Einführung

Das „Handwerk des Historikers“ ist in der Geschichtswissenschaft, stärker noch als in anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen, ein geflügeltes Wort. Es suggeriert ein solides, eben ein handwerkliches Fundament für das Fach. Und zweifelsohne ist die Geschichtswissenschaft in ihrer Methodik empirisch orientiert; sie gründet auf der Unterscheidung von „Fakten und Fiktionen“[1] als Basis für die darauf aufsetzenden Interpretationen und theoretischen Modellbildungen sowie die von manchen sogar als literarische Form verstandene Geschichtsschreibung. Dieser empirische Bezug der Geschichtswissenschaft fand auch in der Bildung der historischen Hilfs- oder Grundwissenschaften ihren Ausdruck, die das „Werkzeug des Historikers“[2] bilden und im Kern die Techniken zur kritischen Erschließung und Bewertung der Quellen als der empirischen Basis geschichtswissenschaftlichen Arbeitens bereitstellen. Zum Werkzeugkasten eine/r HistorikerIn gehören aber auch die Ressourcen und Instrumente der Fachinformation, um die es in der vorliegenden Publikation geht.

Die Fähigkeit zu recherchieren, sich selbständig eine Übersicht zum Stand der Forschung zu einem bestimmten Thema zu erarbeiten, ebenso wie einschlägige Quellen dazu zu finden, gehört zu den grundlegenden Kompetenzen der HistorikerInnen – und mag zudem den Studierenden des Faches später auch in anderen beruflichen Kontexten als der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung von Nutzen sein. So elementar die Kenntnis der Recherchewerkzeuge, der Suchmaschinen und Fachbibliographien, der Bibliothekskataloge und Archivrepertorien auch ist, so umfasst der Begriff und die Sache der Fachinformation doch noch mehr. Dazu gehört auch ein Verständnis der wissenschaftlichen Kommunikations- und Publikationsformen und ihrer Praktiken sowie der institutionellen Infrastrukturen, die diese ermöglichen.

Früher konnte man sich die Grundlagen der geschichtswissenschaftlichen Fachinformation über Bücherverzeichnisse oder sogenannte Bibliographien der Bibliographien erarbeiten.[3] Das hat auch heute noch seine Berechtigung, in Zeiten der vielbeschworenen digitalen Transformation von Gesellschaft wie Wissenschaft reicht das indes bei weitem nicht mehr aus. Denn auch die geschichtswissenschaftliche Fachinformation hat sich in den letzten Jahren dem digitalen Wandel nicht entziehen können - und manche Akteure haben sich dem auch bewusst nicht entziehen wollen.[4] Dabei hat sich nicht nur die Recherche ins Netz verlagert. Handschriften, Archivalien, alte Drucke, Zeitungen, Karten und andere Quellenformen sind in nicht unerheblichem Umfang retrodigitalisiert oder digital ediert worden. Zunehmend liegen auch Fachzeitschriften und Monographien sowie Hand- und Lehrbücher in digitaler Form vor, sei es als digitales Pendant zu einer gedruckten Ausgabe, sei es als digitales „Original“. Dazu kommt, dass die genannten herkömmlichen Publikationsformen der Fachinformation ergänzt wurden und werden um neue, genuin digitale und auch nur in digitaler Form realisierbare Produkte. Blogs, Kommunikationsnetzwerke, Fachnachschlagewerke als Wikis, sogenannte thematische Websites oder Thematic Research Archives[5], seien als Beispiele genannt. HistorikerInnen müssen mittlerweile nolens volens die digitale Fachinformation der Disziplin kennen und in der Lage sein, sich ihrer Instrumente zu bedienen. Genau dazu will das vorliegende Online-Handbuch eine Einführung bieten.

Darüber sollte freilich nicht vergessen werden, dass HistorikerInnen gleichsam zweisprachig sein müssen. Man muss der digitalen Fachinformation kundig sein, denn es steht außer Frage, dass diese mittlerweile die primäre Basis für die Recherche ist und zunehmend auch die eigentlichen Publikationen zumindest in digitalen Parallelausgaben als digitale Zeitschrift oder als E-Book vorliegen. Zugleich aber bleiben gewichtige Residuen zu deren Erschließung man noch gedruckte Bibliographien, Repertorien und Nachschlagewerke nutzen muss. Abgesehen davon steht es jedem, der die Beschäftigung mit der Vergangenheit zum Beruf macht, gut an, auch um die historischen Praktiken des eigenen Faches zu wissen.

