USA

1. Geschichtswissenschaft und Digital History in den USA

Im Herbst 2011 erschien im Netz ein Sammelband zum Thema Writing History in the Digital Age, herausgegeben von Kristen Nawrotzki und Jack Dougherty.[1] Passend zum Thema wollte das Projekt beispielhaft eine neue Form des digitalen Publizierens in der Geschichtswissenschaft propagieren: Born digital, Open Peer Review und Open Access, das waren die Leitlinien, an denen man sich orientierte. Doch so ganz schienen die beiden Herausgeber ihrem digitalen Leitbild selbst nicht zu trauen. Denn zwei Jahre später folgte die bei der University of Michigan Press verlegte, gedruckte Ausgabe.[2] Eine Ambivalenz, die nicht untypisch ist für das Thema Digital History in der amerikanischen Geschichtswissenschaft. Auf der einen Seite blüht das Feld der Digital History. Es gibt zahlreiche Aktivitäten, wie noch zu zeigen ist, und nicht zuletzt nimmt es wissenschaftspolitisch einen hohen Stellenwert ein. Dies dokumentiert zum Beispiel William Cronon, der im Januar 2012 nach seiner Wahl zum Präsidenten der American Historical Association feststellte: „[…] I knew from the outset that fostering conversations about the impact of the digital revolution on the practice of history would be among my highest priorities.“[3] Den Verband zusammen mit seinem Vorgänger Anthony Grafton zu ermutigen, sich systematisch mit der digitalen Transformation der eigenen Fachdisziplin zu beschäftigen, bildete für ihn mithin eine wichtige Priorität seiner Amtszeit. Mit diesem wissenschaftspolitischen Vorsatz kontrastieren freilich die Ergebnisse verschiedener Umfragen und Untersuchungen, die im Januar 2011 in der Chronicle of Higher Education wie folgt zusammengefasst wurden: „It found that faculty members in the humanities, as a whole, were less willing than were scholars in other areas to embrace the use of new digital media in their work, and that historians were slower than others in the humanities to do so.”[4]

Hinter dieser Ambivalenz dürfte zunächst weniger eine Skepsis gegenüber der Nutzung digitaler Medien und Methoden stehen, sondern vor allem eine pragmatische Orientierung an akademischen Karrieremustern, die immer noch wesentlich auf der Publikation gedruckter Monographien gründen. Während also immer noch eine Mehrheit der HistorikerInnen dem Feld der Digital History mit einer gewissen Distanz gegenübersteht, wird indessen gleichzeitig bereits die Fachinformation der amerikanischen Geschichtswissenschaft zunehmend auf digitale Füße gestellt. So wird die mediale Grundlage des Faches, historische Quellen im weitesten Umfang, sowie die Sekundärliteratur, Monographien und Zeitschriften, in digitale Form überführt. Diese Entwicklung ist schon weit fortgeschritten mit dem Ergebnis, dass bereits heute ein großer Teil der für HistorikerInnen relevanten Medien in digitaler Form parallel zu den gedruckten Versionen vorliegt. Zum Zweiten sind in den letzten Jahren genuin digitale Quellenbestände entstanden, die die ZeithistorikerInnen zwingen, sich zu deren Aneignung neuer digitaler Methoden zu bedienen. Dem korrespondieren zum Dritten neue Formen digitalen Publizierens, wozu neben Open Access-Publikationen, die, wie das eingangs genannte Beispiel, herkömmliche Publikationsformen digital imitieren, vor allem thematische Websites gehören, die versuchen, Quellen und Text in neuer Form zu verbinden und nicht zuletzt auch neue Zielgruppen der Public History in den Blick zu nehmen. Auch Blogs oder Podcasts sind hier zu nennen.

Digital History kommt freilich erst dann zu sich selbst, wenn sie auch neue Methoden einsetzt, die das Fach verändern. „The future of digital history needs to be the future of history”, so brachte es Tim Hitchcock auf der Konferenz zum 20th anniversary des Roy Rosenzweig Center for History and New Media auf den Punkt. Digital Historians mit diesem Anspruch sind indes noch eine Minderheit in der amerikanischen Geschichtswissenschaft. Der Boom der Digital Humanities in den USA in den letzten Jahren deutet aber eine expansive Richtung dieses Feldes an – auch wenn Digital Humanities und Digital History nicht einfach gleichgesetzt werden können.[6]

Der Schwerpunkt liegt im Folgenden indes auf der digitalen Transformation der Fachinformation, wobei zunächst einige institutionelle Akteure hervorgehoben werden, die für das Feld der Digital History in den USA maßgeblich sind. In Teil B wird dann an konkreten Beispielen die digitale Transformation des medialen Raums der Geschichtswissenschaft in den USA illustriert.

1.1 Die Fachverbände

Dass das Thema Digital History in den USA einen gewissen Stellenwert hat, liegt nicht zuletzt an der American Historical Association. Unter den verschiedenen Berufsverbänden, der 1907 gegründeten Organization of American Historians und dem jüngeren, erst seit 1979 bestehenden National Council of Public History, ist die AHA als ältester, seit 1884 existierender Berufsverband in diesem Feld seit über fünfzehn Jahren am aktivsten. Bereits 1999 hat der damalige Vorsitzende Robert Darnton mit dem Gutenberg-e Program ein Projekt initiiert, bei dem einige herausragende Dissertationen in digitaler Form publiziert wurden, mit dem Ziel, dem digitalen Publizieren in der amerikanischen Geschichtswissenschaft einen kräftigen Anschub zu geben.[10] Auch wenn dies nicht so gelang wie erhofft, und es beim Versuch, das Flaggschiff der amerikanischen Geschichtswissenschaft, die American Historical Review, in Open Access-Formen zu überführen, ebenfalls Rückschläge gab, hat die AHA das Thema doch weiterhin zielstrebig verfolgt.[11] Insbesondere in den monatlich erscheinenden Perspectives on History wird regelmäßig über Entwicklungen im Feld der Digital History berichtet. Neben Robert Darnton und anderen Vorsitzenden hatte daran nicht zuletzt auch Roy Rosenzweig (1950–2007) als Vizepräsident der AHA seinen Anteil. Seit seinem frühen Tod vergibt die AHA in Kooperation mit dem Roy Rosenzweig Center for History and New Media auch jährlich den Roy Rosenzweig Prize in History and New Media „… for an innovative and freely available new media project that reflects thoughtful, critical, and rigorous engagement with technology and the practice of history”.

1.2 Digital History Center und Initiativen an Universitäten

Das 1994 von Roy Rosenzweig an der George Mason University gegründete und mittlerweile nach ihm benannte Roy Rosenzweig Center for History and New Media ist derzeit auch im Bereich Digital History die profilierteste Einrichtung in den USA und mit circa 50 Mitarbeitern auch eine der größten ihrer Art. Mit Zotero hat sie ein international weit verbreitetes, frei verfügbares Softwareprodukt zur Verwaltung von Literaturzitaten und recherchierten Websites erstellt. Neben der Erstellung von Software für die Geisteswissenschaften liegt ein deutlicher Schwerpunkt der Arbeit des CHNM auf der Produktion thematisch fokussierter Websites - meistens, aber nicht nur zu amerikanischen Geschichte -, die beispielhaft zeigen sollen, über welche Möglichkeiten der Erschließung, Präsentation und Auswertung digitalisierter Quellen HistorikerInnen mittlerweile verfügen können. Zur Unterstützung der akademischen Lehre gibt es noch eine Reihe weiterer Produkte, wie History Matters, einen Katalog geschichtswissenschaftlich relevanter Websites. Wer sich als Novize in das neue Feld der Digital History in den USA einarbeiten will, kann ebenfalls auf ein Produkt des CHNM zurückgreifen. Mit Doing Digital History wurden die Materialien eines im August 2014 gehaltenen Sommerkurses online zugänglich gemacht.

