsraum sich durch die Digitalisierung und insbesondere durch das World Wide Web weiter ausdifferenziert und in Teilen neu formiert hat; dies betrifft beispielsweise die Internationalität, aber auch das Verhältnis von Fachöffentlichkeiten und allgemeinen Öffentlichkeiten, die im digitalen Raum tendenziell stärker überlappen.

Die Erschließung des geschichtswissenschaftlichen Informationsraums ist von fundamentaler Bedeutung für alle Forschenden. Zu einem etablierten Netzwerk von Akteuren wie Bibliotheken, Archiven und Fachgesellschaften sind neue Akteure hinzugekommen, die diese Erschließung mit digitalen Mitteln vorantreiben. Die Fachkommunikation ist Bestandteil der Erschließung dieses Informationsraums; worüber nicht innerhalb des Fachs kommuniziert wird, das kann selbstredend nur bedingt in den Informationsraum der Geschichtswissenschaften Eingang finden. Es gibt persönliche und (teil)öffentliche Kommunikation, in der Fachkommunikation geht es vor allem um letztere. Zusätzlich soll es hier vor allem um die stärker formalisierte (versus informelle) Kommunikation gehen. Im Vergleich mit der Fachinformation betont der Begriff der Fachkommunikation ihren wechselseitigen Charakter. Die Möglichkeiten und Gepflogenheiten dieser Kommunikation haben sich durch die Computerisierung gewandelt. Der Computer ist heute gleichzeitig Werkzeug (zum Schreiben, Lesen etc.) und Medium (zum Kommunizieren). „Somit wird jeder Historiker, jede Historikerin dank des Netzes zu einem potenziellen Teil des historischen Informations- und Diskursraumes.“[3] „Das Netz“ ermöglicht es den einzelnen HistorikerInnen, sich auf neue Weise und in neuen Genres zu äußern und somit als Teil der Fachöffentlichkeit zu kommunizieren. „ Hierbei verschafft das Web 2.0 den Aspekten Interaktion und Partizipation eine neue, verstärkte Bedeutung.“[4]

Das Publizieren als ein Kernbestand der Fachinformation und -kommunikation hat sich gewandelt. Dies betrifft in unterschiedlicher Weise etablierte Medien des innerfachlichen Austauschs wie Monographien oder Fachzeitschriften, deren Reputation als Genre bis zu den Anfängen der Geschichtswissenschaften zurückreicht. Nicht zuletzt die Reichweite und Veröffentlichungspraxis haben sich gewandelt: ein Bibliotheksexemplar eines Buchs oder einer Zeitschriftenausgabe hat potenziell und in Teilen einen anderen Adressatenkreis und eine andere Reichweite als ein (eventuell im Open Access) digital veröffentlichter Text. Selbstverständlich darf dieser digitale Raum nicht unstrukturiert imaginiert werden: wo ein Text veröffentlicht ist (im Repositorium einer Universität, auf einem individuell oder kollektiv betreuten Wordpress-Blog, auf einer persönlichen Website, im Angebot eines etablierten Wissenschaftsverlags) beeinflusst, ob er in akademische Linksammlungen aufgenommen wird, wo er im Google-Ranking zu finden ist – und von wem er also rezipiert wird.[5]

An die Seite von etablierten Genres (im klassischen oder im neuen, digitalen Gewand) sind neue Formate der digitalen Fachkommunikation getreten; sie bilden den Gegenstand dieses Textes. Interessant ist an ihnen auch, welche Implikationen sie für die etablierte Fachkommunikation hatten und haben, und wie sie die Struktur des Wissenschaftsbetriebs beeinflussen. Grob lassen sich als primäre Kommunikationsdienste Mailinglisten, Blogs, Social Media Angebote und Wikis unterscheiden, wobei die Digitalisierung unter ihnen und auch den klassischen Formaten tendenziell eine Vermischung der Genres zu befördern scheint.[6] In diesem Beitrag soll es zuallererst darum gehen, über die wichtigsten Instrumente zur Information über digitale Fachkommunikation zu informieren.

2. Mailinglisten und Fachkommunikation

Das Digitale hat ganz neue Formen, Genres und Kanäle der Kommunikation hervorgebracht, und um diese soll es hier gehen. Die Email als „elektronische Post“ ist aus der Fachkommunikation schlicht nicht mehr wegzudenken. Das betrifft nicht nur die interpersonelle Kommunikation, sondern auch diejenige innerhalb der Fachöffentlichkeiten. Hier sind insbesondere die Mailinglisten hervorzuheben, die die digitale Fachkommunikation gewissermaßen einläuteten. Geschichtswissenschaftliche Mailinglisten sind in der Regel moderiert, es findet somit eine redaktionelle Kontrolle der Veröffentlichungspraxis statt. Wer eine Mailingliste abonniert hat, bekommt alle über sie zirkulierten Informationen automatisch in sein Email-Postfach geliefert. In der Regel erhalten alle Subskribenten einer Mailingliste identische Informationen, wobei bei einigen Listen eine Ab- und Zuwahl bestimmter Rubriken oder Themen möglich ist.

Von besonderer Bedeutung für die Geschichte der Mailinglisten ist das US-amerikanische H-Net (H steht hier für „Humanities“). Bereits 1992 gegründet, verfolgte es von Beginn an den Zweck, die Information über aktuelle Forschung und Lehre mit der aktiven Diskussion unter den Mitgliedern zu verbinden. Das H-Net besteht aus derzeit an die 200 einzelnen, moderierten Diskussionslisten, in der Regel zu bestimmten Themen der Geschichtswissenschaften.[8] Zu den meistabonnierten Listen zählen derzeit, mit jeweils mehreren Tausend Subskribenten, die Listen zur Kunstgeschichte H-Arthist, zur Frauen- und Geschlechtergeschichte H-Women, zur Ideengeschichte H-Ideas, zur Jüdischen Geschichte H-Judaic, zur Geschichte Lateinamerikas H-LatAm, zur Weltgeschichte H-World, zur Stadtgeschichte H-Urban, zur Wissenschaftsgeschichte H-Sci_Med-Tech. Diese Liste ließe sich insofern beliebig fortsetzen, als dass gerade die Organisation in thematischen Communities zu den Stärken des H-Net zählt; die Zahl der Subskribenten ist hier nicht gleichzusetzen mit der Relevanz der Liste für die jeweilige Community oder mit der Intensität der Diskussionen.[9]