Diese „Zweisprachigkeit des Historikers“ birgt auch ein gewisses Konfliktpotential, eine Spannung zwischen digitaler und gedruckter Fachinformation, zwischen bewussten Befürwortern und Propagandisten einer digitalen Geschichtswissenschaft und Anhängern der Gutenberg-Galaxis. Die Diskussion und Bewertung der digitalen Transformation geschichtswissenschaftlicher Fachinformation ist freilich ein Thema, mit dem sich diese Publikation bewusst und dezidiert nicht beschäftigt. Ob die klassischen Publikationsformen der Geisteswissenschaften, insbesondere die vielbeschworene große Monographie, als gedrucktes Buch weiterhin ihren Platz behaupten sollten, ist eine zu Recht gestellte und diskutierte Frage. Eine Frage, mit der sich das Fach ebenso wie die Vertreter der verschiedenen Institutionen geschichtswissenschaftlicher Fachinformation, Verleger, Archivare und Bibliothekare, auseinandersetzen müssen – und vielleicht noch intensiver auseinandersetzen sollten als dies bislang geschehen ist. Ein weiteres grundsätzliches Thema, das bewusst nicht angeschnitten wird, wäre das weite Feld der „Digitalität an sich“, die Frage, inwieweit digitale Medien die bisherigen Publikationsgenres sprengen, zu neuen Epistemen und narrativen Formen führen und Methoden wie institutionelle Infrastrukturen verändern.[7]

In dem vorliegenden Online-Handbuch geht es um etwas Einfacheres und Elementareres: Um die aktuelle Kartierung des Feldes der digitalen Fachinformation der Geschichtswissenschaft. Der Begriff der Fachinformation wird dabei bewusst breit verstanden, so dass auch institutionelle Infrastrukturen und digitale Werkzeuge mit darunter subsumiert werden. Unabhängig davon, wie man Fachinformation im Detail definiert, ist ihre Existenz ein Faktum, das professionelle HistorikerInnen zunächst einmal zur Kenntnis nehmen und vor allem kennen müssen. Zur Erlangung dieser Kenntnisse will die vorliegende Online-Publikation Clio-Guide. Ein Handbuch zu digitalen Ressourcen für die Geschichtswissenschaften einen Beitrag leisten. Es verfolgt mithin primär ein praktisches Ziel: Eine bewusst positivistisch und faktenorientierte Einführung zum Stand der digitalen Fachinformation und eine Übersicht über die wichtigsten Hilfsmittel und Instrumente zu geben. Damit wendet es sich sowohl an Studierende und Lehrende, die sich die Grundlagen geschichtswissenschaftlicher Fachinformation erarbeiten bzw. diese vermitteln wollen, als auch an forschende HistorikerInnen, die eine Einführung in den Stand der Fachinformation in für sie neue Forschungsgebiete benötigen. Im Unterschied zu den neueren Einführungen von Doina Oehlmann und Klaus Gantert oder dem englischsprachigen Pendant von Jenny L. Presnell[8], die einen primär propädeutischen Charakter haben und sich in den ersten beiden Fällen auf die Beschreibung weniger, aber zentraler, vornehmlich für die deutsche Geschichte und die deutsche Geschichtswissenschaft relevanter Ressourcen fokussieren, versucht die vorliegende Veröffentlichung in Ergänzung dazu einen thematisch wie konzeptionell weiteren Bogen zu schlagen. Konzeptionell weiter, weil zum Beispiel in den einzelnen Guides, je nach Thema, institutionelle Akteure und Konstellationen geschichtswissenschaftlicher Fachinformation neben der Auflistung und Beschreibung von Ressourcen vorgestellt werden; und thematisch wurde Wert darauf gelegt, dass nicht nur primär Ressourcen für die deutsche Geschichte, sondern für – so weit wie möglich – alle Regionen der Welt aufgenommen wurden.