Das 1998 von Edward L. Ayers und William G. Thomas III. gegründete Virginia Center for Digital History konzentriert sich im Unterschied zum CHNM weitgehend auf die Publikation fachlicher Websites. Das mag auch damit zusammenhängen, dass einer der Gründer, Edward L. Ayers, in den Jahren zuvor bereits begonnen hatte, eine der frühesten und zugleich immer noch interessantesten, thematisch spezialisierten Websites zu einem zentralen Thema amerikanischer Geschichte, dem Sezessionskrieg, zu publizieren: Valley of the Shadows. Mittlerweile sind unter dem Dach des Virginia Center eine Reihe weitere, nicht mehr ganz so umfangreiche und etwas weniger ambitionierte geschichtswissenschaftliche Websites entstanden, die aber immer noch einen guten Eindruck davon vermitteln, wie in den USA solche thematischen Sites vor allem auch für die Lehre erstellt und eingesetzt werden.[20]

Explizit mit der digitalen Vermittlung von Geschichte im Unterricht beschäftigt sich die 2011 an der Harvard University gegründete U.S. History Scene, eine „multimedia education website“, die von einer größeren Gruppe von HistorikerInnen verschiedener Universitäten getragen wird und die zusammen mit der Bancroft Library der Berkeley University sogar ein eigenes Fellowship in Digital History vergibt. Vor allem für den Unterricht sind auch die digitalen Angebote des allerdings außeruniversitären Gilder Lehrman Institutes of American History konzipiert. Nicht allen Digital History-Aktivitäten an amerikanischen Universitäten ist freilich immer Erfolg beschieden, mitunter gibt es auch Projekte, die nicht mehr weitergeführt werden.[24] Zahlreiche Aktivitäten laufen auch unter dem Dach verschiedener Digital Humanities Initiativen, die in den letzten Jahren einen deutlichen Aufschwung erlebt haben, auf die hier aber aufgrund ihres fachlich breiteren Fokus‘ nicht eingegangen werden soll.[25] Bezeichnend für die Bedeutung, die die Digital Humanities in den USA mittlerweile erreicht haben, ist nicht zuletzt der Umstand, dass das National Endowment for the Humanities, ein eigenes Office for Digital Humanities eingerichtet hat.

1.3 Digital History an außeruniversitären Institutionen

Außeruniversitäre Einrichtungen spielen für die akademische Geschichtswissenschaft – nicht für die Public History – in den USA eine geringere Rolle. Die Fachverbände sowie die History Departments an den Universitäten bilden die zentralen institutionellen Säulen des Faches. Für den Bereich der Digital History sollte man aber auch außeruniversitäre Infrastruktureinrichtungen mit im Auge behalten. Hier sind in erster Linie Archive, Bibliotheken und Historical Societies oder aber auch das 1994 gegründete und bereits erwähnte Gilder Lehrman Institute of American History zu nennen. Sie sind deshalb erwähnenswert, weil sie zahlreiche Aktivitäten zur Digitalisierung von Quellen und älteren Drucken tragen.

Eine führende Rolle hat hier zweifelsohne die Library of Congress gespielt, die im Rahmen ihres American Memory Projects bereits seit Ende der 1980er-Jahre begonnen hatte, Quellenmaterialien zu digitalisieren. Diesem Vorbild sind andere Bibliotheken gefolgt, begonnen bei den großen Forschungs- und Universitätsbibliotheken bis hin zu kleineren Collegebibliotheken oder auch den großen Public Libraries. Mittlerweile gibt es eine Fülle an digitalisierten Materialien, die thematisch freilich weit gestreut sind und häufig noch der Entdeckung oder präziser der wissenschaftlichen Nutzung harren. Mit der Digital Public Library of America gibt es indes seit einigen Jahren ein Instrument, das als Dach für diese vielen Einzelsammlungen fungieren kann.[29]

Auch wenn Digital History kein dezidierter Arbeitsschwerpunkt am Deutschen Historischen Institut in Washington ist, so ist es doch unter den deutschen, auf amerikanische Geschichte fokussierten geschichtswissenschaftlichen Institutionen diejenige, die eine ganze Reihe substantieller Angebote auf ihrer Website hat. Neben diversen Reference Guides sei vor allem auf den Bereich GHI digital - Online resources of the German Historical Institute, verwiesen, der zehn thematisch unterschiedliche Informationsangebote bereit hält, wie zum Beispiel Transatlantic Perspectives: Europe in the Eyes of European Immigrants to the United States 1930–1980.

2. Digitale Informationsressourcen und Medien

Es gibt für die amerikanische Geschichte eine Fülle an digitalen Ressourcen und herausragenden Websites, es gibt aber kein zentrales Portal. Das hängt nicht zuletzt mit der wissenschaftspolitischen Infrastruktur zusammen, die in den USA traditionell die Autonomie der Universitäten und anderer Institutionen betont, auch wenn es seit den 1930er-Jahren und mit zunehmender Intensität vor allem seit den 1960er-Jahren nach der Gründung des National Endowment for Humanities im Jahr 1965 auch verstärkt nationale wissenschaftspolitische Aktivitäten gab und gibt. Praktisch bedeutet dies, dass HistorikerInnen für Recherchen und Fragestellungen in der Regel gezielt mehrere unterschiedliche Ressourcen nutzen muss. Zunächst sollen im Folgenden Recherchemöglichkeiten zu Fachliteratur und Quellen sowie digitale Kommunikationsplattformen genannt werden, danach Websites, die direkten Zugang zu Inhalten vermitteln, auch wenn sich beides zum Teil nicht immer genau voneinander trennen lässt. Nachweisinstrumente und Inhalte verschmelzen, wie die Trends in den letzten Jahren gezeigt haben, immer mehr, doch haben Suchmaschinen und Volltextdatenbanken die klassischen Suchinstrumente wie Bibliographien und Kataloge noch nicht vollständig abgelöst.

2.1 Recherche

Fachbibliographien

1991 haben die 1902 begründeten Writings on American History, die von der AHA für das Fach herausgegebene gedruckte Bibliographie, ihr Erscheinen eingestellt.[35] Seitdem ist die seit 1964 vom Verlag ABC-Clio publizierte Fachbibliographie America: History & Life konkurrenzlos. Für alle Nordamerika-HistorikerInnen ist dieses Produkt, das 2007 von EBSCO Publishing erworben wurde, die derzeit einzige umfassende fachbibliographische Datenbank, die mittlerweile über 780.000 Datensätze nachweist, darunter auch Rezensionen sowie Aufsätze aus einigen populärwissenschaftlichen Zeitschriften wie History Today. Ausgewertet werden circa 1.700 Fachzeitschriften, wobei über eine Verlinkung zu digitalen Ausgaben von Fachzeitschriften zum Teil auch der direkte Zugriff auf die Volltexte von Aufsätzen möglich ist.[37] America: History & Life ist damit zweifelsohne eines der primären Rechercheinstrumente für das Fach. Da es sich um ein Produkt eines kommerziellen Verlages handelt, haben indes nur diejenigen HistorikerInnen Zugriff, deren Universitätsbibliotheken die Datenbank subskribiert haben.

Bibliotheken und Bibliothekskataloge

Neben der zentralen Fachbibliographie können ergänzend Online-Kataloge von Bibliotheken genutzt werden.[38] In den USA gibt es eine reiche Landschaft wissenschaftlicher Bibliotheken, zu denen auch einige der großstädtischen Public Libraries, wie zum Beispiel die New York Public Library, gezählt werden können. Diese Bibliothekslandschaft ist im Verlauf der letzten 150 Jahre aufgebaut worden und hatte bereits seit den 1920er- und 1930er-Jahren, zumindest für einige Bibliotheken, eine weltweit führende Position erreicht. Das Flaggschiff stellt hierbei die Library of Congress dar, die de facto als amerikanische Nationalbibliothek fungiert. Ein nicht auszuschöpfendes Reservoir an bibliographischen Daten bieten neben dem Katalog der Library of Congress die Kataloge großer Forschungsbibliotheken amerikanischer Universitäten wie Harvard, Columbia, Yale, Stanford oder Berkeley, um nur einige bekannte Beispiele zu nennen. Amerikanische HistorikerInnen nutzen mittlerweile aber vor allem den weltweit größten bibliothekarischen Verbundkatalog, den WorldCat von OCLC.