Diese Diskussionslisten haben zusammengenommen über 100.000 Abonnenten aus rund 90 Ländern. Jede Liste wird durch ein Team von „Editors“ verwaltet, die über die Veröffentlichung der durch die ListennutzerInnen eingereichten Beiträge entscheidet. Die geschichtswissenschaftliche „Community“ spielt hier also eine zentrale Rolle, denn letztlich wird veröffentlicht, was die Community einreicht. Den „Editors“ ist es freigestellt, einzelne Beiträge nicht zu verbreiten und auch bestimmte Diskussionen zu einem gegebenen Zeitpunkt zu beenden. Die Subskription einzelner Listen ist jedem freigestellt, der über eine Email-Adresse verfügt. Wer sich registriert, wird per Email über laufende Nachrichten auf dieser Liste informiert. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit, mit H-Net Reviews (Buchrezensionen), H-Net Job Guide (Stellen und Stipendien) oder H-Net Academic Announcements (Ankündigungen von Terminen wie Konferenzen, Calls for Papers und ähnliche) bestimmte Kanäle nach Genre zu abonnieren.[11] Technisch findet im H-Net derzeit ein Wandel statt, der neben der Mailingliste auch der Website größeres Gewicht einräumt. Inhaltlich ist eine Reihe von Kontinuitäten festzustellen. Weiterhin sind es die Formate der Ankündigungen, die einen großen Anteil des Beitragsaufkommens ausmachen. Je nach Liste in unterschiedlichem Maße kommt auch den Diskussionen eine nennenswerte Bedeutung zu, indem einzelne NutzerInnen sich mit spezifischen Fragen zu einzelnen Forschungsthemen oder Lehrangeboten im universitären Raum an die jeweilige Liste wenden und auf konstruktive Antworten hoffen.[12]

Das H-Net war nicht nur in der Form ein Trendsetter. Geradezu revolutionär mutete Anfang der 1990er-Jahre an, dass jeder „ganz normale“ Beiträger hier interaktiv zu Wort kommen konnte und dass Fragen, die herkömmlicherweise eher innerhalb der Faculty an der eigenen Universität oder aber am Rande von Konferenzen „face-to-face“ besprochen wurden, nun in der (halb-)anonymen und deutlich größeren Fachgemeinde einer Liste gestellt werden konnten. Elemente der Interaktion und Partizipation der NutzerInnen elektronischer Dienste rückten hier in den Mittelpunkt, indem (potenziell) jeder Leser auch selbst Beiträge veröffentlichte, und Fachinformation hier tatsächlich wechselseitig zu Kommunikation wurde. Durch die Archivierung der Beiträge wurde somit auch informelle Kommunikation einem größeren Personenkreis zugänglich. Auch in einer weiteren Hinsicht kann sich das H-Net als revolutionär rühmen, hat es doch die Internationalisierung der geschichtswissenschaftlichen Forschung enorm vorangetrieben, indem es Leser und Beiträger aus praktisch allen an das Word Wide Web angeschlossenen Ländern zusammenführte.[13] Dies gilt nicht nur für das H-Net: Das Internet und E-Mail haben allgemein zur Globalisierung der Geisteswissenschaften beigetragen, indem durch Mailverteiler oder Intranets „virtuelle Gesellschaften“ entstanden sind, die globale Kommunikationszusammenhänge ermöglichen, während die Angehörigen einer Gruppe raum-zeitlich verteilt bleiben.[14]

HistorikerInnen im deutschsprachigen Raum abonnierten von Beginn an einzelne H-Net Listen. Zusätzlich erfolgte 1998 an der Humboldt-Universität zu Berlin die Gründung von H-Soz-u-Kult (Humanities – Sozial- und Kulturgeschichte; seit 2014 nur noch H-Soz-Kult) als erster in Deutschland ansässigen und primär deutschsprachigen H-Net-Liste, eine organisatorische Internationalisierung, die bis heute für das H-Net eher Ausnahmecharakter hat. Die moderierte Mailingliste verzeichnete Anfang 2016 rund 25.000 Abonnenten der Einzelmails oder Digestformate und ist somit auch das größte H-Net Netzwerk. Auch die bereits verhältnismäßig früh aufgebaute umfassende Webpräsenz, auf der alle Beiträge archiviert und gemäß dem Open Access Prinzip frei und öffentlich zugänglich sind, wird stark frequentiert: Der H-Soz-Kult Webserver verzeichnete 2015 monatlich über eine Million Pageviews von rund 250.000 Besuchern. Täglich wurden somit im Schnitt 30.000 Seiten von circa 7.000 einzelnen Besuchern abgerufen, wobei automatisierte Abfragen durch Robots, Spider oder Suchmaschinen aus diesen Zahlen bereits weitgehend herausgerechnet sind. H-Soz-Kult kann somit für sich wohl in Anspruch nehmen, von praktisch der gesamten geschichtswissenschaftlichen Fachöffentlichkeit im deutschsprachigen Raum rezipiert zu werden; zusätzlich wird der Dienst von angeschlossenen Öffentlichkeiten in den Medien, dem Bildungswesen usw. sowie von HistorikerInnen in über 100 Ländern wahrgenommen. Der Dienst inkludiert die gesamte Breite des Fachs von der Ur- und Früh- bis zur jüngsten Zeitgeschichte. Auch räumlich sind in der über 40-köpfigen Fachredaktion neben HistorikerInnen zur deutschen Geschichte auch fast alle anderen geographischen Räume der Welt vertreten.[16] Die Interdisziplinarität der Geistes- und Sozialwissenschaften ist auf dem Forum ebenfalls widergespiegelt.