Zur Gliederung des Handbuches im Einzelnen: In einem ersten Teil wird unter der Überschrift Digitale Arbeitsformen und -techniken zunächst auf konzeptionelle Fragen eingegangen. Digitale Technologien ermöglichen, dies ist eine Binsenweisheit, auch neue Methoden und Arbeitstechniken. Vielleicht am frühesten und zunächst am umfassendsten haben sich neue digitale Kommunikationsformen in der Geschichtswissenschaft etabliert, über deren Entwicklung und aktuellen Stand der Guide Kommunikation im digitalen Raum informiert. Wer sich mit digitalen Medien und Quellen beschäftigt, kommt nicht umhin, sich auch ein Grundlagenwissen zu technischen Aspekten zu erarbeiten. Eine Einführung zum technischen Verständnis digitaler bzw. digitalisierter Quellen bietet der Guide Digitale Quellen: Datei- und Datenformate. Neben diesen Guides zu eher grundlegenden Aspekten werden auch bereits konkrete Arbeitsinstrumente thematisiert: Digitale Werkzeuge. Von der Recherche und der Literaturverwaltung bis zur Analyse digitaler Volltexte sowie Fakten und Informationen im digitalen Raum - Von Lexika, historischen Sachwörterbüchern und biografischen Nachschlagewerken zu historischen Informationssystemen.

Archive und Bibliotheken werden mitunter gerne als Labore der HistorikerInnen bezeichnet. Auch wenn bei der Verwendung dieser Metapher ein gewisses Spannungsverhältnis und ein Profilierungsstreben im Verhältnis zu den Naturwissenschaften unübersehbar ist, so hat sie durchaus ihre sachliche Berechtigung. HistorikerInnen brauchen Sammlungen, Institutionen und Orte, wo Quellen zusammengetragen, erschlossen und auf Dauer für die Nachwelt und die Angehörigen der geschichtsforschenden Zunft aufbewahrt werden. Ohne Wissen um diese Institutionen, ihre Funktionen, aber auch die Veränderungen, die diese durch die Digitalisierung ihrer Bestände erfahren, kann kein/e HistorikerIn Forschung betreiben. Daher gibt es einen zweiten Teil zu Sammlungen, bei dem zunächst die Trias der klassischen Gedächtnisinstitutionen vorgestellt wird: Archive, Bibliotheken sowie Museen und Gedenkstätten – natürlich immer im Hinblick darauf, wie diese für die digitalen HistorikerInnen nutzbar sind. So wichtig in der Praxis Institutionen sind, für HistorikerInnen stehen natürlich im Mittelpunkt die Materialien und Sammlungsgenres selbst. Neben einem Guide Historische Volltextdatenbanken wird daher auch noch auf eine Reihe für HistorikerInnen wichtiger Quellengattungen eingegangen: Nachlässe und Autographen, Amtliche Veröffentlichungen und Statistiken sowie Karten.

Im dritten und vierten Teil werden dann die klassischen Spezialisierungen des Faches behandelt: Epochen und Regionen. Im dritten Teil zu den Epochen führen Guides ein zur Alten Geschichte, dem Mittelalter, der Frühen Neuzeit, der Neueren Geschichte, dem „Langen 19. Jahrhundert“ und der Zeitgeschichte. Abgesehen von dem Guide zur Alten Geschichte haben die Epochen-Guides einen gewissen Fokus auf die deutsche Geschichte, auch wenn im einen oder anderen Fall der Blick auch darüber hinausgeht und weitere Regionen insbesondere Westeuropas miteinbezieht.