An Spezialbibliotheken zur amerikanischen Geschichte sei zunächst für die Geschichte der Frühen Neuzeit wie der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die American Antiquarian Society, A National Research Library of American History, Literature & Culture through 1876, genannt sowie die 1919 gegründete Huntington Library, die sich für den Bereich der frühneuzeitlichen Geschichte wie auch der Geschichte des amerikanischen Westens als eine der umfassendsten Spezialbibliotheken ihrer Art versteht. Für amerikanische Regionalgeschichte sei noch pauschal auf die State Libraries und die Historical Societies der jeweiligen Bundesstaaten verwiesen. In Deutschland besitzt die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, 1734 als Bibliothek der Universität gegründet, die umfassendste Sammlung an Fachliteratur, Mikroformen und digitalen Volltexten zur Geschichte der USA auf dem europäischen Kontinent. Insbesondere zur Sozialgeschichte der USA sei auch auf die umfassenden Bestände und Mikroformensammlungen der Bibliothek des John-F-Kennedy-Instituts der Freien Universität Berlin hingewiesen. An der Universitätsbibliothek Mainz wird eine USA-Bibliothek mit einem Bestand von über 70.000 Bänden gepflegt.

Webkataloge und Suchmaschinen

Die Grenzen zwischen Fachbibliographien, Bibliothekskatalogen, Suchmaschinen und sogenannten digitalen Bibliotheken werden immer unklarer je mehr die Menge digitalisierter Volltexte, seien es nun Quellen oder auch Sekundärliteratur, zunimmt. Worunter soll man zum Beispiel die Digital Public Library of America (DPLA) rubrizieren? Sie bietet eine Suchmaschine zu fast 8,5 Mio. „items from libraries, archives, and museums“. Dahinter steht ein Konzept, das ähnlich wie die Europeana versucht, eine Vielzahl lokaler und regionaler Digitalisierungsprojekte über ein zentrales Suchportal zugänglich zu machen. Bücher, Fotografien, digitalisierte Selbstzeugnisse und vieles anderes mehr kann man mithin über die DPLA finden. Das thematische Spektrum reicht natürlich weit über die Geschichtswissenschaften hinaus, doch da viele Digitalisierungsprojekte sich auf urheberrechtsfreie, ältere Materialien konzentrierten, verbirgt sich hinter der DPLA nicht zuletzt eine beachtliche Sammlung an historischen Quellen unterschiedlichster Art - und nicht zuletzt über zwei Mio. Bücher.

Instrumente, die sehr viel enger auf die Erschließung von Web-sites zur amerikanischen Geschichte fokussieren, sind zum Beispiel History Matters vom Roy Rosenzweig Center for History and New Media, das eine Auswahl von 850 der besten Websites zur Geschichte der USA sowie circa 1.000 Quellentexte erschließt. Eine Übersicht zu über 1.700 digitalisierten Sammlungen, die mit Mitteln des Institutes of Museum and Library Services gefördert worden sind, bietet IMLS Digital Collections and Content. Über 2.000 Websites zur amerikanischen Geschichte erschließt der an der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen betriebene History Guide.

Archive

Im Vergleich zu den Aktivitäten amerikanischer Forschungsbibliotheken hat die National Archives and Records Administration (NARA) relativ spät mit Digitalisierungsvorhaben begonnen. Mittlerweile bieten sie aber mit OPA - Online Public Access ein zentrales Online-Findbuch an, derzeit mit circa 1 Mio. Datensätzen, die kontinuierlich vermehrt werden. In einigen Fällen besteht darüber auch Zugriff auf digitale Inhalte. Die National Archives haben zudem eine Reihe von Digitization Partnerships, auch mit kommerziellen Unternehmen, wie fold3.com (vormals footnote.com) oder ancestry.com, die jeweils einen thematischen Fokus auf Militärgeschichte sowie auf Genealogie haben. Der Zugriff auf diese Akten ist damit nicht frei, sondern unterliegt den jeweiligen Bedingungen der kommerziellen Betreiber. Hier sind vor allem Teaching with Documents und The National Archives Experience zu nennen. Freier Zugriff besteht auf die Dokumente, die die NARA seit 2011 auf Wikimedia Commons hochgeladen hat.

Für das Feld der Politikgeschichte spielen mittlerweile auch die Presidential Libraries and Museums eine nicht unwichtige Rolle. Entgegen ihrem Namen handelt es sich im Kern um Archive und Museen, für die die NARA auch eine Oberaufsicht hat. Die Tradition der Presidential Libraries wurde von Franklin Delano Roosevelt begründet. Die Einrichtungen sammeln Akten, aber auch andere Zeugnisse und Memorabilien des jeweiligen Präsidenten und bieten damit eine gute Materialbasis für die politische Geschichte der USA in den Zeiten der jeweiligen Präsidentschaft.

Im Unterschied zur NARA haben einige der regionalen Archive bereits früher begonnen, Sammlungen zu digitalisieren. Als ein Beispiel seien nur die Maryland State Archives mit ihrem Angebot Archives of Maryland Online genannt. Die National Archives bieten eine gute Übersicht über alle State Archives, jeweils mit direktem Link auf die Website der betreffenden Einrichtung.

Museen

Hier muss es genügen, auf das 1846 gegründete Smithsonian hinzuweisen, das 19 unterschiedliche Einrichtungen umfasst, darunter auch das National Museum of American History, das African American History and Culture Museum oder das National Museum of the American Indian. Die Websites der jeweiligen Museen enthalten auch Angebote für ForscherInnen, vor allem die Option, nach Objekten suchen zu können, zu denen zum Teil auch bereits digitale Repräsentationen vorliegen. Ergänzt wird dieses Angebot durch Informationen über die Archive und Spezialbibliotheken der jeweiligen Einrichtung.

2.2 Kommunikation

Netzwerke, News Services, Blogs und Podcasts

Wer zunächst einmal nur nach Adressen sucht, kann die Directories der American Historical Association für History Departments oder Doctoral Programs nutzen; oder auch das Verzeichnis North American History in Europe des Deutschen Historischen Instituts in Washington.

Die Optionen des Internet werden natürlich erst dann genutzt, wenn man das Feld der elektronischen Diskussionslisten betritt. Mit dem bereits 1993 gegründeten H-Net - Humanities and Social Sciences Online, einem Dach für über 100 fachliche Diskussionslisten, gibt es eine für das Internetzeitalter schon fast altehrwürdige, etablierte Einrichtung, die auch eine ganze Reihe auf Themen der amerikanischen Geschichte spezialisierte Listen enthält, über die Ankündigungen zu Konferenzen und Workshops, Rezensionen, Inhaltsverzeichnisse neuer Zeitschriftenhefte, aber auch Diskussionen zu spezifischen Themen veröffentlicht werden. Da die Beiträge alle archiviert werden, kann man sich auch leicht darüber informieren, was in einzelnen Listen in den letzten Jahren diskutiert und worüber informiert wurde. Ergänzt werden diese „klassischen elektronischen Diskussionslisten“ mittlerweile durch soziale, fachübergreifende akademische Netzwerke wie ResearchGate oder Academia.edu.

Weniger als Kommunikationsnetzwerk für akademische HistorikerInnen, denn als Informationsplattform für die historisch interessierte Öffentlichkeit ist der 1996 gegründete History News Service gedacht. Hier schreiben FachhistorikerInnen kurze Artikel zu aktuellen Themen, um der Öffentlichkeit historische Hintergrundinformationen zu geben und das historische Verständnis aktueller Ereignisse zu verbessern. Dem Ziel „[…] to help put current events into historical perspectives“ hat sich auch das History News Network des CHNM verschrieben. Wer an aktuellen Informationen aus der Fachcommunity interessiert ist, kann auch die Optionen des Kurznachrichtendienstes Twitter nutzen. So twittert die AHA von ihren Jahrestagungen.

An der Grenze zwischen Kommunikation und Publikation sind Blogs und Podcasts situiert. Bereits 2007 hat sich der in Princeton lehrende Historiker Anthony Grafton positiv zu Blogs von HistorikernInnen geäußert.[77] Und mittlerweile haben sie sich durchaus als eine neue Form der Mitteilung von Ideen und Forschungsvorhaben wie auch der Selbstdarstellung der Autoren etabliert. Einen Überblick über Blogs – nicht nur, aber doch vor allem zur amerikanischen Geschichte – bietet das History News Network

Podcasts, also Audio- oder Videodateien, zu Themen der amerikanischen Geschichte gibt es zunehmend im Netz. Einige Universitäten bieten Vorlesungen an, Vorträge von Konferenzen werden mitunter aufgezeichnet und öffentlich zugänglich gemacht, dazu kommen Interviews mit HistorikerInnen sowie für den Unterricht konzipierte audiovisuelle Materialien. Es gibt sogar History, Arts, and Culture Podcasts from the U.S. Government. Ein umfassendes zentrales Verzeichnis von Podcasts existiert nicht, so dass man sich mit den Optionen der gängigen Suchmaschinen begnügen muss. Das History News Network hat immerhin eine Liste von Interviews mit HistorikerInnen erstellt; das Journal of American History bietet ebenfalls Interviews mit eigenen Autoren an.