H-Soz-Kult publiziert 15 bis 25 Beiträge an sechs Tagen der Woche, jährlich also rund 6.500 Beiträge. Neben Rezensionen zu geschichtswissenschaftlichen Publikationen veröffentlicht das Forum Tagungsberichte, Stellen und Stipendien, Ankündigungen zu Konferenzen und Calls for Papers, aktuelle Zeitschrifteninhaltsverzeichnisse, Forschungsberichte als Überblickstexte über aktuelle Forschungsfelder, Diskussionsforen zu wissenschaftlichen oder wissenschaftspolitischen Themen sowie eine Reihe weiterer Formate wie Wohnungsannoncen für HistorikerInnen oder Kurznachrichten zu aktuellen Forschungsprojekten. H-Soz-Kult ist eine moderierte Mailingliste mit einer professionellen Tagesredaktion am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität (die auch einen wichtigen Anteil an den laufenden Kosten des Dienstes trägt) sowie einer Rezensionsredaktion mit über 40 ehrenamtlichen Redaktionsmitgliedern, die an Universitäten und Forschungsinstituten in mehreren europäischen Ländern ansässig sind und jeweils für einen spezifischen Redaktionsbereich verantwortlich zeichnen.[17]

Aus der Fachkommunikation der HistorikerInnen im deutschsprachigen Raum ist H-Soz-Kult mittlerweile kaum wegzudenken und es zählt zu der Minderheit der Projekte im digitalen Raum, denen eine organisatorische und finanzielle Verstetigung geglückt ist. Die Verteilung aktueller Informationen für HistorikerInnen läuft maßgeblich über diese Mailingliste und die angeschlossene Website. Auch die internationale Wahrnehmung der deutschen Forschungen dürfte H-Soz-Kult signifikant beeinflusst haben, nicht zuletzt dadurch, dass die Beiträge in den US-amerikanischen Kanälen des H-Net mit veröffentlicht werden; auf H-Net Reviews beispielsweise finden sich zu großen Teilen Rezensionen, die für H-Soz-Kult verfasst wurden.

Dass das Netzwerk inhaltlich die gesamte Breite des Fachs Geschichtswissenschaften umschließt und zusätzlich in seinen Formaten vergleichsweise vielfältig ist, kann sicherlich als außergewöhnlich gelten. Für einzelne Teilgebiete des Fachs oder aber für einzelne Genres gibt es weitere wichtige Angebote. Wie H-Soz-Kult ebenfalls im Verein Clio-online – Historisches Fachinformationssystem e.V. organisiert ist die Mailingliste Zeitgeschichte-Online des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF), auf der in enger Kooperation mit H-Soz-Kult speziell zeitgeschichtliche Informationen verteilt werden, wobei die Website Zeitgeschichte-Online zahlreiche Zusatzangebote bereithält. Und auch die thematisch fokussierte Mailingliste geschichte.transnational ist ein Kooperationsprojekt mit H-Soz-Kult. Geschichte-Transnational wird von WissenschaftlerInnen des Global and European Studies Institute der Universität Leipzig und der Forschungsgruppe „Transferts culturels“ am Centre National de la Recherche Scientifique Paris herausgegeben. Das Projekt kooperiert mit dem European Network in Universal and Global History. Innerhalb des H-Net sind als weitere in Deutschland angesiedelte Mailinglisten H-ArtHist und H-Germanistik zu nennen. Zusätzlich gibt es zahlreiche für HistorikerInnen interessante Newsletter, die aber in der Regel ohne aktive NutzerInnenbeteiligung auskommen, beispielsweise von Verlagen oder auch dem Verband der Historiker und Historikerinnen in Deutschland, wobei diese Listen oft nur für Mitglieder zugänglich sind.

In den 1990er-Jahren kam die Hoffnung auf, die neuen Medien Internet und Email könnten durch ihre Schnelligkeit, Unmittelbarkeit und Offenheit die Kommunikation im Fach revolutionieren. Längst nicht alle diese Hoffnungen sind in Erfüllung gegangen. Auch auf den erfolgreichen und beständigen Mailinglisten haben sich die kommunikativen Gepflogenheiten verändert. Solange die NutzerInnengruppe klein war, fielen kritische Diskussionen leichter; mit der Verbreiterung der Leserschaft, die irgendwann auch die „arrivierten“ Kollegen mit einschloss, wurde auch die Äußerung in digitalen Kommunikationsforen, so sie denn (halb)öffentlich waren, weniger „risikofrei“, weil weniger „hierarchiefern“: „von Diskussion war praktisch keine Rede“.[23] So wandelte sich auch der Charakter der publizierten Beiträge. „Auf allen Listen findet sich inzwischen eine große Zahl von kaum kommentier- oder diskutierbaren Nachrichten über Konferenzen, Vorträge, Publikationen oder freie Wohnungen an zentralen Archivstandorten. Aus Diskussionsforen wurden somit teilweise sehr nützliche Anzeigenblätter, in denen sich gelegentlich inszenierte Debatten finden, die aus zu diesem Zweck erbetenen Beiträgen zusammengesetzt werden. Diese generieren eine überschaubare Zahl an Kommentaren oder bleiben gänzlich unkommentiert.“[24] Diese Transformation kann in Teilen auch bei H-Soz-Kult verfolgt werden, wo im Lauf der Jahre beispielsweise die Forschungsanfragen zurückgegangen sind. Gleichzeitig erscheint weiterhin durchschnittlich eine Replik auf eine Buchrezension pro Monat – so ganz mögen die Leserinnen und Leser sich von der tatsächlichen, vor allem kritisch widersprechenden, Diskussion nicht (mehr) lösen. Eine Besonderheit weist das britische Angebot Reviews in History auf: auf eine Rezension antwortet hier fast immer entweder der Autor oder ein weiterer Rezensent, so dass der dialogische Charakter geschichtswissenschaftlicher Forschung hervortritt.

Wenn die digitale Kommunikation dazu beiträgt, die Grenzen zwischen verschiedenen Genres zu vermischen, wie beispielsweise zwischen den Mailinglisten und den Zeitschriften, so ist dies wohl am deutlichsten im Bereich der Rezensionen feststellbar. Eine für ein Online-Angebot erstellte Buchrezension unterscheidet sich heute in vielen nicht von einer Rezension für eine gedruckte Zeitschrift. Die „klassischen“ Zeitschriften verlagern ihre Rezensionsteile häufiger ins Netz und bieten dann auch Mailalerts an; Rezensionen auf H-Soz-Kult und in digitalen Journals wie den sehepunkten (seit 2011) sind in der nachhaltigen Sichtbarkeit den gedruckten Rezensionen schlicht überlegen. Online-Suchinstrumente wie die Clio-online Suche Historische Rezensionen Online (HRO) oder Repositorien wie recensio.net bilden den Informationsraum der digital verfügbaren Rezensionen in weiten Teilen ab.