Im vierten Teil zu den Regionen gibt es daher keinen eigenen Guide zu Deutschland. Auch wenn das Online-Handbuch mit Blick auf die Bedürfnisse der deutschen Geschichtswissenschaft geschrieben wurde, so kann und darf bei der zunehmenden Bedeutung globaler und transnationaler Geschichte für das Fach die Fachinformation nicht nur im Blick auf die deutsche Geschichte gesehen werden. Es wurde daher ein besonderes Augenmerk darauf gelegt, möglichst umfassend den Stand der digitalen Geschichtswissenschaft und ihrer Hilfsmittel zu europäischen und außereuropäischen Regionen durch jeweils eigene Guides abzudecken. Dies ist auch – mit Abstrichen – weitgehend gelungen. Es gibt Guides zu den größeren Ländern Westeuropas, zu Frankreich, Großbritannien und Irland, Spanien, Italien, der Schweiz sowie zu Nordeuropa; dazu kommen Guides zu Osteuropa und Südosteuropa. Afrika wird thematisiert sowie Südasien, Südostasien, China und Japan; weiterhin gibt es einen Guide zu Australien und Neuseeland sowie drei Guides, welche die Regionen des amerikanischen Kontinents abdecken: Kanada, USA und Lateinamerika. Natürlich sind nicht alle einzelnen Staaten der verschiedenen Kontinente abgedeckt. Es gibt Lücken - dazu gleich mehr.

Im fünften Teil, der unter der Überschrift Themen fungiert, ist die Lücke nun freilich Prinzip. Der mittlerweile erreichte Spezialisierungsgrad der Geschichtswissenschaft würde hier eine Vielzahl von Guides zu unterschiedlichen Themen erlauben. Das Label Werkstattbereich soll deutlich machen, dass vor allem hier – ohne die anderen Teile des Handbuchs ausnehmen zu wollen – in Zukunft bei möglichen weiteren Auflagen der größte Raum für neue Guides ist. Bereits behandelt werden: Stadtgeschichte, Wirtschaftsgeschichte, Unternehmensgeschichte, Umweltgeschichte, Kommunikations- und Mediengeschichte, Europäische Religionsgeschichte der Neuzeit sowie Geschichte und Literatur.

Wie gesagt, es gibt natürlich auch Desiderate. Bei den regionalen Guides fehlen in Europa zum Beispiel die Beneluxstaaten ebenso wie Portugal, Griechenland oder Polen, Tschechien und die Slowakei. Und natürlich könnte man die Großregionen Afrika und Asien durchaus noch weiter untergliedern oder Guides zum transpazifischen oder transatlantischen Raum und weiteren historischen Räumen erstellen. Eine schmerzliche Lücke bildet auch das Fehlen eines Guides zur Geschichte des jüdischen Volkes. Im ersten Teil hätte man sich auch einen Guide zu den historischen Hilfswissenschaften vorstellen können. Und bei den Sammlungen fehlen zum Beispiel Guides zu Zeitungen, Bild-, Ton-, Film- und Fernseharchiven. Für diese Desiderate gibt es unterschiedliche Gründe; manchmal ist das Fehlen eines Guides auch dem Stand der Forschung in der deutschen Geschichtswissenschaft zu der jeweiligen Region geschuldet.

Wer die Publikation als Ganzes läse, würde bei den einzelnen Guides eine Reihe von Wiederholungen feststellen. Das liegt daran, dass bestimmte Ressourcen für mehrere Epochen oder Regionen von zentraler Bedeutung sind. Wer in Deutschland forscht und digitale Quellen und Fachzeitschriften nutzt, wird beispielsweise immer wieder auf von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierte Nationallizenzen stoßen; oder auf die EZB, die Elektronische Zeitschriftenbibliothek, ein Kooperationsprojekt deutscher wissenschaftlicher Bibliotheken, über die die Lizenzen und damit der Zugriff auf kommerzielle Zeitschriften administriert wird. Ebenso gibt es grundlegende Nachschlagewerke, wie die Deutsche Biographie, oder Kommunikationsnetzwerke, wie H-Soz-Kult, die für deutsche HistorikerInnen, gleich welcher epochalen, regionalen oder thematischen Spezialisierung sie sich verschrieben haben, genutzt werden und die daher immer wieder in unterschiedlichen Guides genannt werden. Weitere Beispiele ließen sich nennen. Diese Wiederholungen und Überschneidungen zwischen Guides wurden nicht nur in Kauf genommen, sie sind in dieser Form auch gewollt.

