Zur dritten Auflage: Was hat sich verändert?

2016 erschien die erste Auflage des Online-Handbuchs Clio-Guide. Ein Handbuch zu digitalen Ressourcen für die Geschichtswissenschaften; 2018 folgte die zweite um einige Guides zu wichtigen Themen ergänzte und soweit nötig auch bereits aktualisierte Auflage. Dass nun nur fünf Jahre später bereits die dritte Auflage erscheint, ist – neben der wahrnehmbaren Rezeption des Online-Handbuchs – auch der „Transformation of Historical Research in the Digital Age“ geschuldet.[1] „Over a generation of historical scholarship, the way in which historians research and write has dramatically changed. While many of these changes have been individually small, cumulatively they represent a transformation in the way that historical scholarship is researched, written, and published.“[2] Man kann zweifelsohne kontrovers über die Frage diskutieren, wie tiefgreifend in den letzten 20 bis 30 Jahren der Wandel geschichtswissenschaftlicher Praktiken tatsächlich war, dass die fortschreitende Digitalisierung einen Wandel in Gang gesetzt hat, dürfte unstrittig sein.[3]

In den letzten fünf Jahren sind neue digitale Ressourcen für die Geschichtswissenschaft aufgelegt worden, dazu haben sich digitale Publikationsformen weiter etabliert und entwickelt. Beides liefert bereits gute Gründe für eine dritte Auflage der Clio-Guides und für einige konzeptionelle Veränderungen, die dafür vorgenommen wurden. Diese Veränderungen beziehen sich vor allem auf die Form der Online-Publikation, weniger auf die Kernidee. Was hat sich nun verändert, was ist neu gegenüber den ersten beiden Auflagen?

1. Anders als 2016 und 2018 wird das Online-Handbuch nicht mehr zu einem definierten Erscheinungstermin als Ganzes, als in sich abgeschlossene Veröffentlichung publiziert. Es bietet jetzt vielmehr einen Rahmen, in dem sukzessive Guides, nicht zuletzt auch zu neuen Themen, publiziert werden können.

2. Für ein Thema gibt es nun zwei Publikationsformen, den vertrauten Clio-Guide in Form eines „Artikels“, der nunmehr aber ergänzt wird um die Publikationsform einer „Liste“, die für den raschen Überblick eine Auswahl der wichtigsten Ressourcen mit kurzen Beschreibungen „auflistet“. Die Liste bietet – im Unterschied zum Artikel – die Option kurzfristiger Aktualisierungen, neue Ressourcen können in einem vorgegebenen Rhythmus aufgenommen, nötige Korrekturen bei nicht mehr gültigen URL’s vorgenommen werden. Zugleich erlaubt dies den Autorinnen und Autoren bei der Form des Artikels größere Freiräume bei Disposition und inhaltlicher Gestaltung.

3. Die Möglichkeiten des kontinuierlichen Ausbaus des Online-Handbuchs erlaubt in Zukunft auch stärker mit neuen Publikationsformen und –optionen zu experimentieren. Das können medial andere Formen wie Podcasts sein, aber auch neue Sparten, wie Diskussionen zu Fragen digitaler Methoden und der quellenkritischen Diskussion digitaler Ressourcen. Derartige Weiterentwicklungen sollen in den nächsten Jahren im Kontext des Teilprojektes Data Culture des NDFI4Memory-Projektes erfolgen.

Zum Konzept der Clio-Guides

Was sich nicht geändert hat, ist die Grundidee, das Konzept des Online-Handbuchs: Es soll weiterhin ein Werkzeug geschichtswissenschaftlicher Fachinformation sein, das in der Tradition der klassischen Bücherverzeichnisse und Bibliographien der Bibliographien steht, es geht weiterhin um das Handwerkszeug des Historikers. Das „Handwerk des Historikers“ ist in der Geschichtswissenschaft, stärker noch als in anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen, ein geflügeltes Wort. Es suggeriert ein solides, eben ein handwerkliches Fundament für das Fach. Und zweifelsohne ist die Geschichtswissenschaft in ihrer Methodik empirisch orientiert; sie gründet auf der Unterscheidung von „Fakten und Fiktionen“[5] als Basis für die darauf aufsetzenden Interpretationen und theoretischen Modellbildungen sowie die von manchen sogar als literarische Form verstandene Geschichtsschreibung. Dieser empirische Bezug der Geschichtswissenschaft fand auch in der Bildung der historischen Hilfs- oder Grundwissenschaften ihren Ausdruck, die das „Werkzeug des Historikers“[6] bilden und im Kern die Techniken zur kritischen Erschließung und Bewertung der Quellen als der empirischen Basis geschichtswissenschaftlichen Arbeitens bereitstellen. Zum Werkzeugkasten des Historikers gehören aber auch die Ressourcen und Instrumente seiner Fachinformation, um die es in der vorliegenden Publikation geht.