2.3 Digitale Medien

Digitale Nachschlagewerke

Klassische Nachschlagewerke wie zum Beispiel das Dictionary of American History, The American National Biography, das Nachfolgeprojekt des Dictionary of American Biography, oder die einschlägigen Companions zu verschiedenen Epochen und Themen der amerikanischen Geschichte des Verlags Wiley-Blackwell oder The Oxford Companion to United States History liegen primär immer noch in Buchform vor, auch wenn es zugleich parallele E-Book-Angebote gibt, die aber nicht frei nutzbar sind. Ein Trend zu frei zugänglichen digitalen Nachschlagewerken ist hingegen für die Lokal- und Regionalgeschichte, also für größere Städte sowie die Bundesstaaten, zu konstatieren.[82] Als Beispiele seien genannt: Die Encylopedia of Arkansas History & Culture, New Georgia Encyclopedia, KansasPedia - The Kansas Encyclopedia, die Ohio History Central Encyclopediadie Encyclopedia of Oklahoma History & Culture, The Free Online Encyclopedia of Washington State History, The Encyclopedia of Cleveland History, The Encyclopedia of Greater Philadelphia oder die Encyclopedia of Chicago. Auch Virtual New York City wäre hier noch anzuführen. Zu Iowa oder Pennsylvania gibt es zudem biographische Nachschlagewerke im Netz. Influenza Encyclopedia. The American Influenza Epidemic of 1918-1919: A Digital Encyclopedia ist ein Beispiel für ein frei zugängliches digitales Nachschlagewerk zu einem spezifischen historischen Thema.

Quellen: Alte Drucke, archivalische Quellen, Zeitungen - Digitalisierte Sammlungen von Verlagen

Historische Quellen sind mittlerweile in großem Umfang in vielen verschiedenen Unternehmungen digitalisiert worden. Aus praktischen Gründen seien unter Quellen vor allem gefasst: Archivalien, Bücher, die vor 1850 erschienen sind, Zeitungen, Karten, visuelle und audiovisuelle Materialien (Drucke, Fotos, Radiosendungen, Filme, etc.). In quantitativer Hinsicht sehr umfassende digitalisierte Quellensammlungen haben in den letzten Jahren größere Verlage aufgebaut, wobei für in Deutschland arbeitende WissenschaftlerInnen einige der wichtigsten Produkte über von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierte Nationallizenzen frei zugänglich sind.[97] Auf diesem Weg besteht Zugriff auf die Early American Imprints, die digitale Version einer Mikroformensammlung, die basierend auf der American Bibliography von Charles Evans in einer ersten Serie 37.000 Bücher im Volltext zugänglich macht, die zwischen 1639 und 1800, und in einer zweiten Serie nochmals circa 36.000 Bücher, die von 1801 bis 1819 in Amerika erschienen waren. Damit ist der frühneuzeitliche Publikationsraum zu großen Teilen in digitaler Form zugänglich.

Dass zunehmend nicht nur für die Frühe Neuzeit, sondern auch das 19. und zum Teil auch das 20. Jahrhundert digitalisierte Quellen existieren, macht der US Congressional Serials Set, 1819–1980 deutlich, eine umfassende Sammlung von Materialien des Kongresses und amerikanischer Regierungsbehörden. Insgesamt handelt es sich um 350.000 Reports und Journals sowie 52.000 Karten, wobei hier vielfach nicht nur zur Geschichte der USA relevante Informationen zu finden sind, sondern auch zu all den Ländern, mit denen die USA intensivere Beziehungen pflegten. Ergänzt wird diese Sammlung der Firma Readex durch Making of Modern Law, U.S. Supreme Court Records and Briefs, 1832–1978 ein Produkt von Cengage. Beide sind in Deutschland über eine Nationallizenz frei zugänglich.

Digitalisierte archivalische Quellen gibt es auch für die jüngere Zeitgeschichte, soweit sie entsprechend der amerikanischen Archivgesetze bereits „declassified“ sind. Zu nennen wären hier Declassified Documents Reference Systems von Cengage sowie das Digital National Security Archive. Das National Security Archive ist ein mit der George Washington University verbundenes Forschungsinstitut, das seine Quellensammlung über den Verlag ProQuest vertreibt, zusätzlich aber auch Teile davon frei im Internet anbietet. Interessante Quellen zur Außenpolitik enthält auch die Serie Foreign Relations of the United States, die 1861 beginnt und bis in die 1970er-Jahre reicht. Auf Digitalisierungsprojekte von Archiven, der NARA wie State Archives, wurde bereits hingewiesen.

Eine wichtige Quellengruppe, für die es ebenfalls große digitalisierte Sammlungen gibt, sind Zeitungen, insbesondere des 18. und 19. Jahrhunderts. Auch hier sind an erster Stelle zwei kommerzielle Produkte zu nennen: America’s Historical Newspapers von Readex, die circa 1.100 digitalisierte amerikanische Zeitungen von 1690 bis 1922 umfassen und zwar in einer weitgehend alle Bundesstaaten umfassenden repräsentativen Auswahl; sowie die fast 400 Zeitungen der Nineteenth Century U.S. Newspapers des Verlags Cengage. Dazu kommen noch frei zugängliche digitalisierte Zeitungen, wobei hier neben regionalen Aktivitäten wie zum Beispiel der Illinois Digital Newspaper Collection der California Digital Newspaper Collectionoder dem Colorado Historic Newspaper Collection – weitere Beispiele zu anderen Bundesstaaten ließen sich nennen – vor allem das von der Library of Congress 2004 gestartete National Digital Newspaper Program http://www.coloradohistoricnewspapers.org angeführt werden muss, ein Langzeitvorhaben mit dem Ziel einer umfassenden Digitalisierung amerikanischer Zeitungen, die zwischen 1836 und 1922 erschienen sind, also den Jahrgängen, die nicht mehr dem Urheberrecht unterliegen. Mit Chronicling America gibt es bereits eine Website zu über acht Mio. digitalisierten Zeitungsseiten; sowie mit Mapping Texts ein Projekt von der University of North Texas und der Stanford University, in dem dafür Auswertungstools entwickelt werden. Neu auf dem Markt ist Elephind.com, eine Suchmaschine zu the world's historical newspaper archives, derzeit aber noch mit einem eindeutigen Schwerpunkt auf amerikanischen Zeitungen.

Quellen: Digitalisierte Sammlungen von Bibliotheken und Historical Societies

Neben einigen größeren Verlagen waren und sind es vor allem Bibliotheken, die in den USA begonnen haben, ihre historischen Sammlungen wie ihre alten Drucke zu digitalisieren. Zunächst zu den Büchern: Mittlerweile dominieren einige große universale Digital Libraries, die sowohl alte, bis 1850 erschienene Drucke umfassen, als auch neuere, bis in die Gegenwart reichende Literatur. Der Bookshelf der Digital Public Library of America enthält circa 2.250.000 Bücher; Hathi Trust Digital Library, ein Kooperation größerer amerikanischer Forschungseinrichtungen und Bibliotheken, listet 6.625.000 Bücher auf, darunter auch neuere, aus urheberrechtsgründen nicht frei zugängliche Titel. Und auch das Internet Archive bietet unter der Rubrik eBooks and Texts Zugriff auf über sechs Mio. Bücher. Während es sich bei diesen digitalen Büchersammlungen um Institutionen der öffentlichen Hand oder non-profit-Unternehmen handelt, gilt dies nicht für den Marktführer, Google Books, auch wenn (noch) ein freier Zugriff auf urheberrechtsfreie Titel vorhanden ist. Diese großen Digital Libraries sind mithin auch eine Fundgrube für HistorikerInnen, die nach alten Drucken suchen und müssen daher parallel zu den bereits genannten Verlagsprodukten gesehen werden, auch wenn die Suchoptionen nicht so differenziert sind wie bei epochal oder thematisch stärker spezialisierten Sammlungen. Daneben gibt es noch kleinere Sammlungen digitalisierter Bücher mit einem speziellen Fokus auf amerikanische Geschichte. Zu nennen wäre vor allem Making of America, eine „digital library of primary sources in American social history from the antebellum period through reconstruction“, die circa 10.000 Bücher und circa 50.000 Zeitschriftenaufsätze aus dem 19. Jahrhundert umfasst.