Denn: Das vorliegende Online-Handbuch ist primär als ein Angebot für Einführungen gedacht, wobei die Gliederung des gesamten Werks sowie die Struktur der einzelnen Guides für die selektive, also die systematisch auswählende Lektüre konzipiert sind. Natürlich steht es jedem Leser und jeder Leserin frei, alle Beiträge – in ausgedruckter Form wären das modo grosso um die 1.000 Seiten – der Reihe nach zu lesen. Doch das dürfte nicht die primäre Form der Rezeption sein. Je nach dessen Fragestellung und Interessenslage dürften ein oder mehrere Guides ausgewählt werden. Je nachdem, ob jemand sich konkret mit einer Region, einer Epoche oder einem Thema beschäftigt, oder sich erst einmal für Hintergrundinformationen zur digitalen Transformation der Geschichtswissenschaft interessiert, können einzelne Guides gelesen werden. Es ist zudem auch möglich, immer nur Teile ausgewählter Guides zu lesen, denn der Aufbau der einzelnen Guides, insbesondere bei den Epochen und Regionen, folgt einer einheitlichen Struktur. Um die Autoren nicht in ein zu enges Korsett zu pressen, sind die Guides in zwei Teile gegliedert: In einem ersten Teil A gibt es eine freie Einführung in das Thema, wobei insbesondere die institutionellen Infrastrukturen und wichtigere Projekte und Entwicklungen angesprochen werden; im zweiten Teil B werden dann nach einer vorgegebenen Gliederung ausgehend von Nachweisinstrumenten (Portale, Fachbibliographien, Bibliothekskataloge, Webkataloge und Suchmaschinen, Archive, Museen) über das Thema Kommunikationsdienste, Blogs und Social Media bis hin zu den eigentlichen digitalen Medien (Nachschlagewerke, Quellen, digitale Publikationen, thematische Websites, multimediale Publikationen) wichtige Hilfsmittel und Publikationsprojekte vorgestellt.

Ein Projekt wie dieses Online-Handbuch kann nur von einem Team von Autorinnen und Autoren geschrieben werden – im vorliegenden Fall sind es mehr als 50. Das bedeutet auch, dass die Guides bei aller strukturellen Vereinheitlichung die unterschiedliche Handschrift der jeweiligen Autoren tragen. Bei der Einführung in das Thema, dem Teil A der Guides, wurde auch, wie bereits angedeutet, den Autoren bewusst ein stärkerer Gestaltungsspielraum gelassen, so dass hier, je nach Auffassung der Autoren, in den einzelnen Guides durchaus unterschiedliche Gesichtspunkte und Perspektiven thematisiert werden. Deutlich wird bei der Lektüre auch, dass HistorikerInnen, die in Sammlungsinstitutionen arbeiten, mitunter durchaus andere Perspektiven haben als HistorikerInnen, die primär in Forschung und Lehre aktiv sind. Diese Multiperspektivität, soweit man bei einer derart positivistisch orientierten Publikation wie der vorliegenden Einführung in die digitale Fachinformation der Geschichtswissenschaft davon sprechen kann, ist durchaus Teil des Konzeptes und soll im besten Fall der wechselseitigen Anregung dienen.

Natürlich haben sich die HerausgeberInnen bei der Konzeption der Publikation auch die Frage gestellt, welche mediale Form dafür am geeignetsten ist. Man hätte nach dem Vorbild von Docupedia ein Wiki mit dynamischer Aktualisierungsoption realisieren oder ein datenbankbasiertes Nachschlagewerk aufsetzen können. Auch weitergehende medientechnische Experimente wären vorstellbar - bis hin zur Integration von Videotutorials und Screencasts. Die Entscheidung fiel für ein im Kern traditionelles Format, ein Handbuch mit einzelnen Kapiteln verfasst von individuellen Autoren. Was heißt das konkret? Es gibt eine abgeschlossene Publikation in PDF, die Open Access in der Reihe Historisches Forum. Themenhefte von Clio-Online vorgelegt wird. Zugleich wird diese Publikation auch Teil des Fachportals Clio-Online mit der Option, die Beiträge direkt in einem Browser im HTML-Format zu lesen. Die medientechnische Modernität der Publikation liegt also im Kern in seiner Digitalität und der Open Access-Nutzung – sofern man diese Facetten angesichts der Entwicklung der letzten Jahrzehnte noch mit dem Etikett der Modernität versehen mag.