Die kommunikativen Gepflogenheiten im Fach, so ließe sich resümieren, haben sich durch die Digitalisierung verändert, aber nicht revolutioniert. Standards, Hierarchien, strukturelle Bedingungen, die sich in der Kommunikation von und über Forschung ausdrücken, verschwinden nicht einfach durch ein neues Medium – dieses kann aber das Potenzial haben, sie sichtbar zu machen und dadurch auch zu verändern.

2.1 Blogs in der Fachkommunikation

Längst sind Mailinglisten nicht mehr das einzige digitale Instrument der Fachkommunikation. Ergänzt werden sie durch zahlreiche weitere Möglichkeiten, mit denen HistorikerInnen auf digitalem Wege mit ihrer Disziplin kommunizieren können. Als relativ junges Format der Fachkommunikation im Internet können die wissenschaftlichen Blogs gelten. In den letzten Jahren haben sie eine rege Debatte über grundsätzliche Aspekte des wissenschaftlichen Publizierens und Kommunizierens provoziert. Von anderen Publikationen unterscheiden Blogs sich in der Regel durch eine Reihe von Merkmalen. Blogs sind Veröffentlichungen von einzelnen WissenschaftlerInnen oder von Gruppen von WissenschaftlerInnen, teils auch Institutionen. In Eigenregie werden in einem Blog Beiträge höchst unterschiedlicher Länge und unterschiedlichen Charakters eingestellt. Der oder die Betreiber des Blogs entscheiden selbst, ohne weitere redaktionelle Kontrolle, welche Beiträge sie veröffentlichen wollen, die sie in aller Regel auch selbst verfasst haben. Blogs können Beiträge in regelmäßiger Folge bringen, die Mehrzahl veröffentlicht Texte aber unregelmäßig und oft „fortlaufend“. Blogs können zeitlich limitiert ein bestimmtes Forschungsprojekt begleiten (oft ist dies die Dissertation) oder aber auf Dauer angelegt sein. Blogeinträge sind oft „Werkstattberichte“ aus der eigenen geschichtswissenschaftlichen Arbeit – sie können eher „Unfertiges“ offenbaren als ein double-blind peer review begutachteter Aufsatz in einer Fachzeitschrift. „Ein Blog zeigt die subjektive Lebenswelt der Forschenden und verdeutlicht damit die generelle Subjektivität von Wissenschaft und des wissenschaftlichen Tuns.“[29] Die Vielfalt der Themen und Formate auf Blogs ist so groß wie ihre Zielstellung und Autorschaft, so dass sie als ein flexibles Instrument der wissenschaftlichen Kommunikation angesehen werden können. Gemeinhin werden verschiedene Typen von Blogs unterschieden: diejenigen, die sich primär als wissenschaftliches Tagebuch verstehen, in dem einzelne ForscherInnen schreiben, um den eigenen Forschungsprozess für sich selbst mit zu gestalten; diejenigen, in denen die AutorInnen wissenschaftlich ein bestimmtes Forschungsprojekt oder –thema kommentieren und sich somit an fachliche Teilöffentlichkeiten richten; und diejenigen, die primär dazu dienen, originäre Forschungsergebnisse zu veröffentlichen, die somit also andere Publikationsorgane (wie Zeitschriften oder Monographien) ersetzen.[30]

Die Zugangshürden zu Blogs sind ausgesprochen niedrig; dies betrifft nicht nur die durch die übliche Selbstpublikation nicht oder kaum vorhandenen redaktionellen Kontrollen, sondern auch die technischen Standards: Jede/r kann ohne nennenswerten technischen Aufwand einen eigenen Blog betreiben. Dafür sorgen auch Blogsysteme und –plattformen. Blogsysteme mit vorkonfigurierten Editionstools (wie blogger.com unter anderem) oder Content Management Systeme (wie Wordpress, Joomla unter anderem) ermöglichen personalisierte Blogpräsenzen. Wordpress beispielsweise funktioniert als Software zum Bloggen und ist gleichzeitig eine Plattform für persönliche Blogs zu höchst unterschiedlichen Themen.[31] Aber auch die lokalen Rechenzentren an den deutschen Universitäten bieten mittlerweile oft Blogfarmen für das Hosting von Blogs an, so dass Universitätsangehörige – auch Studierende – kostenfreie wissenschaftliche Blogs eröffnen können.[32]

Hinzu kommen speziell auf die Wissenschaften zugeschnittene Blogplattformen, die neben der einfachen Handhabung auch eine bessere Sichtbarkeit in der wissenschaftlichen Community sowie ein gewisses Maß an redaktioneller Präsenz bereitstellen. Auch organisatorische Hilfestellungen (beispielsweise in der ISSN-Beantragung) sowie Workshops zum Bloggen und weitere Lernangebote können zum Angebot zählen. Und auch die Archivierung der Beiträge wird durch Portale in der Regel sichergestellt.

Zu den etabliertesten deutschsprachigen Blogs in den Geschichtswissenschaften zählen Angebote wie die von Klaus Graf, von Achim Landwehr, Wolfgang Schmale und Anton Tantner.[33] Dabei überrascht es nicht, dass einige dieser Blogs auch Themen der Digital Humanities und der digitalen Veröffentlichungspraxis explizit thematisieren. Jüngere Blogs finden sich eher auf den Plattformen. Hervorzuheben ist unter diesen für den deutschsprachigen Raum das französische Projekt hypotheses.org. Hypotheses ist Teil des Angebots OpenEdition, das umfangreiche digitale Services für die Geistes- und Sozialwissenschaften bereitstellt. Der deutsche Ableger des Projekts[36], mitgetragen vom Deutschen Historischen Institut in Paris, zählt mittlerweile zu den erfolgreichsten wissenschaftlichen Blogplattformen. Das Angebot richtet sich breit an Geistes- und SozialwissenschaftlerInnen aus allen Disziplinen. Jede/r WissenschaftlerIn kann die Einrichtung eines eigenen Blogs beantragen. Über die Eröffnung neuer Blogs entscheidet anschließend eine Redaktion. Nach der Freischaltung können neue Blogger oder Blogger-Teams eigene Beiträge frei aufschalten. Die „kuratierende Redaktion“[38] nimmt keine Qualitätsprüfung vorab vor, steuert aber in Teilen die Sichtbarkeit von Blogs oder einzelnen Beiträgen durch Platzierung auf der Startseite oder andere Mechanismen der Hervorhebung. Derzeit versammelt das deutschsprachige Hypotheses über 150 Blogs.