Die Fähigkeit zu recherchieren, sich selbständig eine Übersicht zum Stand der Forschung zu einem bestimmten Thema zu erarbeiten, ebenso wie einschlägige Quellen dazu zu finden, gehört zu den grundlegenden Kompetenzen von Historikerinnen und Historikern – und mag zudem den Studierenden des Faches später auch in anderen beruflichen Kontexten als der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung von Nutzen sein. So elementar die Kenntnis der Recherchewerkzeuge, der Suchmaschinen und Fachbibliographien, der Bibliothekskataloge und Archivrepertorien auch ist, so umfasst der Begriff und die Sache der Fachinformation doch noch mehr. Dazu gehört auch ein Verständnis der wissenschaftlichen Kommunikations- und Publikationsformen und ihrer Praktiken sowie der institutionellen Infrastrukturen, die diese ermöglichen.

Früher konnte man sich diese Grundlagen der geschichtswissenschaftlichen Fachinformation über Bücherverzeichnisse oder sogenannte Bibliographien der Bibliographien erarbeiten.[7] Das geht heute schon lange nicht mehr. Gerade die Recherche, zunehmend die Nutzung von Quellen und peu à peu auch das Publizieren haben sich in den Raum digitaler Fachinformation verlagert.[8] Dazu kommt, dass die genannten herkömmlichen Publikationsformen der Fachinformation ergänzt wurden und werden um neue, genuin digitale und auch nur in digitaler Form realisierbare Produkte. Blogs, Podcasts, Kommunikationsnetzwerke, Fachnachschlagewerke als Wikis, sogenannte thematische Websites oder Thematic Research Archives[9], seien als Beispiele genannt. Ein Historiker muss mittlerweile die digitale Fachinformation seiner Disziplin kennen und in der Lage sein, sich ihrer Instrumente zu bedienen. Genau dazu will das vorliegende Online-Handbuch eine Einführung bieten.

Darüber sollte freilich nicht vergessen werden, dass eine Historikerin, ein Historiker gleichsam zweisprachig sein muss. Sie müssen der digitalen Fachinformation kundig sein, denn es steht außer Frage, dass diese mittlerweile die primäre Basis für die Recherche ist und zunehmend auch die eigentlichen Publikationen zumindest in digitalen Parallelausgaben als digitale Zeitschrift oder als E-Book vorliegen. Zugleich aber bleiben Residuen zu deren Erschließung man noch gedruckte Bibliographien, Repertorien und Nachschlagewerke nutzen muss. Abgesehen davon steht es jedem, der die Beschäftigung mit der Vergangenheit zum Beruf macht, gut an, auch um die historischen Praktiken seines Faches zu wissen.

Diese „Zweisprachigkeit des Historikers“ birgt immer noch ein gewisses Konfliktpotential, eine Spannung zwischen digitaler und gedruckter Fachinformation, zwischen bewussten Befürwortern und Propagandisten einer digitalen Geschichtswissenschaft und Anhängern der Gutenberg-Galaxis. Die Diskussion und Bewertung der digitalen Transformation geschichtswissenschaftlicher Fachinformation ist freilich ein Thema, mit dem sich diese Publikation bewusst und dezidiert nicht beschäftigt. Ob die klassischen Publikationsformen der Geisteswissenschaften, insbesondere die vielbeschworene große Monographie, als gedrucktes Buch weiterhin ihren Platz behaupten sollten, ist eine zu Recht gestellte und diskutierte Frage.[10] Eine Frage, mit der sich das Fach ebenso wie die Vertreter der verschiedenen Institutionen geschichtswissenschaftlicher Fachinformation, Verleger, Archivare und Bibliothekare, auseinandersetzen müssen - und vielleicht noch intensiver auseinandersetzen sollten als dies bislang geschehen ist. Ein weiteres grundsätzliches Thema, das bewusst (noch) nicht angeschnitten wird, wäre das weite Feld der „Digitalität an sich“, die Frage, inwieweit digitale Medien die bisherigen Publikationsgenres sprengen, zu neuen Epistemen und narrativen Formen führen und Methoden wie institutionelle Infrastrukturen verändern.[11]