Die verschiedenen Optionen haben, wie immer, Vor- und Nachteile. Für die vorliegende Form sprachen mehrere Gründe: Zunächst einmal ging es nicht primär darum, mit neuen medientechnischen Formen zu experimentieren und neue Formate zu entwickeln, sondern die Inhalte und deren Vermittlung, die Sache selbst, sollte im Zentrum stehen. Dafür schien ein im Fach akzeptiertes Format besser geeignet zu sein, da dem Ziel einer Einführung entsprechend auch ein potentiell breiter Leserkreis angesprochen und erreicht werden soll.

Neben den Lesern können bei einem Publikationsvorhaben aber auch die Interessen der Autoren nicht außer Acht gelassen werden. Das geschichtswissenschaftliche Publizieren ist im Kern noch auf Texte und auf traditionelle Formen hin orientiert. Für HistorikerInnen in akademischen Kontexten, so eine weitere Überlegung, ist es mithin schlicht und einfach hilfreicher, wenn sie Publikationsformen nutzen können, die in ihrem Feld anerkannt sind. Dass so viele Autorinnen und Autoren sich bereitgefunden haben, an einem solchen Publikationsprojekt mitzuarbeiten, ist alles andere als selbstverständlich, und die HerausgeberInnen waren und sind sich dessen bewusst und allen Beiträgern zu großem Dank verpflichtet. Die vorliegende Publikationsform soll den Autoren dafür eine möglichst gute und breite Rezeption durch Studierende wie Forschende verschaffen.

Eine in sich abgeschlossene Publikation bietet zudem den Vorteil der Konzentration – für Autoren wie für Leser. Der Autor konzentriert sich auf seinen Beitrag und ist dann nach dessen Abschluss frei, sich anderen Aufgaben zuwenden zu können. Bei einer dynamischen Publikationsform müsste er forthin unter der Fron regelmäßiger Aktualisierungen leben – neben all den anderen Aufgaben, die in Forschung, Lehre oder den Sammlungsinstitutionen zu leisten sind. Auch deshalb die traditionelle Form des Buches, des „Online-Handbuches“, das in der vorliegenden Form auch ohne weiteres in eine gedruckte Publikation überführt werden könnte; wobei zugleich klar ist, dass angesichts des Themas natürlich eine online zugängliche Form mit der Option, die vorgestellten Ressourcen auch unmittelbar aufrufen zu können, die einzig adäquate Lösung darstellt.

Für die Entscheidung zugunsten eines traditionellen Formats gab es noch ein weiteres Argument – auch wenn das keine zentrale Rolle spielte. Die Geschichtswissenschaft befindet sich derzeit – wie andere Fächer auch – in einer digitalen Formierungsphase. Auch wenn die vorliegende Publikation primär eine einführende und propädeutische Funktion hat, so hat sie, gleichsam nebenbei, noch einen weiteren Effekt: Sie dokumentiert bis zu einem gewissen Grad die digitale Formierungsphase zu einem definierten Zeitpunkt. Dafür ist eine abgeschlossene, in sich fixe und nicht kontinuierlich veränderte Publikation ein geeignetes Format. Wenn sich Inhalt und Form der Publikation bewähren sollten und es zu regelmäßigen Aktualisierungen im Abstand von einigen Jahren käme, wäre diese Einführung in die digitale Fachinformation der Geschichtswissenschaft mithin in gewisser Weise auch eine wissenschaftshistorische Dokumentation des medientechnischen Wandels des Faches. Doch das ist, wie gesagt, keine primär beabsichtigte, aber durchaus einkalkulierte mögliche Wirkung.