Fast alle Forschungs- und Spezialbibliotheken bieten zudem häufig thematisch aufgebaute Websites mit digitalisierten Materialien ihrer Spezialsammlungen an. Eines der auch international renommiertesten Vorreiterprojekte war und ist in diesem Bereich das bereits erwähnte American Memory Project der Library of Congress. Bereits 1990 begann die Kongressbibliothek mit einem Pilotprojekt, bei dem sie die Möglichkeiten testete, Teile ihrer historisch interessanten Sammlungen zu digitalisieren, wobei beim damaligen Stand der Technik ursprünglich beabsichtigt war, diese über das Medium CD-ROM zu vertreiben. Mit dem rasanten Erfolg des World Wide Web, welches die Distribution grafischer Inhalte, also auch digital faksimilierter Handschriften, Fotos und Bücher, über das Internet erlaubte, wurde das technische Konzept aktualisiert und im Rahmen des National Digital Library Programs eine umfangreiche Website aufgebaut. Die primäre Zielgruppe waren dabei nicht in erster Linie die wissenschaftlich arbeitenden HistorikerInnen, sondern der Bereich der Public History, wobei vor allem auch an den Unterricht in Schulen (K12-level) und Colleges gedacht ist. Was wird nun konkret angeboten? Über hundert thematische Sammlungen mit circa neun Mio. digitalisierten items, also Fotos, archivalischen Quellen, Filmen, Tondokumenten, Büchern, Karten usw. Natürlich steht die amerikanische Geschichte im Vordergrund. Sammlungen zu den bedeutenden Präsidenten, beginnend mit George Washington über Thomas Jefferson und Abraham Lincoln bis Theodore Roosevelt wären hier zu nennen, wie auch Papers von Frederick Douglass oder andere spezifische Sammlungen zur afroamerikanischen Geschichte. Kulturhistorisch interessante Materialien bieten Sammlungen wie Fifty Years of Coca-Cola Television Advertisements. Wie breit das thematische Spektrum ist, illustrieren auch The Hannah Arendt Papers at the Library of Congress http://memory.loc.gov/ammem/ccmphtml/colahome.html, die interessanterweise im Rahmen von American Memory digitalisiert wurden.[123]

Fast alle großen Forschungsbibliotheken, aber auch State Libraries[124] und State Archives oder Historical Societies bieten mittlerweile thematische Websites an, über die sie Teile ihrer Sammlungen in digitaler Form zugänglich machen. Pars pro toto seien genannt: Die Digital Collections der University of Wisconsin-Madison Libraries; die Rare Book, Manuscript and Special Collections Library der Duke University oder auch die New York Public Library mit ihren Digital Collections. Das Projekt Documenting the American South der Library der University of North Carolina at Chapel Hill unterscheidet sich von einigen anderen Sites dadurch, dass es seine Bücher nicht als digitale Faksimiles, sondern in XML- und HTML-Format anbietet, so dass die einzelnen Texte auch direkt nach bestimmten Begriffen durchsucht werden können. Darüber hinaus werden hier auch Bilder und Audio Files angeboten, wobei der inhaltliche Schwerpunkt auf der Geschichte und Kultur der amerikanischen Südstaaten von der Kolonialzeit bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts liegt. Chronicling Illinois versucht das Ziel transkribierter Quellen mittels „crowdsourcing“ zu erreichen.

Interessant ist, dass gerade die Digitalisierung von Fotografien, von historischen Aufnahmen, welche die Entwicklung von Regionen seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts illustrieren, einen beachtlichen Umfang erreicht hat. So hat zum Beispiel die Library of Congress Fotos von Matthew Brady zum amerikanischen Bürgerkrieg digitalisiert; die University of Virginia Library circa 6.000 Fotos von Afroamerikanern in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in den Südstaaten; die Minnesota Historical Society hat eine Datenbank zu circa 241.000 Fotografien online aufgelegt, von denen circa 172.000 digitalisiert vorliegen; die New York Public Library bietet ebenfalls eine Sammlung von circa 30.000 Fotos an, um nur einige Beispiele zu nennen. Die Library of Congress bietet für die Suche nach Fotos und Bildern einen eigenen Prints & Photographs Online Catalog an.[136] Welche Möglichkeiten die Nutzung großer retrodigitalisierter Sammlungen bietet, hat Kalev Leetaru demonstriert, der aus den sechs Mio. digitalisierten Büchern des Internet Archive automatisiert alle Abbildungen herausfilterte und 2,6 Mio. davon als Internet Archive Book Images bei flickr abgelegt hat.

Betrachtet man die Vielzahl digitalisierter Sammlungen der verschiedenen Institutionen im Überblick, so wird erkennbar, dass es durchaus Themen gibt, die über solche Sammlungen quellenmäßig gut abgedeckt sind. Ein – nicht überraschender – Befund ist zum Beispiel, dass Papers amerikanischer Präsidenten in nicht unerheblichem Umfang bereits digital zugänglich sind. Zu George Washington hat die Library of Congress 65.000 Dokumente digitalisiert; daneben gibt es auch eine digitale Version der gedruckten Edition seiner Schriften, The Papers of George Washington. The Diaries of John Quincy Adams sind online wie auch The Papers of John Jay, von Thomas Jefferson sowie von James Madison. Zu Abraham Lincoln hat die Library of Congress die Alfred Whital Stern Collection of Lincolniana digitalisiert sowie natürlich auch seine Papers zusammengefaßt als Mr. Lincoln’s Virtual Library. The American Presidency Project der Historiker John Woolley und Gerhard Peters gibt Zugriff auf ausgewählte Quellen der Präsidenten seit 1929, also von Herbert Hoover bis zur Gegenwart. Von Ronald Reagan bis Barack Obama gibt es digitale Versionen der gedruckten Papers über die Public Papers of the Presidents of the United States bei den National Archives.

Publikationen: Monographien

Gemeinhin werden zur geschichtswissenschaftlichen Sekundärliteratur diejenigen Bücher, Monographien und Zeitschriften, gezählt, die ab dem Zeitraum erschienen sind, als sich die moderne Geschichtswissenschaft zu etablieren begann, also grob seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Für die Suche nach Monographien, die nach 1850 erschienen sind, können primär die bereits genannten universalen Digital Libraries genutzt werden, der Bookshelf der Digital Public Library of America, Hathi Trust Digital Library, das Internet Archive mit seiner Rubrik eBooks and Texts und Google Books. Ein Spezifikum von Google Books ist, dass von neueren, noch dem Urheberrecht unterliegenden Büchern immerhin Ausschnitte, Snippets, angezeigt werden. Und damit ist bereits das Hauptproblem angesprochen, das für neuere geschichtswissenschaftliche Sekundärliteratur gilt: Zwar liegt sie in beachtlichem Umfang in digitaler Form vor, doch da es sich vor allem um Verlagspublikationen handelt, sind die E-Book-Versionen (fast immer handelt es sich um digitale Parallelausgaben zum Buch) nicht frei zugänglich. E-Books von Verlagen müssen von Universitätsbibliotheken lizenziert werden, so dass ein Zugriff von den jeweiligen lokalen Bedingungen abhängt. Es ist also die auf den ersten Blick paradoxe Situation entstanden, dass geschichtswissenschaftliche Sekundärliteratur in großem Umfang in digitaler Form existiert, ein Zugriff häufig aber nicht möglich ist – da es das Instrument der Fernleihe bei E-Books in der Regel (noch) nicht gibt.