Als eine weitere Form der digitalen Fachkommunikation sollten die BlogJournals genannt werden: Technisch operieren sie auf der Basis von Blogs, inhaltlich funktionieren sie aber zumindest in Teilen wie klassische Zeitschriften: Der Veröffentlichungsrhythmus ist festgelegt, es gibt einen festen Kreis der Herausgeber und der Redaktion, und in der Regel werden die Beiträge vor der Publikation begutachtet.[40]

Mittlerweile gibt es weltweit Tausende von geschichtswissenschaftlichen Blogs, viele von ihnen aufgrund des nicht geringen, regelmäßigen Arbeitsaufwands eventuell schon wieder verwaist. Um sich eine Übersicht über tatsächlich aktive und für die eigenen Forschungsinteressen relevanten Blogs zu verschaffen, eignen sich neben den Portalen wie Hypotheses auch Aggregatoren oder kuratierte, regelmäßig aktualisierte Übersichten. Sie erleichtern den Überblick, indem sie die Beiträge aus zahlreichen Blogs auf einer Seite zusammenführen oder Listen mit Links zu Blogs zusammentragen. Thematische Übersichten liefert beispielsweise Global Perspectives on Digital History oder die Seite Early Modern Commons; aber auch einzelne sprachliche Communities werden abgebildet, zum Beispiel durch das Projekt Planet History für deutschsprachige Blogs. Planet Clio versammelt speziell diejenigen verstreuten Blogs, die schwerer auffindbar sein können und teils unregelmäßig publizieren, um so den Zugang zu ihnen zu erleichtern. Hier finden sich die Beiträge von rund 25 geschichtswissenschaftlichen Blogs auf einer gemeinsamen Seite.

Wissenschaftliche Blogs haben in den letzten Jahren eine rege Debatte über die Publikationsmethoden in den Geisteswissenschaften und Kommunikationsgepflogenheiten über Forschungsprozesse und –ergebnisse angeregt. Hier stehen sich teils kontroverse Positionen gegenüber. Ein Diskussionsstrang betrifft das Verhältnis von Fachöffentlichkeiten und allgemeiner Öffentlichkeit. Da Blogs über öffentliche Websites publiziert werden, schließt dies nicht nur die Fach-, sondern auch die allgemeine Öffentlichkeit mit ein; Zugangsschranken gibt es in der Regel und bewusst keine. Da Blogs allgemein zugänglich sind – sie erfordern keinen Gang in die Bibliothek oder gar ein kostenpflichtiges Abonnement – richten sich Hoffnungen auf sie, sie könnten als „Fenster im Elfenbeinturm“[45] die Kommunikation zwischen Fachcommunity und Gesellschaft verbessern. Allerdings scheinen diese Hoffnungen bisher durch die Realität nur bedingt gerechtfertigt zu sein.[46] Das ändert nichts daran, dass die grundsätzliche Debatte weiter geführt wird: „Digitalität ermöglicht es, die Funktion der historisch-kulturwissenschaftlichen Betrachtungsweise für Gesellschaft und Kultur wieder stärker in den Vordergrund zu rücken.“[47] Nicht zuletzt auf die Reflexion der Vermittlung eigener Forschungen zielt Klaus Graf wohl ab, wenn er provokant formuliert: „Ein Wissenschaftler, der nicht bloggt, ist ein schlechter Wissenschaftler“[48] – ein Diktum, das die Mehrzahl der HistorikerInnen im deutschsprachigen Raum allerdings so wohl kaum unterschreiben würde.

Für den amerikanischen Raum wurde der „bloggende Historiker“, der ein eigenes Blog als Selbstverständlichkeit ansieht, bereits als Normalfall beschrieben.[49] Für den deutschsprachigen Raum kann dies so nicht konstatiert werden. Ob ein eigenes Blog gerade NachwuchswissenschaftlerInnen anzuraten sei und was dort publiziert werden solle, was wiederum nicht, wird durchaus diskutiert. Während die einen die Aspekte der Vernetzung mit anderen, der frühen Sichtbarkeit des eigenen Schaffens, des Feedbacks (rund ein Viertel bis ein Drittel der Blogbeiträge auf Hypotheses wird kommentiert[50]) sowie der Vorteile für die persönliche Produktivität herausstellen, sehen andere den nicht unerheblichen Zeitaufwand, den ein eigenes Blog verursacht (Zeit, die eben nicht in die Monographie oder in Peer Review Aufsätze investiert wird), und die Gefahr des zu frühen Publizierens von noch nicht abgesicherte Thesen und Forschungsergebnissen. Die Reputation eines Beitrags, der nicht zweitbegutachtet wurde, ist in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft durchaus umstritten, was einerseits eine Debatte um die Grenzen von Peer Review ausgelöst hat, andererseits aber auch bedacht werden sollte, wenn in einem Blog relevante Forschungsergebnisse präsentiert werden.[51] In der Praxis ist Peer Review weiterhin unumstritten etabliert. Ein Teil dieser Diskussion betrifft die etablierten Hierarchien im Fach, da sich teils auf Blogs die Hoffnung richtet, den wissenschaftlichen Nachwuchs unabhängiger und selbständiger sichtbar werden zu lassen. Für die künftige Reputation von Blogs auf wissenschaftlichen Portalen ist es sicherlich entscheidend, wie deren Redaktionen mit Problemen wie beispielsweise plagiierenden Texten umgehen.[52] Auch die Tatsache, dass manche Blogger anonym bleiben, muss im Kontext der wissenschaftlichen Glaubwürdigkeit und Autorität weiter diskutiert werden.