Damit ist bereits ein letztes Thema angesprochen: Die Frage der Aktualität und möglicher Aktualisierungen und Erweiterungen. Die vorliegenden Guides versuchen, das Thema in methodischer, epochaler und regionaler Hinsicht möglichst umfassend abzudecken. Aber natürlich gibt es, wie bereits angesprochen, Lücken; Themen, die aus verschiedenen, zum Teil praktischen Gründen noch nicht berücksichtigt werden konnten. Es gibt daher die Option, in weiteren Auflagen das Online-Handbuch auszubauen und um weitere Guides zu ergänzen. Zudem steht außer Frage, dass die bereits vorliegenden Guides, wenn sie ihrer eigentlichen propädeutischen Funktion gerecht werden wollen, im Abstand mehrerer Jahre regelmäßig aktualisiert werden müssen. Ob und in welchen Zeiträumen dies geschieht, wird sowohl von der Rezeption der Publikation als auch den Ressourcen der AutorInnen wie der HerausgeberInnen abhängen. Ob dabei in Zukunft das technische Format verändert werden muss, wird man sehen. Die vorliegende Publikation bildet auf alle Fälle in ihrer Form eine Grundlage und zwar eine in sich selbständige und autonome Grundlage für inhaltliche Ergänzungen, Aktualisierungen und neue medientechnische Publikationsformen. Ob und in welcher Form sie fortgeschrieben wird, hängt nicht zuletzt auch davon ab, wie sich die digitalen Technologien und Wissenschaften und damit auch die digitale Geschichtswissenschaft in den nächsten Jahren weiter entwickeln werden.

Laura Busse, Wilfried Enderle, Rüdiger Hohls, Gregor Horstkemper, Thomas Meyer, Jens Prellwitz, Annette Schuhmann

Fußnoten

  1. [1] Evans, Richard J., Fakten und Fiktionen. Über die Grundlagen historischer Erkenntnis, Frankfurt am Main 1998.
  2. [2] Brandt, Ahasver von, Werkzeug des Historikers. Eine Einführung in die historischen Hilfswissenschaften, 18. Aufl., Stuttgart 2012.
  3. [3] Pars pro toto seien genannt: Baumgart, Winfried, Bücherverzeichnis zur deutschen Geschichte. Hilfsmittel, Handbücher, Quellen, 18. überarb. und erw. Aufl., Stuttgart 2014; Totok, Wilhelm; Weitzel, Rolf: Handbuch der bibliographischen Nachschlagewerke, Bde. 1-2, 6. erw., völlig neu bearb. Aufl., Frankfurt/Main 1984–1985.
  4. [4] Vgl. Cohen, Daniel J.; Rosenzweig, Roy, Digital History. A Guide to Gathering, Preserving, and Presenting the Past on the Web, Philadelphia 2006; Schmale, Wolfgang, Digitale Geschichtswissenschaft, Wien u.a. 2010; Haber, Peter, Digital Past. Geschichtswissenschaft im digitalen Zeitalter, München 2011.
  5. [5] Vgl. Interchange: The Promise of Digital History, in: The Journal of American History, (95) 2008, S. 457: „Early digital history efforts were largely archival, often called “intentional archives” or “thematic research archives”.“
  6. [7] Vgl. nur Schmale, Wolfgang, Digitale Vernunft, in: Historische Mitteilungen 26 (2013/2014) S. 94–100.
  7. [8] Oehlmann, Doina, Erfolgreich recherchieren - Geschichte, Berlin - Boston 2012; Gantert, Klaus, Elektronische Informationsressourcen für Historiker, Berlin u.a. 2011; Presnell, Jenny L., The Information-Literate Historian. A Guide to Research for History Students, 2. Aufl., New York 2013.

Zitation: Einführung, Clio-Guide. Ein Handbuch zu digitalen Ressourcen für die Geschichtswissenschaften, Hrsg. von Laura Busse, Wilfried Enderle, Rüdiger Hohls, Gregor Horstkemper, Thomas Meyer, Jens Prellwitz, Annette Schuhmann, Berlin 2016 (=Historisches Forum, Bd. 19), http://www.clio-online.de/guides/einfuehrung/2016.

Für Clio-online verfasst von:

Laura Busse / Wilfried Enderle / Rüdiger Hohls / Gregor Horstkemper / Thomas Meyer / Jens Prellwitz / Annette Schumann

Laura Busse, Wilfried Enderle, Rüdiger Hohls, Gregor Horstkemper, Thomas Meyer, Jens Prellwitz, Annette Schuhmann

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