An diesem Problem setzt die Open Access-Diskussion an. Die amerikanische Geschichtswissenschaft hat verhältnismäßig früh begonnen, sich mit den Möglichkeiten des digitalen Publizierens zu beschäftigen, auch wenn Open Access dabei nicht unbedingt im Mittelpunkt der Diskussion stand. Eines der ersten Leitprojekte der amerikanischen Geschichtswissenschaft, Gutenberg-e, das 1999 von der AHA auf Anstoß von Robert Darnton in Kooperation mit der Columbia University Press ins Leben gerufen wurde, hat zwar 36 als erstklassig bewertete Dissertationen genuin digital publiziert, doch kein tragfähiges Finanzierungsmodell gefunden. 2008 wurde beschlossen, die 36 digitalen Monographien Open Access anzubieten, wobei das Urheberrecht weiterhin bei der Columbia University Press bleibt.[150] Freien Zugriff auf einige wenige Titel bietet eScholarship der California Digital Library, darunter auch auf circa 150 historische Monografien. Mehr Inhalt bietet das vormalige History Ebook Project, das vom American Council of Learned Societies organisiert und – wie Gutenberg-e – von der Andrew W. Mellon-Foundation anschubfinanziert worden war und mittlerweile als ACLS Humanities E-Book über 2.000 klassische, retrodigitalisierte Monografien in digitaler Form anbietet; freilich nicht kostenfrei, sondern als kommerzielle E-Books nur über Subskriptionen von Bibliotheken. Dazu kommt, dass anders als bei Gutenberg-e hier nicht das digitale Publizieren gefördert wird, sondern allein der digitale Zugriff auf gedruckte Bücher. Nur ältere, urheberrechtsfreie Titel enthält die Cornell University Library Historical Monographs (mit über 400 Monografien aus allen Bereichen der Geschichte). Im Januar 2015 hat die American Historical Association im Rahmen ihrer Jahrestagung erneut die Diskussion um OA-Publizieren in der Geschichtswissenschaft angestoßen, wobei die Session durch mehrere Blogbeiträge im Vorfeld öffentlich vorbereitet wurde.[154]

Ein für die amerikanische Geschichtswissenschaft nicht unwichtiges Thema sind Textbooks, die für den K12-level oder Undergraduate Studies von Belang sind.[155] Investigating U.S. History ist ein Beispiel für eine Website, die Module für die Lehre an Colleges anbietet und im Rahmen eines dreijährigen, von der National Endowment for the Humanities geförderten Projektes entwickelt wurde[157]; ebenso Digital History. Using new technologies to enhance teaching and research oder der Digital History Reader. Mit diesen Produkten ist allerdings auch bereits die Grenze zu thematischen Websites (siehe Kap. 2.3) überschritten.

Publikationen: Zeitschriften

Für geschichtswissenschaftliche Zeitschriften gilt im Grunde das Gleiche wie für die Monographien. Viele Verlagszeitschriften liegen mittlerweile parallel zur gedruckten Zeitschriften auch in digitaler Form vor, insbesondere natürlich die Flaggschiffe der amerikanischen Geschichtswissenschaft, die von der AHA herausgegebene American Historical Review und das von der OAH publizierte Journal of American History. Der Zugriff auf die digitalen Versionen von Verlagszeitschriften hängt wie bei E-Books davon ab, ob diese von der lokalen Universitätsbibliothek subskribiert worden sind. Über die jeweiligen lokalen Online-Kataloge, die meistens die Datensätze der Elektronischen Zeitschriftenbibliothek (EZB), mit den entsprechenden Lizenzinformationen enthalten, kann dies rasch ermittelt werden.

Ein zentrales Angebot, das gerade auch für die amerikanische Geschichtswissenschaft von großer Bedeutung ist und für viele amerikanische HistorikerInnen mittlerweile ein primäres Recherchetool darstellt, ist JSTOR ein Archiv wichtiger geistes- und sozialwissenschaftlicher Zeitschriften, die komplett vom ersten Jahrgang an retrodigitalisiert wurden. Eine vergleichbare Funktion kommt dem Periodicals Archive Online von ProQuest zu. Die dort enthaltenen 750 geisteswissenschaftlichen Zeitschriften sind in Deutschland über eine Nationallizenz zugänglich. Der dritte große amerikanische Anbieter eines Zeitschriftenportfolios aus dem Bereich der Humanities und Social Sciences ist das von der John Hopkins University Press organisierte Project Muse.

Open Access-Zeitschriften sind in den letzten Jahren auch einige entstanden, deren Renommee indes mit den etablierten Fachperiodika noch nicht mithalten kann. Die American Historical Association hatte für die American Historical Review einige Jahre mit Open Access-Optionen im Rahmen des Projektes History Cooperative experimentiert, aufgrund des deutlichen Rückgangs an Subskriptionen sich aber wieder auf ein rein kommerzielles Verlagsprodukt zurückgezogen.[164] In einigen Fällen haben sich frei zugängliche Online-Zeitschriften mit Erfolg entwickelt, wie zum Beispiel das seit 2000 kontinuierlich publizierte Common-Place oder The Interactive Journal of Early American Life, das von der American Antiquarian Society gefördert wird. Die AHA hat aufgrund ihrer Erfahrungen als Herausgeberin einer Fachzeitschrift 2012 sich auch kritisch gegenüber einer pauschalen Open Access-Politik geäußert.[167] Dass Open Access-Zeitschriften keine Selbstläufer sind, zeigen weniger erfolgreiche Beispiele, wie The Journal for MultiMedia History, von dem nur drei Ausgaben von 1998 bis 2000 erschienen sind.

Thematische Websites oder Thematic Research Archives

Zu einem Genre eigener Art haben sich sogenannte thematische Websites entwickelt; Websites, die zu einem spezifischen historischen Thema Quellen, Informationen, aber auch Interpretationen des Themas sammeln. Steven Mintz spricht von „thematic research archives“[169], da im Zentrum meist digitalisierte Quellen stehen. Es gehört zu den intrinsischen Charakteristika dieses Genres, dass es sich nicht eindeutig definieren lässt. Websites zu einem historischen Thema können digitale Pendants zu Fachenzyklopädien oder Quelleneditionen sein, sie können aber auch beide Formen vereinen, weitere Genres, wie Essays, Fachbibliographien und andere mehr integrieren und zudem noch die multimedialen Optionen des Internet nutzen. Thematische Websites sind damit genuine Veröffentlichungen und, sofern den methodischen Standards des Faches Genüge getan wird, geschichtswissenschaftliche Publikationen. Aufgrund ihrer technischen Komplexität werden sie aber meist von mehreren Autoren und Herausgebern und/oder zusammen mit einer den technischen Betrieb gewährleistenden Institution betrieben. Die Abgrenzung zu digitalen Sammlungen von Archiven und Bibliotheken, wie sie bereits beschrieben wurden, ist häufig schwierig.

Wie arriviert thematische Websites mittlerweile sein können, illustriert nicht zuletzt der Umstand, dass sie auch vom deutschen Wissenschaftsjournalismus rezipiert werden. So findet sich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 27. November 2013 ein ausführlicher Beitrag über die Website Roaring Twenties der Historikerin Emily Thompson, die, als ein Beispiel für das neue Feld der Sound History, die Klanglandschaften New Yorks über eine Website hör- und verstehbar zu machen sucht.[171]

Der Klassiker unter den thematischen Websites zur amerikanischen Geschichte ist aber zweifelsohne Valley of the Shadows, ein Pionierprojekt von Edward L. Ayers, das bereits 1991 begonnen wurde.[173] Thematisiert wird hier der amerikanische Sezessionskrieg oder genauer, die Geschichte zweier Counties, von denen eines zu den Nordstaaten und das andere zu den Südstaaten gehörten. Wer mit dieser Site arbeitet, wird virtuell in eine Art schematisierte Fachbibliothek geführt mit einem Reference Center, das bibliografische Informationen zum Thema gibt, sowie in weitere Räume, die Zugang zu Quellen bieten wie Letters & Diaries, Newspapers, Church Records, Maps, Census & Tax records usw. Kern der Website ist also der Zugriff auf Quellen. Die Beschreibung des Projektes fasst diese Intention auch knapp und präzise zusammen: „The Valley of the Shadow is a digital archive of primary sources that document the lives of people in Augusta County, Virginia, and Franklin County, Pennsylvania, during the era of the American Civil War. … The Valley of the Shadow is different than many other websites. It is more like a library than a single book.” Die Integration datenbankbasierter Materialien mit statistischen Angaben, die nach unterschiedlichen Kriterien abgefragt werden können, ist aus medientechnischer Sicht eines der Features, dessen Präsentation nur über ein digitales Medium möglich ist, und das in dieser Form und Funktionalität kaum mehr in einem gedruckten Buch abzubilden ist. Konzipiert und aufgebaut wurde diese Website von dem Historiker Edward L. Ayers, der ein Buch über den Bürgerkrieg schreiben wollte und zwar als komparatistische Studie von Nord- und Südstaaten. Bei der Recherche nach Quellen, die sich rasch auf die genannten Counties konzentrierte, entstand die Idee, diese Materialien auch für andere Leser sichtbar zu machen.[175]