In dem vorliegenden Online-Handbuch geht es um etwas Einfacheres und Elementareres: Um die aktuelle Kartierung des Feldes der digitalen Fachinformation der Geschichtswissenschaft. Der Begriff der Fachinformation wird dabei bewusst breit verstanden, so dass auch institutionelle Infrastrukturen und digitale Werkzeuge mit darunter subsumiert werden. Unabhängig davon, wie man Fachinformation im Detail definiert, ist ihre Existenz ein Faktum, das professionelle Historikerinnen und Historiker zunächst einmal zur Kenntnis nehmen und das sie vor allem kennen müssen. Zur Erlangung dieser Kenntnisse will die vorliegende Online-Publikation Clio-Guide - Ein Handbuch zu digitalen Ressourcen für die Geschichtswissenschaften einen Beitrag leisten. Es verfolgt mithin primär ein praktisches Ziel: Eine bewusst positivistisch und faktenorientierte Einführung zum Stand der digitalen Fachinformation und eine Übersicht über die wichtigsten Hilfsmittel und Instrumente zu geben. Damit wendet es sich sowohl an Studierende und Lehrende, die sich die Grundlagen geschichtswissenschaftlicher Fachinformation erarbeiten bzw. diese vermitteln wollen, als auch an forschende Historikerinnen und Historiker, die eine Einführung in den Stand der Fachinformation in für sie neue Forschungsgebiete benötigen. Im Unterschied zu den neueren, vielleicht könnte man auch sagen, den letzten noch als Buch erschienenen Einführungen von Doina Oehlmann und Klaus Gantert oder dem englischsprachigen Pendant von Jenny L. Presnell[12], die einen primär propädeutischen Charakter haben und sich in den ersten beiden Fällen auf die Beschreibung weniger, aber zentraler, vornehmlich für die deutsche Geschichte und die deutsche Geschichtswissenschaft relevanter Ressourcen fokussieren, versucht die vorliegende Veröffentlichung in Ergänzung dazu einen thematisch wie konzeptionell weiteren Bogen zu schlagen. Konzeptionell weiter, weil zum Beispiel in den einzelnen Guides, je nach Thema, institutionelle Akteure und Konstellationen geschichtswissenschaftlicher Fachinformation neben der Auflistung und Beschreibung von Ressourcen vorgestellt werden; und thematisch wurde Wert darauf gelegt, dass nicht nur primär Ressourcen für die deutsche Geschichte, sondern für - so weit wie möglich - alle Regionen der Welt aufgenommen wurden.

Gliederung des Handbuchs

Zur Gliederung des Handbuches im Einzelnen (wobei nochmals darauf hingewiesen sei, dass in der Startausgabe der dritten Auflage noch nicht alle nachfolgend genannten Guides enthalten sind, sondern einige erst im Laufe der nächsten Monate publiziert werden): In einem ersten Teil wird unter der Überschrift Digitale Arbeitsformen und -techniken zunächst im Guide Digitale Geschichtswissenschaft: Methoden, Techniken auf konzeptionelle Fragen eingegangen. Digitale Technologien ermöglichenauch neue Methoden und Arbeitstechniken. Dazu kommt neu ein eigener Guide zu Institutionen digitaler Geschichtswissenschaft. Vielleicht am frühesten und zunächst am umfassendsten haben sich neue digitale Kommunikationsformen in der Geschichtswissenschaft etabliert, über deren Entwicklung und aktuellen Stand der Guide Kommunikation im digitalen Raum informiert. Neu hinzugekommen sind in der dritten Auflage die Guides Digitales Publizieren und Forschungsdaten.

Wer sich mit digitalen Medien und Quellen beschäftigt, kommt nicht umhin, sich auch ein Grundlagenwissen zu technischen Aspekten zu erarbeiten. Eine Einführung zum technischen Verständnis digitaler bzw. digitalisierter Quellen bietet der Guide Digitale Quellen: Datei- und Datenformate und als neuer Guide zu methodischen Frage kommt Digitale Quellenkritik hinzu sowie ein Guide Digitalisierung des Kulturerbes des kolonialen Südens. Neben diesen Guides zu eher grundlegenden Aspekten werden auch konkrete Arbeitsinstrumente thematisiert: Digitale Werkzeuge sowie Fakten und Informationen im digitalen Raum - Von Lexika, historischen Sachwörterbüchern und biografischen Nachschlagewerken zu historischen Informationssystemen.

Archive und Bibliotheken werden mitunter gerne als Labore der Historiker bezeichnet. Auch wenn bei der Verwendung dieser Metapher ein gewisses Spannungsverhältnis und ein Profilierungsstreben im Verhältnis zu den Naturwissenschaften unübersehbar ist, so hat sie durchaus ihre sachliche Berechtigung. Historikerinnen und Historiker brauchen Sammlungen, Institutionen und Orte, wo Quellen zusammengetragen, erschlossen und auf Dauer für die Nachwelt und die Angehörigen der geschichtsforschenden Zunft aufbewahrt werden. Ohne Wissen um diese Institutionen, ihre Funktionen, aber auch die Veränderungen, die diese durch die Digitalisierung ihrer Bestände erfahren, kann keine Forschung betrieben werden. Daher gibt es einen zweiten Teil zu Sammlungen, bei dem zunächst die Trias der klassischen Gedächtnisinstitutionen vorgestellt wird: Archive, Bibliotheken sowie Museen und Gedenkstätten - natürlich immer im Hinblick auf ihre „digitale Seite“. So wichtig in der Praxis Institutionen sind, im Mittelpunkt stehen natürlich die Materialien und Sammlungsgenres selbst. Neben einem Guide Historische Volltextdatenbanken wird daher auch noch auf eine Reihe wichtiger Quellengattungen eingegangen: Nachlässe und Autographen, Zeitungen, Bildquellen, Amtliche Publikationen, Statistische Daten sowie Karten.

Im dritten und vierten Teil werden dann die klassischen Spezialisierungen des Faches behandelt: Epochen und Regionen. Im dritten Teil zu den Epochen führen Guides ein zur Alten Geschichte, dem Mittelalter, der Frühen Neuzeit, der Neueren Geschichte, dem „Langen 19. Jahrhundert“ und der Zeitgeschichte. Einen spezifischen Fokus haben die Guides Nationalsozialismus und Holocaust sowie DDR. Abgesehen von dem Guide zur Alten Geschichte haben die Epochen-Guides einen gewissen Schwerpunkt auf der deutschen Geschichte, auch wenn im einen oder anderen Fall der Blick auch darüber hinausgeht und, insbesondere im Guide zum langen 19. Jahrhundert weitere Regionen, insbesondere Westeuropas, miteinbezogen werden.

Im vierten Teil zu den Regionen gibt es daher keinen eigenen Guide zu Deutschland. Auch wenn das Online-Handbuch mit Blick auf die Bedürfnisse der deutschen Geschichtswissenschaft geschrieben wurde, so kann und darf bei der zunehmenden Bedeutung globaler und transnationaler Geschichte für das Fach die Fachinformation nicht nur im Blick auf die deutsche Geschichte gesehen werden. Es wurde daher ein besonderes Augenmerk darauf gelegt, möglichst umfassend den Stand der digitalen Geschichtswissenschaft und ihrer Hilfsmittel zu europäischen und außereuropäischen Regionen durch jeweils eigene Guides abzudecken. Dies ist auch - mit Abstrichen - weitgehend gelungen. Es gibt Guides zu den Ländern Westeuropas, zu Frankreich, Großbritannien und Irland, den Beneluxstaaten Niederlande, Belgien, Luxemburg, zu Spanien, Italien, aber auch zu Österreich sowie der Schweiz und zu Nordeuropa; dazu kommen Guides zu Russland, Belarus, Ukraine, zu Polen, Tschechien, Slovakei und Südosteuropa. Afrika wird thematisiert, ebenso der Vordere Orient und Nordafrika sowie Südasien, Südostasien, China und Japan; weiterhin gibt es einen Guide zu Australien und Neuseeland sowie drei Guides, welche die Regionen des amerikanischen Kontinents abdecken: Kanada, USA und Lateinamerika. Natürlich sind nicht alle einzelnen Staaten der verschiedenen Kontinente abgedeckt. Es gibt Lücken - dazu gleich mehr.

Im fünften Teil, der unter der Überschrift Themen firmiert, ist die Lücke nun freilich Prinzip. Der mittlerweile erreichte Spezialisierungsgrad der Geschichtswissenschaft würde hier eine Vielzahl von Guides zu unterschiedlichen Themen erlauben. Das Label Werkstattbereich soll deutlich machen, dass vor allem hier - ohne die anderen Teile des Handbuchs ausnehmen zu wollen - in Zukunft bei möglichen weiteren Auflagen der größte Raum für neue Guides ist. Bereits behandelt werden: Moderne Stadtgeschichte, Wirtschaftsgeschichte, Unternehmensgeschichte, Umweltgeschichte, Mediengeschichte, Europäische Religionsgeschichte der Neuzeit, Geschichte und Literatur sowie Jüdische Geschichte im deutschsprachigen Raum. Neu hinzu kommen in der dritten Auflage: Fachdidaktik, Technikgeschichte, Militärgeschichte, Public History, Wissensgeschichte, Rechtsgeschichte und Medizingeschichte.

Desiderate, Überschneidungen, Aktualisierungen und Struktur der Clio-Guides

Aufgrund der neuen Online-Publikationspraxis der dritten Auflage werden nicht gleich alle Guides zum ersten Online-Gang enthalten sein, aber weitere überarbeitete oder neue Guides werden sukzessive publiziert und über H-Soz-Kult angekündigt werden. Und es gibt natürlich auch Desiderate. Bei den regionalen Guides fehlen in Europa noch Portugal, Griechenland, Ungarn oder auch das Baltikum. Und natürlich könnte man die Großregionen Afrika und Asien durchaus noch weiter untergliedern oder Guides zum transpazifischen oder transatlantischen Raum und weiteren historischen Räumen erstellen. Im ersten Teil hätte man sich auch einen Guide zu den historischen Hilfswissenschaften vorstellen können. Für diese Desiderate gibt es unterschiedliche Gründe; manchmal ist das Fehlen eines Guides auch dem Stand der Forschung in der deutschen Geschichtswissenschaft zu der jeweiligen Region geschuldet.

Wer die Publikation als Ganzes läse, würde bei den einzelnen Guides eine Reihe von Wiederholungen feststellen. Das liegt daran, dass bestimmte Ressourcen für mehrere Epochen oder Regionen von zentraler Bedeutung sind. Wer in Deutschland forscht und digitale Quellen und Fachzeitschriften nutzt, wird beispielsweise immer wieder auf von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierte Nationallizenzen stoßen; oder auf die EZB, die Elektronische Zeitschriftenbibliothek, ein Kooperationsprojekt deutscher wissenschaftlicher Bibliotheken, über die die Lizenzen und damit der Zugriff auf kommerzielle Zeitschriften administriert wird. Ebenso gibt es grundlegende Nachschlagewerke, wie die Deutsche Biographie, oder Kommunikationsnetzwerke, wie H-Soz-Kult, die für deutsche Historiker, gleich welcher epochalen, regionalen oder thematischen Spezialisierung sie sich verschrieben haben, genutzt werden und die daher immer wieder in unterschiedlichen Guides genannt werden. Weitere Beispiele ließen sich nennen. Diese Wiederholungen und Überschneidungen zwischen Guides wurden nicht nur in Kauf genommen, sie sind in dieser Form auch gewollt.

Denn: Das vorliegende Online-Handbuch ist primär als ein Angebot für Einführungen gedacht, wobei die Gliederung des gesamten Werks sowie die Struktur der einzelnen Guides für die selektive, also die systematisch auswählende Lektüre konzipiert sind. Natürlich steht es jedem Leser frei, alle Beiträge - in ausgedruckter Form wären das weit über 1.000 Seiten - der Reihe nach zu lesen. Doch das dürfte nicht die primäre Form der Rezeption sein. Je nach seiner Fragestellung und Interessenslage dürften ein oder mehrere Guides ausgewählt werden. Je nachdem, ob jemand sich konkret mit einer Region, einer Epoche oder einem Thema beschäftigt, oder sich erst einmal für Hintergrundinformationen zur digitalen Transformation der Geschichtswissenschaft interessiert, können einzelne Guides gelesen werden.

Bei der Gliederung der einzelnen Guides hatten und haben die Autorinnen und Autoren der dritten Auflage etwas mehr Freiraum als zuvor. Da die wichtigsten Ressourcen in die Publikationsform der Liste aufgeführt werden kann je nach Interesse von Autorinnen und Autoren im Artikel auch mehr auf Kontexte, Institutionen und Projekte eingegangen werden, die für das jeweilige Thema wichtig sind. In allen Guides wird – natürlich immer in Abhängigkeit vom jeweiligen Thema – möglichst immer eingegangen auf: Portale, Fachbibliographien, Bibliotheken, Archive, Museen sowie das Thema Kommunikationsdienste, Blogs und Social Media bis hin zu den eigentlichen digitalen Medien (Nachschlagewerke, Quellen, digitale Publikationen, thematische Websites, multimediale Publikationen).

Auch wenn die vorliegende Publikation primär eine einführende und propädeutische Funktion hat, so hat sie, gleichsam nebenbei, noch einen weiteren Effekt: Sie dokumentiert bis zu einem gewissen Grad die digitale Formierungsphase zu einem definierten Zeitpunkt. Wenn sich Inhalt und Form der Publikation bewähren sollten und es zu regelmäßigen Aktualisierungen im Abstand von einigen Jahren käme, wäre diese Einführung in die digitale Fachinformation der Geschichtswissenschaft mithin in gewisser Weise auch eine wissenschaftshistorische Dokumentation des medientechnischen Wandels des Faches. Doch das ist, wie gesagt, keine primär beabsichtigte, aber durchaus einkalkulierte mögliche Wirkung.

Mit der Frage des Wandels sei ein letztes Thema angesprochen: Die Frage möglicher Aktualisierungen und Erweiterungen. Die vorliegenden Guides versuchen, das Thema in methodischer, epochaler und regionaler Hinsicht möglichst umfassend abzudecken. Aber natürlich gibt es, wie bereits angesprochen, Lücken; Themen, die aus verschiedenen, zum Teil praktischen Gründen noch nicht berücksichtigt werden konnten. Es gibt daher die Option, das Online-Handbuch auszubauen und um weitere Guides zu ergänzen. Bei den bestehenden Guides können die Listen in kürzeren, wenn nötig auch jährlichen Fristen aktualisiert werden, die Artikel selbst in größeren Zeitabständen. Vor allem aber bleibt bei einer Online-Publikation die Option, neue Formate zu integrieren. Das wird eine Aufgabe der nächsten Jahre sein.

Dank

Ein Projekt wie dieses Online-Handbuch kann nur von einem Team von Autorinnen und Autoren geschrieben werden - im vorliegenden Fall sind es über 80. Das bedeutet auch, dass die Guides bei aller strukturellen Vereinheitlichung die unterschiedliche Handschrift der jeweiligen Autoren tragen. Deutlich wird bei der Lektüre, dass Historikerinnen und Historiker, die in Sammlungsinstitutionen arbeiten, mitunter durchaus andere Perspektiven haben als diejenigen, die primär in Forschung und Lehre aktiv sind. Diese Multiperspektivität, soweit man bei einer derart positivistisch orientierten Publikation wie der vorliegenden Einführung in die digitale Fachinformation der Geschichtswissenschaft davon sprechen kann, ist durchaus Teil des Konzeptes und soll im besten Fall der wechselseitigen Anregung dienen.

Dass so viele Autorinnen und Autoren sich bereitgefunden haben, an einem solchen Publikationsprojekt mitzuarbeiten, ist alles andere als selbstverständlich, und das Herausgeberteam war und ist sich dessen bewusst und Allen zu großem Dank verpflichtet. Möge die vorliegende Publikationsform den Autorinnen und Autoren dafür eine möglichst gute und breite Rezeption durch Studierende wie Forschende verschaffen.

Silvia Daniel, Wilfried Enderle, Rüdiger Hohls, Thomas Meyer, Claudia Prinz, Jens Prellwitz, Annette Schuhmann, Silke Schwandt

Fußnoten

  1. [1] Milligan, Ian, The Transformation of Historical Research in the Digital Age, Cambridge 2022.
  2. [2] Ebda., S. 1.
  3. [3] Vgl. nur Donig, Simon; Rehbein, Malte, Für eine "gemeinsame digitale Zukunft". Eine kritische Verortung der Digital History, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 73 (2022), S. 527–545; Lässig, Simone, Digital History. Challenges and Opportunities for the Profession, in: Geschichte und Gesellschaft 47 (2021), S. 5–34; Crymble, Adam, Technology and the Historian. Transformation in the Digital Age, Urbana - Chicago - Springfield 2021; oder die in der von Andreas Fickers, Valérie Schafer, Sean Takats and Gerben Zaagsma beim Verlag DeGruyter herausgegebenen Reihe Studies in Digital History and Hermeneutics mittlerweile erschienenen Bände, zuletzt Digital History: Konzepte, Methoden und Kritiken Digitaler Geschichtswissenschaft, hrsg. von Karoline Döring, Stefan Haas, Mareike König und Jörg Wettlaufer (=Digital History and Hermeneutics, Bd. 6) Berlin – Boston 2022.
  4. [5] Evans, Richard J., Fakten und Fiktionen. Über die Grundlagen historischer Erkenntnis, Frankfurt/Main 1998.
  5. [6] Brandt, Ahasver von, Werkzeug des Historikers. Eine Einführung in die historischen Hilfswissenschaften, 18. Aufl., Stuttgart 2012.
  6. [7] Pars pro toto seien genannt: Baumgart, Winfried, Bücherverzeichnis zur deutschen Geschichte. Hilfsmittel, Handbücher, Quellen, 18. überarb. und erw. Aufl., Stuttgart 2014; Totok,, Wilhelm / Weitzel, Rolf: Handbuch der bibliographischen Nachschlagewerke, Bde. 1–2, 6. erw., völlig neu bearb. Aufl., Frankfurt/Main 1984–1985.
  7. [8] Vgl. Cohen, Daniel J.; Rosenzweig, Roy, Digital History. A Guide to Gathering, Preserving, and Presenting the Past on the Web, Philadelphia 2006; Schmale, Wolfgang, Digitale Geschichtswissenschaft, Wien - Köln - Weimar 2010; Haber, Peter, Digital Past. Geschichtswissenschaft im digitalen Zeitalter, München 2011; Milligan, The Transformation of Historical Research, 2022.
  8. [9] Vgl. Interchange: The Promise of Digital History, in: The Journal of American History, (95) 2008, S. 457: “Early digital history efforts were largely archival, often called “intentional archives” or “thematic research archives”.”
  9. [10] Vgl. Groebner, Valentin, Wissenschaftssprache digital. Die Zukunft von gestern, Konstanz 2014; Hagner, Michael, Zur Sache des Buches, Göttingen 2015; und als konsensorientierte wissenschaftspolitische Stellungnahme: Empfehlungen zur Zukunft des wissenschaftlichen Publikationssystems, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin 2015.
  10. [11] Vgl. nur Schmale, Wolfgang, Digitale Vernunft, in: Historische Mitteilungen 26 (2013/2014) S. 94–100.
  11. [12] Oehlmann, Doina, Erfolgreich recherchieren - Geschichte, Berlin - Boston 2012; Gantert, Klaus, Elektronische Informationsressourcen für Historiker, Berlin - Boston 2011; Presnell, Jenny L., The Information-Literate Historian. A Guide to Research for History Students, 2. Aufl., New York 2013.

Zitation: Clio-Guide: Einführung, in: Clio Guide – Ein Handbuch zu digitalen Ressourcen für die Geschichtswissenschaften, hrsg. von Silvia Daniel, Wilfried Enderle, Rüdiger Hohls, Thomas Meyer, Claudia Prinz, Jens Prellwitz, Annette Schuhmann, Silke Schwandt, 3. aktualisierte Aufl., Berlin 2023.