Die Sichtbarkeit von Blogs und Blogeinträgen wird ebenfalls debattiert und kann sicherlich nicht allgemein beurteilt werden; die oben genannten Aggregatoren und Plattformen spielen hier eine relevante Rolle. Längst nicht alle Blogs veröffentlichen Zahlen zu Seitenaufrufen, die verfügbaren Daten sind meist ungefiltert und somit nicht ganz leicht zu interpretieren. Andererseits fehlen auch Daten zur Leserschaft von Zeitschriftenaufsätzen, so dass Vergleiche kaum angestellt werden können. In Umfragen gibt eine (signifikante) Minderheit von HistorikerInnen an, überhaupt Blogs zu lesen.[54] Zu den bisher nur teils gelösten Fragen zählt die Langzeitarchivierung von Blogs: während sie auf einigen Plattformen gewährleistet ist, können andere Blogs von heute auf morgen fast „spurlos“ verschwinden.

2.2 Soziale Netzwerke

Die großen Plattformen der Social Media wie Twitter und Facebook werden selbstverständlich auch von HistorikerInnen genutzt. Einzelne themenspezifische Facebook-Gruppen zählen mehrere Tausend Mitglieder, die sich hier vernetzen und niedrigschwellig aktuelle Informationen austauschen sowie in Kommentaren diskutieren. Beitreten kann in der Regel jede/r mit einem Facebook-Account; eigene Beiträge können üblicherweise gepostet werden, das Profil des Beitragenden ist dabei sichtbar. Teils organisieren sich so Arbeitskreise ohne eigene Webpräsenz, teils sind es lose Verbünde oder Initiativen von Einzelpersonen. Ausgeprägt ist auch hier wiederum die internationale Dimension der Gruppen. Die Frequenz von Beiträgen ist höchst unterschiedlich und unregelmäßig.[55]

Auf Twitter werden allein aufgrund der Kürze der Nachrichten vor allem Informationen distribuiert, weniger aber direkt vor Ort Debatten geführt. Mittlerweile twittern bereits mehrere Hundert deutschsprachige Historiker, die teils vierstellige Zahlen von „Followern“ erreichen. Wer ihnen folgen möchte, kann sich dabei auch an auf Twitter angelegten Listen orientieren, die die Twitter-Accounts von HistorikerInnen vereinen.[57]

Zusätzlich gibt es Plattformen speziell zur Vernetzung von WissenschaftlerInnen. Allein die Plattform Academia.edu verzeichnet über 30 Mio. Mitglieder aus praktisch allen Disziplinen und Ländern – wobei der Anteil der „Karteileichen“ nur geschätzt werden kann und auch der Anteil der GeisteswissenschaftlerInnen unbestimmt ist. Fakt ist dennoch: gerade die meisten jüngeren GeschichtswissenschaftlerInnen aus dem deutschsprachigen Raum verfügen über ein Profil auf der Plattform, das sie mehr oder minder gut pflegen. Researchgate.net ist mit über 8 Mio. NutzerInnen ebenfalls eine gefragte Plattform. Beide Foren ermöglichen es Mitgliedern, die sich registriert haben, Lebensläufe zu veröffentlichen, Forschungsinteressen anzugeben, anderen Mitgliedern zu „folgen“ und somit anhand ihrer Auswahl über aktuelle Veränderungen informiert zu werden. Es ist auch möglich, Publikationen direkt hochzuladen und somit direkt zugänglich zu machen; Academia.edu gibt an, dass die dort zugänglich gemachten Publikationen in der Folge vergleichsweise signifikant häufiger zitiert würden.[60] Diese Netzwerke ersetzen durch ihr Profil in Teilen auch Universitätswebseiten, da sie stabile Anlaufstellen für die akademische Selbstdarstellung bieten. Stellenanzeigen und ähnliche Angebote erweitern ihr Angebot.

Die Tatsache, dass diese sozialen Netzwerke keine non-profit Einrichtungen sind, hat in den USA und international zu einer Debatte besonders über die Zukunft von Academia.edu geführt. In der Diskussion „On Leaving Academia“[61] wurde nicht nur über eine mögliche Monetarisierung der Dienste von Academia.edu diskutiert, sondern auch über die Frage der Verwendung von Metadaten, der Nutzung digitaler Dienste durch WissenschaftlerInnen, und ihrer (selbstgewählten?) Abhängigkeit von wenigen, dominanten Informations- und Kommunikationsriesen im digitalen Raum.

Auch Literaturverwaltungssoftwares wie Mendeley, Citavi oder Zotero bieten mittlerweile Vernetzungsoptionen an, indem sich Gruppen organisieren und gemeinsam Literaturlisten, Texte und Dateien verwalten können. Der Interaktivität sind hier allerdings derzeit klare –technische – Grenzen gesetzt. Der halböffentliche Charakter dieser Gruppen unterscheidet die Angebote im Normalfall von der Präsentation in Sozialen Medien und rückt die Angebote näher ans kollaborative Arbeiten als an die Fachkommunikation.

3. Fazit

Fachkommunikation ist ein integraler Bestandteil der Geschichtswissenschaften, deren Informationsraum ohne diese Kommunikation nicht erschlossen würde. Peter Habers These, dass Interaktion und Partizipation durch das Web 2.0 bedeutender würden, ist nicht zuletzt aufgrund neuer kommunikativer Praktiken und Medien zuzustimmen. Angesichts eines ebenfalls durch die Digitalisierung veränderten, da vergrößerten und tendenziell fragmentierten Kommunikationsraums ist die Bedeutung der (formalisierten) Fachkommunikation gestiegen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob sich in Teilen ins Schriftliche sowie ins (Halb)Öffentliche verlagert hat, was zuvor mündlich und privat kommuniziert wurde. Jan Hodel hat das Geschehen auf Mailinglisten und Blogs (die Sozialen Netzwerke könnte man hinzufügen) mit dem Geschehen am Rande geschichtswissenschaftlicher Tagungen verglichen – über halbfertige, laufende Projekte wird ebenso gesprochen wie über Neuentdeckungen am Buchmarkt, Must-Read Hinweise und das Netzwerken im Kollegenkreis.[66] Durch die neuen Medien wurden Zugangshürden zur Verbreitung von Informationen abgebaut, die aktive Teilhabe an der Fachöffentlichkeit erleichtert. Der für den deutschsprachigen Raum vor zwanzig Jahren mit der Gründung von H-Soz-Kult begonnene Prozess der Digitalisierung von geschichtswissenschaftlicher Fachkommunikation ist längst nicht abgeschlossen. Zu den etablierten Mailinglisten sind neue Medien wie Blogs und Soziale Netzwerke hinzugekommen. Das Grundprinzip der moderierten Mailinglisten mit aktiver Partizipation aller NutzerInnen bei gleichzeitiger redaktioneller Kontrolle scheint weiterhin das dominante Modell zu sein, wird in den Blogs und Netzwerken aber zunehmend durch andere Formen des Austauschs ergänzt. Inwiefern diese – speziell das Publizieren auf Blogs – die Reputationszuweisung in den Geschichtswissenschaften verändern, bleibt aber noch abzuwarten.

Literaturhinweise

Enderle, Wilfried, Der Historiker, die Spreu und der Weizen. Zur Qualität und Evaluierung geschichtswissenschaftlicher Internetressourcen, http://hist.net/datenarchiv/hs-kurs/qualitaet/doku/enderle_qualitaet.pdf.
Haber, Peter, Digital Past. Geschichtswissenschaft im digitalen Zeitalter, München 2011.
Haber, Peter; Pfanzelter, Eva (Hrsg.), Historyblogosphere. Bloggen in den Geschichtswissenschaften, München 2011, http://www.degruyter.com/viewbooktoc/product/216968.
Hohls, Rüdiger, Geschichte – Computer – Internet: Die latente Informatisierung einer Disziplin, in: Matthias Middell (Hrsg.), Dimensionen der Kultur- und Gesellschaftsgeschichte, Leipzig 2007, S. 354–391.
Schmale, Wolfgang, Digitale Geschichtswissenschaft, Köln 2010.
Schmale, Wolfgang (Hrsg.), Digital Humanities. Praktiken der Digitalisierung, der Dissemination und der Selbstreflexivität, Stuttgart 2015.
Redaktionsblog des deutschen Hypotheses-Portals: http://redaktionsblog.hypotheses.org.

Fußnoten

  1. [1] Haber, Peter, Digital Past. Geschichtswissenschaft im Digitalen Zeitalter, München 2011, S. 139.
  2. [2] Enderle, Wilfried, Der Historiker, die Spreu und der Weizen. Zur Qualität und Evaluierung geschichtswissenschaftlicher Internetressourcen, http://hist.net/datenarchiv/hs-kurs/qualitaet/doku/enderle_qualitaet.pdf.
  3. [3] Haber, Peter, Digital Past, S. 151.
  4. [4] Ebenda S. 139.
  5. [5] Enderle, Wilfried, Geschichtswissenschaft, Fachinformation und das Internet, in: eForum zeitGeschichte (2001) H.3/4, http://www.eforum-zeitgeschichte.at/set3_01a7.htm; Ders., Der Historiker, die Spreu und der Weizen; Winfried Schulze, Zur Geschichte der Fachzeitschriften. Von der "Historischen Zeitschrift" zu den "zeitenblicken", in: Historical Social Research (HSR), 29 (2004) H.1, S. 123–137.
  6. [6] König, Mareike, Herausforderung für unsere Wissenschaftskultur: Weblogs in den Geisteswissenschaften, in Wolfgang Schmale (Hrsg.), Digital Humanities. Praktiken der Digitalisierung, der Dissemination und der Selbstreflexivität, Stuttgart 2015, S. 57–74, hier: S. 62.
  7. [8] Eine Übersicht über die Discussion Networks findet sich hier: https://www.h-net.org/lists.
  8. [9] https://networks.h-net.org/h-german, https://networks.h-net.org/h-ideas, https://networks.h-net.org/h-judaic, https://networks.h-net.org/h-latam, https://networks.h-net.org/h-sci-med-tech, https://networks.h-net.org/h-urban, https://networks.h-net.org/h-world.
  9. [11] https://www.h-net.org/reviews/home.php, https://www.h-net.org/jobs/home.php, https://www.h-net.org/announce.
  10. [12] Allgemein zum H-Net: Gilmore, Matthew, H-Net: Digital Discussion for Historians, in: Perspectives: The Newsletter of the American Historical Association, 45/5 (May 2007), http://www.historians.org/publications-and-directories/perspectives-on-history/may-2007/history-and-the-changing-landscape-of-information/h-net-digital-discussion-for-historians.
  11. [13] Leibo, Steven A., H-Net and the Internationalization of Scholarship, in: Perspectives: The Newsletter of the American Historical Association, 33/5 (May–June 1995), http://www.historians.org/publications-and-directories/perspectives-on-history/may-1995/h-net-and-the-internationalization-of-scholarship.
  12. [14] Hohls, Rüdiger, Geschichte – Computer – Internet: Die latente Informatisierung einer Disziplin, in: Middell, Matthias (Hrsg.), Dimensionen der Kultur- und Gesellschaftsgeschichte, Leipzig 2007, S. 354–391, hier: S. 369.
  13. [16] Eine Redaktionsübersicht findet sich hier: http://www.hsozkult.de/editors.
  14. [17] Hohls, Rüdiger , H-Soz-u-Kult. Kommunikation und Fachinformation für die Geschichtswissenschaften, in: Historical Social Research/Historische Sozialforschung 29, 2004, Nr. 1, S. 212–232; Gantert, Klaus, H-Soz-u-Kult – Informationsdienst für die Geschichtswissenschaften, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 62 (2011), 11-12, S. 645–650.
  15. [23] Fahrmeir, Andreas, Bloggen und Open Peer Review in der Geschichtswissenschaft: Chance oder Sackgasse?, in: Haber, Peter; Pfanzelter, Eva, Historyblogosphere. Bloggen in den Geschichtswissenschaften, München 2011, http://www.degruyter.com/viewbooktoc/product/216968, S. 23–36, hier: S. 24/25.
  16. [24] Fahrmeir, Andreas, Bloggen und Open Peer Review in der Geschichtswissenschaft, S. 26.
  17. [29] König, Mareike, Herausforderung für unsere Wissenschaftskultur, S. 64.
  18. [30] Siehe die Beiträge in Haber, Peter; Pfanzelter, Eva (Hrsg.), Historyblogosphere.
  19. [31] https://wordpress.org und https://de.wordpress.com
  20. [32] Siehe zum Beispiel https://rrzk.uni-koeln.de/blog.html; http://blogs.fu-berlin.de; https://www.blogs.uni-mainz.de/dokumentation/erste-schritte; http://tu-dresden.de/service/inf_ex/ratgeber/lifestyle/14_06_23_studentenblog; https://blogs.hu-berlin.de. Als Instrument in der Lehre werden Blogs ebenfalls erfolgreich genutzt, siehe Tantner, Anton, Wikipedia und Weblogs in der universitären Lehre, in: Haber, Peter; Pfanzelter, Eva, Historyblogosphere. Bloggen in den Geschichtswissenschaften, München 2011, http://www.degruyter.com/viewbooktoc/product/216968, S. 45–56.
  21. [33] Mittlerweile auf Hypotheses: http://archivalia.hypotheses.org, https://achimlandwehr.wordpress.com/author/achland (mittlerweile beendet), http://wolfgangschmale.eu, http://tantner.net. Der angesehene Blog von Jan Hodel (bis zu dessen Tod gemeinsam mit Peter Haber) http://www.hist.net/jan-hodel ist mittlerweile nicht mehr aktiv.
  22. [36] http://de.hypotheses.org. Dazu auch König, Mareike, Die Entdeckung der Vielfalt: Geschichtsblogs der europäischen Plattform hypotheses.org, in: Haber, Peter; Pfanzelter, Eva (Hrsg.), Historyblogosphere, S. 181–198.
  23. [38] So Mareike König, Leiterin der Redaktion des deutschsprachigen Hypotheses-Portals. Vgl. auch Interview mit Mareike König auf LISA: http://www.lisa.gerda-henkel-stiftung.de/zum_fruehstueck_lese_ich_die_posts_meiner_kollegen?nav_id=1752
  24. [40] Beispiele sind http://public-history-weekly.oldenbourg-verlag.de sowie http://geschichtedergegenwart.ch.
  25. [45] König, Mareike, Herausforderung für unsere Wissenschaftskultur, S. 68
  26. [46] „Eine Umfrage unter Wissenschaftsbloggenden ergab, dass sich diese überwiegend an Peers richten und weder in Themenwahl noch in Sprachanspruch Rücksicht auf ein breites Publikum nehmen.“ König, Mareike, Herausforderung für unsere Wissenschaftskultur, S. 68.
  27. [47] Schmale, Wolfgang, Einleitung: digital Humanities – Historische Kulturwissenschaften, in: Ders. (Hrsg.), Digital Humanities, S. 9–13, hier: S. 10.
  28. [48] Graf, Klaus, Best of Archivalia (x): Ein Wissenschaftler, der nicht bloggt, ist ein schlechter Wissenschaftler (2011), in: Archivalia, 10.12.2013, http://archiv.twoday.net/stories/572462395.
  29. [49] So Hecker-Stampehl, Jan, Bloggen in der Geschichtswissenschaft als Form des Wissenstransfers, in: Haber ,Peter; Pfanzelter, Eva, Historyblogosphere, S. 37–50, hier: S. 37.
  30. [50] König, Mareike, Herausforderung für unsere Wissenschaftskultur, S. 68
  31. [51] Vgl. Fahrmeir, Andreas, Bloggen und Open Peer Review, in: Haber, Peter; Pfanzelter, Eva (Hrsg.), Historyblogosphere.
  32. [52] Landes, Lilian, Wie hältst Du's mit der Qualität? Gretchen online, in: in: Rezensieren, Kommentieren, Bloggen, 23.04.2013, http://rkb.hypotheses.org/498.
  33. [54] In Umfragen liegen die Werte zwischen unter zehn und knapp 30 Prozent: Pscheida, Daniela; Albrecht, Steffen; Herbst, Sabrina, Minet, Claudia, Köhler, Thomas, Nutzung von Social Media und onlinebasierten Anwendungen in der Wissenschaft. Erste Ergebnisse des Science 2.0-Survey 2013 des Leibniz-Forschungsverbunds „Science 2.0”, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:14-qucosa-132962
  34. [55] Zum Beispiel, mit jeweils 2.000 bis 4.000 Mitgliedern, die Gruppe Geschichts- und Kulturwissenschaften https://www.facebook.com/groups/18625366867/?ref=bookmarks; Society for the Social History of Medicine https://www.facebook.com/groups/societyforthesocialhistoryofmedicine/?ref=bookmarks; Subcultures, Popular Music and Social Change https://www.facebook.com/groups/267152449995279/?ref=bookmarks; kritische geschichte https://www.facebook.com/groups/122329837790275/?ref=bookmarks; weitere Listen könnten aufgeführt werden.
  35. [57] Z.B. die Liste „European Twitterstorians“.
  36. [60] Price, Richard u.a., Open Access Meets Discoverability: citations to Articles Posted to Academia.edu, http://www.academia.edu/12297791/Open_Access_Meets_Discoverability_Citations_to_Articles_Posted_to_Academia.edu
  37. [61] Eine reflektierende Zusammenfassung des Initiators findet sich hier: Guy Geltner: Upon Leaving Academia.edu, in: Mittelalter. Interdisziplinäre Forschung und Rezeptionsgeschichte, 7. December 2015, http://mittelalter.hypotheses.org/7123.
  38. [66] Fahrmeir, Andreas, Bloggen und Open Peer Review in der Geschichtswissenschaft, S. 26/27.

Zitation

Claudia Prinz, Kommunikation im digitalen Raum. Email, soziale Netzwerke und Blogs, in: Clio Guide – Ein Handbuch zu digitalen Ressourcen für die Geschichtswissenschaften, Hrsg. von Laura Busse, Wilfried Enderle, Rüdiger Hohls, Gregor Horstkemper, Thomas Meyer, Jens Prellwitz, Annette Schuhmann, Berlin 2016 (=Historisches Forum, Bd. 19), http://www.clio-online.de/guides/arbeitsformen-und-techniken/digitale-werkzeuge/2016.

Für Clio-online verfasst von:

Claudia Prinz

Claudia Prinz M.A. arbeitet und lehrt am Institut für Geschichtswissenschaften der Hum-boldt-Universität zu Berlin. Neben der redaktionellen Betreuung von H-Soz-Kult verfolgt sie ein Dissertationsprojekt zur internationalen Gesundheitsgeschichte in den 1970er bis 1990er Jahren.