In medientechnischer Hinsicht vergleichbar innovative Produkte wurden in den letzten Jahren vor allem am durchgeführt. Pars pro toto sei die im Jahr 2000 mit dem Multimedia Prize der American Association for History and Computing ausgezeichnete Website DoHistoryCenter for History and New Media genannt, die am Film Study Center der Harvard University entstand und am CHNM gehostet wird. Am Beispiel einer Quelle, des Tagebuchs von Martha Ballard (1735–1812), sollen Studenten in die Arbeit mit der Quelle und mit dem neuen Medium Website eingeführt werden. Ähnlich wie bei dem Projekt von Edward L. Ayers war es auch hier ein traditionelles Buch, das am Anfang stand, das Pulitzer-Preisgekrönte A Midwife’s Tale von Laurel Thatcher Ulrich; und dazu ein Film, der auf der Basis dieses Buches entstand.[178] Der Erfolg von Buch und Film bot den Anlass, mit Hilfe des Mediums Websites noch eine weitere Form anzubieten, welche den Einstieg in die vergangene Welt der Martha Ballard erlaubt.

Mittlerweile gibt es mehrere tausend Websites, die von FachhistorikerInnen für Lehre und Forschung erstellt wurden. Häufig sind es lokale oder regionale Themen, die so aufbereitet werden. Calisphere. A world of primary sources and more zur Geschichte Kaliforniens kann als Beispiel genannt werden; ebenso Cincinnati Subway and Streets Improvements, 1916–1955. Auch kulturhistorische Themen, bei denen Bilder und Visualisierungen eine Rolle spielen, eignen sich für dieses Genre wie AdViews. A Digital Archive of Vintage Television Commercials oder Outdoor Advertising Association of America (OAAA) Archives, 1885–1990s zeigen. Zensusdaten, die im North Atlantic Population Project verwendet werden, sind ein weiteres Beispiel, dass sich das Medium Website gut dafür eignet, differenzierte Zugriffe auf statistische Daten und deren anschauliche grafische Darstellung zu ermöglichen. The Trans-Atlantic Slave Trade Database kann als ein weiteres prominentes Beispiel genannt werden; oder das Spatial History Project an der Stanford University, das selbst wieder einen Rahmen für verschiedene thematische Websites bietet ebenso wie das Open Collections Program der Harvard University Library. The September 11 Digital Archive oder Hurricane Digital Memory Bank. Collecting and Preserving the Stories of Katrina and Rita zeigen, dass sich das Medium auch dafür eignet, zeitgenössische digitale Quellen zu sammeln und in einem digitalen Archiv zu bündeln.

3. Fazit

Die auffälligste Entwicklung der letzten Jahre ist die exponentielle Zunahme digital verfügbarer Quellen und Publikationen in unterschiedlichen Kontexten. Die digitale Transformation alter Drucke wie auch der gedruckten Sekundärliteratur, der Monographien wie der Zeitschriften, ist mittlerweile weit fortgeschritten. Neue Monographien erscheinen fast immer auch parallel als E-Book, bei Verlagszeitschriften gilt dasselbe und das kleine Sample neuer Open Access-Zeitschriften ist ohnehin genuin digital. Auch die Rechercheinstrumente, Fachbibliographien und Bibliothekskataloge, werden weithin nur noch in Form von Datenbanken genutzt. Das gilt auch für Archivrepertorien, auch wenn der Konversionsprozess der Archivalien selbst noch nicht so weit fortgeschritten ist wie bei Büchern und Zeitschriften. Bei archivalischen Quellen bleibt mithin der Gang ins Archiv meist noch die Regel, wenn indes auch hier zunehmend Bestände in digitaler Form vorliegen. Kurz: Die digitale Fachinformation zur amerikanischen Geschichte liegt bereits zu großen Teilen in digitaler Form vor – nur der Zugriff darauf ist aus Gründen des Urheberrechts nicht immer möglich. Nebenbei führt die umfassende digitale Transformation auch dazu, dass die Grenzen zwischen Fachbibliographien, Katalogen, Suchmaschinen und digitalen Bibliotheken mehr und mehr verschwimmen. Mit der zunehmenden Verfügbarkeit von Texten in digitaler Form dürfte die herkömmliche Unterscheidung von Nachweisinstrumenten und Texten in Zukunft obsolet werden.

Die digitale Transformation der medialen Basis der amerikanischen Geschichtswissenschaft ist nicht ohne Wirkung geblieben. In dem 2012 publizierten ITHAKA S+R report Supporting the Changing Research Practices of Historians wird denn auch festgestellt: „It was also clear that digitized secondary sources have been widely accepted among historians.”[189] Etwas anderes ist es freilich, diese digitale Fülle auch für neue computerbasierte Methoden zu nutzen. Diejenigen HistorikerInnen, die diese digitale Fülle nicht nur als einen bequemeren Weg verstehen, um an Texte zu kommen, die sie konventionell lesen und auswerten, sondern dafür digitale Tools und Methoden anwenden, sind noch eine Minderheit.[190] Und wenn es gar um die Publikation der eigenen Forschung geht, so stehen die gedruckte Monographie sowie der Aufsatz in der eingeführten Fachzeitschrift immer noch an erster Stelle, auch wenn Blogs oder Websites als Ergänzungen herkömmlicher Publikationsformen mittlerweile akzeptiert sind. Vor allem im Bereich der Public History sowie des Unterrichts werden Websites zunehmend als adäquates Medium angesehen, um breite Lesergruppen anzusprechen. Die gedruckte Monographie ist hingegen nach wie vor Voraussetzung für die Akzeptanz in der eigenen Fachcommunity.[191] Daher ist es auch nicht überraschend, dass es bis auf den Bereich der thematischen Websites kaum neue digitale Publikationsformen gibt. Die bisher stattgefundene digitale Transformation besteht im Kern aus einer Überführung gedruckter Medien in digitale Sekundärausgaben; und – das sollte man nicht übersehen – auch aus einer Privatisierung wissenschaftlicher Information, da wissenschaftliche Sekundärliteratur in digitaler Form, als E-Book oder E-Journal zumeist auf Servern von Verlagen bleibt und Bibliotheken für ihre Leser nur Zugriffsrechte lizenzieren. Die digitale Transformation der amerikanischen Geschichtswissenschaft kann mithin auch im Kontext neoliberaler Entwicklungen seit den 1970er-Jahren verortet werden.

Für die zeithistorische Forschung spielen genuin digitale Quellen eine zunehmend größere Rolle und stellen eine entsprechende Herausforderung für das Fach dar. Barack Obama ist zum Beispiel der erste Präsident, dessen Amtszeit nicht nur von einem Fotografen begleitet wurde – damit hatte schon John F. Kennedy begonnen –, sondern von einem Videographer, der Reden, öffentliche Auftritte, aber auch private Szenen umfassend dokumentiert. Wer sich in Zukunft als HistorikerIn mit der Präsidentschaft Obamas beschäftigt, muss überlegen, in welchem Umfang und mit welchen Methoden er diese visuellen Quellen nutzen will; ganz abgesehen natürlich von den riesigen, genuin digitalen Textmengen, die mittlerweile durch Emails, Memoranden usw. in der amerikanischen Regierung produziert werden und deren Auswertung nur mit Hilfe von text mining-Verfahren gelingen kann – sofern es der NARA überhaupt gelingen wird, diese Daten langfristig zu archivieren und zugänglich zu machen.

Betrachtet man die Fülle des Digitalen, der neuen, genuin digitalen Quellen, wie auch der retrodigitalisierten Bücher, so steht es außer Frage, dass die amerikanische Geschichtswissenschaft, nolens volens, im Feld der Digital History angekommen ist. Wie dieses Feld genutzt und bestellt wird und wie tiefgreifend es die Disziplin verändern wird, bleibt eine spannende Frage.

Literaturhinweise

Geschichte und Geschichtsschreibung zum Thema

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Recherche zum Thema

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Dr. Wilfried Enderle ist Fachreferent für Geschichte und Koordinator der Abteilung Informations- und Literaturversorgung Geistes- und Gesellschaftswissenschaften (wiss. Fachreferate) an der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen.

Fußnoten

  1. [1] Dougherty, Jack; Nawrotzki, Kristen (Hrsg.), Writing History in the Digital Age. A born digital, open-peer review volume, 2011, http://writinghistory.trincoll.edu.
  2. [2] Dougherty, Jack; Nawrotzki, Kristen (Hrsg.), Writing History in the Digital Age, Ann Arbor 2013.
  3. [3] Cronon, William, The Public Practice of History in and for a Digital Age, in: Perspectives on History, January 2012, http://www.historians.org/publications-and-directories/perspectives-on-history/january-2012/the-public-practice-of-history-in-and-for-a-digital-age.
  4. [4] Schmidt, Peter, For Many Historians, Use of Technology Remains Stuck in the Past, in: The Chronicle of Higher Education, Jan. 9, 2011, http://chronicle.com/article/For-Many-Historians-Use-of/125903.
  5. [6] Vgl. Robertson, Stephen, The Differences between Digital History and Digital Humanities, May 23, 2014, http://drstephenrobertson.com/blog-post/the-differences-between-digital-history-and-digital-humanities.
  6. [10] Siehe dazu unten Kap. 2.3.
  7. [11] Towsend, Robert B., From Publishing to Communication. The AHA's Online Journey, in: Perspectives on History, May 2013, http://www.historians.org/publications-and-directories/perspectives-on-history/may-2013/from-publishing-to-communication.
  8. [20] Vgl. dazu ausführlicher Kap. 2.3.
  9. [24] Das Digital History Project der University of Nebraska-Lincoln wäre hier zu nennen, das offensichtlich nur von 2006 bis 2010 aktiv war (ursprünglich http://www.digitalhistory.unl.edu).
  10. [25] Vgl. Thompson Klein, Julie, Interdisciplining Digital Humanities: Boundary Work in an Emerging Field, Ann Arbor 2014, insb. Kap. 3: Institutionalizing, http://dx.doi.org/10.3998/dh.12869322.0001.001. Die Entwicklung der letzten Jahre wird erkennbar beim Vergleich mit den Digital Humanities Center, die als zentrale Player genannt werden bei Vernon Burton, Orville, American Digital History, in: Social Science Computer Review (23) 2005, S. 209, http://dx.doi.org/10.1177/0894439304273317.
  11. [29] Siehe dazu ausführlicher Kap. 2.3.
  12. [35] Writings on American History, Boston 1904–1978; Writings on American History. A Subject Bibliography of Books and Monographs, White Plains/NY 1985; Writings on American History. A Subject Bibliography of Articles, Washington 1976–1991.
  13. [37] Zur möglichen Einschränkung durch lokal an Universitäten ggf. nicht vorhandene Subskriptionen digitaler Zeitschriftenausgaben siehe Kap. 2.3.
  14. [38] Ausführliche Informationen zur Nutzung bibliothekarischer Kataloge und Informationsressourcen gibt der Clio-Guide Bibliotheken von Klaus Gantert, in: Clio Guide – Ein Handbuch zu digitalen Ressourcen für die Geschichtswissenschaften, Hrsg. von Laura Busse, Wilfried Enderle, Rüdiger Hohls, Gregor Horstkemper, Thomas Meyer, Jens Prellwitz, Annette Schuhmann, Berlin 2016 (=Historisches Forum, Bd. 19), http://guides.clio-online.de/guides/sammlungen/bibliotheken/2016.
  15. [77] Grafton, Anthony, Clio and the Bloggers, in: Perspectives on History, May 2007, http://www.historians.org/perspectives/issues/2007/0705/0705vic1.cfm.
  16. [82] Vgl. dazu auch Seligman, Amanda I., Urban History Encyclopedias. Public, Digital, Scholarly Projects, in: The Public Historian, Bd. 35, 2013, S. 24–35.
  17. [97] Vgl. auch Marcus Schröter, Historische Volltextdatenbanken, in: Clio Guide – Ein Handbuch zu digitalen Ressourcen für die Geschichtswissenschaften, Hrsg. von Laura Busse, Wilfried Enderle, Rüdiger Hohls, Gregor Horstkemper, Thomas Meyer, Jens Prellwitz, Annette Schuhmann, Berlin 2016 (=Historisches Forum, Bd. 19), http://guides.clio-online.de/guides/sammlungen/historische-volltextdatenbanken/2016.
  18. [123] Neben den Informationen der Website selbst bietet eine knappe Beschreibung des Projektes und seiner Entstehungsgeschichte: American Memory. Memory.loc.gov. Historical Collections for the National Digital Library, in: Information Bulletin, October 2004, S. 196–201.
  19. [124] Vgl. Pritchard, Jessica, Digital State Libraries, May 11, 2010, http://blog.historians.org/2010/05/digital-state-libraries.
  20. [136] Vgl. auch Orbach Natanson, Barbara, Worth a Billion Words? Library of Congress Pictures Online, in: Journal of American History (94) 2007, S. 99–111.
  21. [150] Vgl. die Bewertung des Projektes vom September 2009 durch Mark Herring in Reviews of History http://www.history.ac.uk/reviews/paper/herringm1.html sowie ferner Manning, Patrick, Gutenberg-e: Electronic Entry to the Historical Professoriate, in: The American Historical Review (109) 2004, S. 1505–1526; Townsend, Robert B., Gutenberg-e Books Now Available open access and through ACLS Humanities E-Book, Feb. 13, 2008, http://blog.historians.org/publications/454/gutenberg-e-books-now-available-open-access-and-through-acls-humanities-e-book.
  22. [154] Innovation in Digital Publishing: An AHA 2015 Panel and Blog Series, http://blog.historians.org/2014/12/innovation-digital-publishing-aha-2015-panel-blog-series.
  23. [155] Zur Entwicklung digitaler Textbooks seit den 1990er-Jahren vgl. auch Burton, American Digital History, 2005, S. 211ff, http://dx.doi.org/10.1177/0894439304273317.
  24. [157] Vgl. dazu Jaffee, David, Investigating U.S. History at CUNY – Digitally, in: Perspectives on History May 2009, http://www.historians.org/Perspectives/issues/2009/0905/0905for7.cfm.
  25. [164] Towsend, Robert B., From Publishing to Communication, 2013, http://www.historians.org/publications-and-directories/perspectives-on-history/may-2013/from-publishing-to-communication.
  26. [167] Vgl. http://blog.historians.org/2012/09/aha-statement-on-scholarly-journal-publishing.
  27. [169] Vgl. Interchange: The Promise of Digital History, in: The Journal of American History, (95) 2008, S. 457.
  28. [171] Mehnert, Ute, Die historischen Ohren aufmachen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. Nov. 2013, Nr. 276, S. N3.
  29. [173] Ayers, Edward L.; Rubin, Anne S., Valley of the Shadow. Two Communities in the Civil War, New York 2000.
  30. [175] Ayers, Edward L., In the Presence of Mine Enemies. War in the Heart of America, 1859–1863, New York 2003.
  31. [178] Thatcher Ulrich, Laurel, A Midwife’s Tale. The Life of Martha Ballard, based on her diary 1785–1812, New York 1991. Zum Film vgl. American Experience. A Midwife’s Tale. Eighteenth Century America through a Woman’s Eyes.
  32. [189] Rutner, Jennifer; Schofield, Roger C., Supporting the Changing Research Practices of Historians, December 10, 2012. Final Report from ITHAKA S+R, S. 17, http://www.sr.ithaka.org/sites/default/files/reports/supporting-the-changing-research-practices-of-historians.pdf.
  33. [190] Ebenda., S. 29f.
  34. [191] Ebenda., S. 34ff.

Zitation: Wilfried Enderle, USA, in: Clio Guide – Ein Handbuch zu digitalen Ressourcen für die Geschichtswissenschaften, Hrsg. von Laura Busse, Wilfried Enderle, Rüdiger Hohls, Gregor Horstkemper, Thomas Meyer, Jens Prellwitz, Annette Schuhmann, Berlin 2016 (=Historisches Forum, Bd. 19), http://www.clio-online.de/guides/regionen/usa/2016.

Für Clio-online verfasst von:

Wilfried Enderle

Dr. Wilfried Enderle ist Fachreferent für Geschichte und Koordinator der Abteilung Informations- und Literaturversorgung Geistes- und Gesellschaftswissenschaften (wiss. Fachreferate) an der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen.