Jüdische Geschichte im deutschsprachigen Raum

1. Institutionelle und digitale Infrastrukturen

1.1 Einführung

Einen Überblick zu digitalen und institutionellen Infrastrukturen im Fach jüdische Geschichte zu geben, ist ein ebenso wichtiges wie schwieriges Vorhaben. Denn jüdische Geschichte lässt sich kaum isoliert von der „allgemeinen“ Geschichte betrachten und erforschen. Dies bedeutet für die Recherche von Literatur und Quellen, dass es oftmals keinen spezifischen Zugang für die jüdische Geschichte gibt. Je nach Thema können sich wichtige Anhaltspunkte auch in den epochalen, regionalen oder thematischen Kapiteln des Clio Guide - Ein Handbuch zu digitalen Ressourcen für die Geschichtswissenschaft finden. Neben der Frage, wer bzw. was als „jüdisch“ zu erachten ist und damit zum Untersuchungsgegenstand der jüdischen Geschichtsschreibung wird, stellt sich auch die Frage nach dem Untersuchungsraum. Im Mittelpunkt steht hier der deutschsprachige Raum; der transnationale Charakter der jüdischen Geschichte macht es aber unabdingbar, den Blick auch immer wieder darüber hinaus schweifen zu lassen. Lagern zahlreiche Archivalien aufgrund von Migration und Vertreibung doch gerade nicht (mehr) an den ursprünglichen Herkunftsorten deutschsprachiger Juden.

Das Fach Jüdische Geschichte als universitäre Disziplin ist noch jung und konnte sich im deutschsprachigen Raum erst in der Nachkriegszeit etablieren. Während vor 1933 Forschungseinrichtungen basierend auf den Impulsen aus der Wissenschaft des Judentums weitestgehend außerhalb der eigentlichen universitären Strukturen entstanden und zwischen 1933 bis 1945 staatlich gelenkte und der NS-Ideologie verpflichtete Institute zur jüdischen Geschichte arbeiteten, waren es erst die Neugründungen nach 1945, die die jüdische Geschichte im universitären Kanon verankerten. Besonders in den letzten Jahrzehnten ließ sich eine Auffächerung sowohl hinsichtlich der Themen als auch der Methoden beobachten, die auch in einer Ausdifferenzierung des Angebots mündete, so dass es heute ebenso Lehrstühle zur Jüdischen Geschichte gibt wie zur Judaistik oder Angebote der Jüdischen Studien. Jüdische Geschichtsforschung ist mithin von einer inhaltlichen Breite geprägt, die neben kulturgeschichtlichen auch migrationsgeschichtliche, erinnerungskulturelle oder Gender-Fragen abdeckt und so die Heterogenität der jüdischen Geschichte aufzeigt.

Die Institute und Rechercheangebote, die hier präsentiert werden, sind eine Auswahl, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt und einem Verständnis von jüdischer Geschichte folgt, wonach sich jüdische Geschichte nicht isoliert von nicht-jüdischer Geschichte betrachten lässt und obendrein akteurszentriert geschrieben werden sollte, mithin nicht zwangsläufig als Geschichte von Ausgrenzung und Verfolgung bzw. als Opfergeschichte. Die Forschungsstrukturen zur NS-Geschichte sind daher in einem eigenen Abschnitt ausgelagert und werden im Überblick zu den Informationsressourcen nur am Rande behandelt.

Die Zahl der Digitalisierungsvorhaben und Onlineangebote im Fach Jüdische Geschichte nimmt beständig zu. Das Angebot reicht dabei von traditionellen Bestandsdigitalisierungen einzelnerArchive, über die Erfassung von Big Data in Verbundprojekten bis hin zu didaktischen Angeboten für den Einsatz in der Schule oder mobilen Apps, die das jüdische Erbe im Stadtraum lokalisieren. Die Verständigung über die Auswirkungen der Digitalisierung, über Vor- und Nachteile bei der Arbeit mit (genuin) digitalen Quellen und Werkzeugen steht hingegen noch am Anfang. Aufgrund des Verstreutseins des Quellenmaterials zur jüdischen Geschichte im deutschsprachigen Raum scheint es jedoch unbestritten, dass die virtuelle Zusammenführung ursprünglich zusammengehörender Quellenbestände für die Forschung ebenso wie die Bewahrung des Erbes enormes Potenzial birgt. Eine besondere (auch technische) Herausforderung stellt dabei die Vielsprachigkeit und -schriftlichkeit des Quellenmaterials dar. Die historischen Flucht- und Migrationsbewegungen erfordern gewissermaßen eine internationale wie interdisziplinäre Zusammenarbeit beim Aufspüren, Bewahren und Nutzbarmachen des Erbes deutschsprachiger Juden.

Im ersten Teil des Guide stehen die institutionellen Infrastrukturen im Mittelpunkt – und damit der Versuch, die Forschungslandschaft in Deutschland, Österreich und der (deutschsprachigen) Schweiz zu umreißen. Als Bewahrer von Archivgut und Sammlungen oder Träger von Projekten sind die in Teil 1 vorgestellten Einrichtungen zugleich die Grundlage für die in Teil 2 näher vorgestellten digitalen Angebote im Fach jüdische Geschichte.

Die Schwierigkeiten, die sich dabei ergeben, das Feld der jüdischen Geschichte im deutschsprachigen Raum abzugrenzen, wurden bereits erwähnt. Dass hier nur Ausschnitte präsentiert werden können, ist von der Definitionsproblematik bestimmt, aber auch von der schnellen und vielschichtigen Entwicklung der Digitalisierung im Bereich jüdische Geschichte: neue Projekte entstehen, andere müssen nach kurzer Zeit wieder vom Netz genommen werden. Die Präsentation von nicht-digitalen und digitalen Strukturen ist so auch der Versuch, die digitale Momentaufnahme mit einem Überblick zum (beständigeren) institutionellen Fundament zu vervollständigen und so auf die große Bandbreite der verschiedenen Ressourcen aufmerksam zu machen.

An den Universitäten hielt die Thematik der jüdischen Geschichte ebenso wie die Judaistik nur zögerlich Einzug in den Lehrkanon. Die ersten Dozenten, die sich in ihrer Lehre diesen Feldern widmeten, waren meist aus dem Exil zurückgekehrte Remigranten. Seit 1952 gab der Germanist Adolf Leschnitzer Lehrveranstaltungen zu Themen der deutsch-jüdischen Geschichte an der Freien Universität in Berlin. Nach drei Jahren auf verschiedenen Gastprofessuren wurde er 1955 zum Honorarprofessor für „Geschichte des deutschen Judentums“ ernannt. 1963 erhielt Jacob Taubes, der wie Leschnitzer in New York unterrichtet hatte, einen Ruf auf den ersten Lehrstuhl für Judaistik in Deutschland. 1966 folgte das Martin-Buber-Institut für Judaistik in Köln, 1969 ein Lehrstuhl in Frankfurt am Main und 1979 die vom Zentralrat der Juden in Deutschland getragene Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg. Inzwischen gibt es auch eigene Institutionen zur Rabbinerausbildung in Deutschland: So werden liberale Jüdinnen und Juden am Abraham Geiger Kolleg in Potsdam, konservative Jüdinnen und Juden (Masorti) am Zacharias Frankel College in Berlin-Potsdam, und orthodoxe Juden am Rabbinerseminar der Ronald S. Lauder Foundation in Berlin ausgebildet.

Zur jüdischen Geschichte wurde und wird in der Bundesrepublik seit 1959 an Institutionen innerhalb wie außerhalb der Universitäten geforscht (siehe Teil 1.2). Ebenso bemühen sich verschiedene Universitäten, Studiengänge anzubieten, die ihren Studierenden jüdische Geschichte und Kultur auch ohne eigene Forschungseinrichtung vermitteln (siehe Teil 1.3). Neben den expliziten Forschungseinrichtungen existieren darüber hinaus Zusammenschlüsse und Verbundprojekte, die eine personelle und institutionelle Bündelung versuchen (siehe Teil 1.4). Wichtige Anlaufstellen für die deutsch-jüdische Zeitgeschichte sind darüber hinaus Erinnerungsorte an die NS-Geschichte, sei es an ehemaligen Orten der Verfolgung oder an Forschungseinrichtungen mit NS-Schwerpunkt (siehe Teil 1.5). Museen und Archive werden in Teil 2 thematisiert.

1.2 Forschungsinstitute

1.2.1 Bundesrepublik Deutschland

Germania Judaica, Kölner Bibliothek zur Geschichte des deutschen Judentums e.V. (siehe auch Teil 2.1.2)

Der Verein Germania Judaica wurde 1959 von einer Kölner Bürgerinitiative, an der unter anderem auch Heinrich Böll beteiligt war, gegründet. Als einen Teil seiner Aufgabe sah er es an, dem Antisemitismus in Deutschland etwas entgegenzusetzen. Eine möglichst breite Öffentlichkeit sollte sich über die Geschichte des Judentums informieren können. Eine öffentlich zugängliche Bibliothek wie die Germania Judaica sollte dabei aufklärerisch tätig sein und zusammen mit Veranstaltungen helfen, aus Unkenntnis resultierende Vorurteile abzubauen.

Institut für die Geschichte der deutschen Juden Hamburgs

Das 1966 gegründete Institut für die Geschichte der deutschen Juden wird von der Freien und Hansestadt Hamburg getragen, Gründungsdirektor war Heinz Mosche Graupe. Hamburg zeichnet sich durch seine einzigartige Quellensituation zur 400-jährigen Geschichte der Hamburger Juden aus. Die Aktenbestände der Hamburger Jüdischen Gemeinden (das heißt Altona, Hamburg und Wandsbek) haben als Depositum im Staatsarchiv der Hansestadt die Zeit des Nationalsozialismus und des Krieges ohne große Schäden überstanden (siehe auch Teil 2.1.3.1). Das Institut versteht sich als Forschungsinstitut an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Die Institutsforschungen behandeln judaistische Themen ebenso wie Fragen der Migrationsgeschichte und jüdischen NS-Geschichte. Es publiziert eine Buchreihe sowie als Kooperationsprojekt auch die Zeitschrift Aschkenas[3]. Die Bibliothek ist die größte Spezialsammlung zur deutsch-jüdischen Geschichte im norddeutschen Raum. Gerade im Bereich digitaler Medien sind in den vergangenen Jahren etliche Projekte hinzugekommen (siehe Teil 2).

Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg

Die Hochschule für Jüdische Studien (HfJS) in Heidelberg wurde 1979 vom Zentralrat der Juden in Deutschland unter der Leitung von Leon A. Feldmann gegründet und steht jüdischen und nichtjüdischen Studierenden gleichermaßen offen. Sie sieht sich dem Erbe der Wissenschaft des Judentums verpflichtet und setzt sich mit Fragen zu jüdischer Religion, Geschichte und Kultur auseinander. Neben der wissenschaftlichen Bibliothek befindet sich ein Lehrhaus, das als ein Ort begriffen wird, an dem das gemeinsame Studium von religiösen Grundlagentexten zusammen mit dem Hochschulrabbiner und mit Mitgliedern des akademischen Lehrkörpers im Vordergrund steht. Die Hochschule publiziert eine eigene Schriftenreihe, zudem aber auch Zeitschriften wie Mussaf[5], ein Hochschulmagazin, und Trumah[6].

Salomon-Ludwig-Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte (1986/seit 2011 Essen)

Das Steinheim-Institut erforscht Geschichte und Kultur der Juden im deutschen Sprachraum von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart. Die enge Verzahnung von jüdischer und nichtjüdischer Gesellschaft und ihrer Geschichte(n) wird unter einer Vielzahl von Perspektiven religions- und kulturwissenschaftlich sowie sozialgeschichtlich und immer unter enger Einbeziehung intensiver Quellenarbeit untersucht; über das Fach „Jüdische Studien“, früher an der Universität Duisburg-Essen angesiedelt, nun an der Universität Düsseldorf, wird zudem universitäre Lehre betrieben. Das Institut bietet mit epidat (siehe auch Teil 2.2.1) eine epigraphische Datenbank, die Grabsteine und Inschriften jüdischer Friedhöfe in Deutschland inventarisiert, dokumentiert und ediert.

Moses-Mendelssohn-Zentrum für europäisch-jüdische Geschichte, Potsdam

Das Moses-Mendelssohn-Zentrum für europäisch-jüdische Studien (MMZ) mit seinem Gründungsdirektor Julius H. Schoeps ist ein seit 1992 interdisziplinär arbeitendes wissenschaftliches Forschungszentrum. Als An-Institut der Universität Potsdam ist es zugleich am Studiengang „Jüdische Studien/Jewish Studies“ beteiligt. Das Forschungsinteresse des MMZ gilt der Geschichte, Religion und Kultur der Juden und des Judentums in den Ländern Europas. Die Forschungsarbeiten konzentrieren sich zum einen auf Probleme der gesellschaftlichen Integration und Akkulturation der Juden (unter anderem Haskala-Forschung), zum anderen auf sozialgeschichtliche Fragestellungen, soziokulturelle und ideengeschichtliche Aspekte. Wesentliche Akzente setzt das Zentrum in der Aufarbeitung der Regional- und Lokalgeschichte, insbesondere der neuen deutschen Bundesländer. Ein zusätzlicher Schwerpunkt liegt dabei auch in einer 2016 neu eingerichteten Emil Julius Gumbel Forschungsstelle „Antisemitismus und Rechtsextremismus“. Das MMZ unterhält eine Vielzahl von Publikationsreihen, darunter auch die (Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte (ZRGG))[10] sowie das Jahrbuch (Menora)[11].

Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur - Simon Dubnow

Das Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur e. V. an der Universität Leipzig wurde auf einen Beschluss des Sächsischen Landtages hin 1995 gegründet und zu Beginn von Steffi Jersch-Wenzel geleitet. Im Zentrum der Arbeit des Simon-Dubnow-Instituts steht die Erforschung der jüdischen Lebenswelten vornehmlich in Mittel-, Ostmittel-, Ost- und Südosteuropa vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges. In fachlicher Hinsicht orientiert sich die Arbeit am Institut an drei Forschungsansätzen: Zum einen an einer neueren Politik- und Diplomatiegeschichte, zum anderen an der Migrations- und Wissenschaftsgeschichte sowie an der klassischen Geistes- und Ideengeschichte. Das Institut publiziert derzeit eine Schriftenreihe[13] sowie ein zweisprachiges Jahrbuch/Yearbook[14]. Ferner ist dort das Akademieprojekt „Europäische Traditionen – Enzyklopädie jüdischer Kulturen“ angesiedelt. Seit 2018 ist das Institut Mitglied der Leibniz-Gesellschaft.

Arye-Maimon-Institut für Geschichte der Juden, Trier

Das Arye Maimon-Institut für Geschichte der Juden (AMIGJ) ist eine wissenschaftliche Einrichtung der Universität Trier, zunächst 1996 als „Institut für Geschichte der Juden“ (IGJ) gegründet. Der Gründungsdirektor, Alfred Haverkamp, lehrte bis 2005 gleichzeitig als Lehrstuhlinhaber das Fach Mittelalterliche Geschichte an der Universität Trier. Forschungsschwerpunkt ist die Geschichte der Juden vornehmlich in Mittel- und Westeuropa mit Schwerpunkten im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit. Zusammen mit Partnern aus Drittmittelprojekten erstellt das Institut eine Bibliographie zur Geschichte der Juden im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, die vor Ort recherchierbar ist. Ein Spezialbestand der Trierer Universitätsbibliothek zur Geschichte der Juden wird laufend erweitert und ist im Bibliothekskatalog erfasst. Am Institut ist auch das Langzeitprojekt der Akademie der Wissenschaften und Literatur Mainz angebunden: Medieval Ashkenaz. Corpus der Quellen zur Geschichte der Juden im spätmittelalterlichen Reich (siehe Teil 2.2), von dem Teilkorpora online einsehbar sind.

Leopold-Zunz-Zentrum zur Erforschung des europäischen Judentums, Halle

Das Leopold-Zunz-Zentrum zur Erforschung des europäischen Judentums wurde 1998 von Giuseppe Veltri gegründet und 2007 von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg übernommen, wo es Teil des Seminars für Judaistik ist. Im Mittelpunkt der Forschung stehen die Spätantike, das Europa der Frühen Neuzeit sowie die deutsch-jüdische Geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts. Vom Zentrum wird das European Journal of Jewish Studies[19] herausgegeben. In Zusammenarbeit mit der Jerusalemer National- und Universitätsbibliothek wird zudem der Nachlass von Leopold Zunz wissenschaftlich erschlossen und zu einem digitalen Leopold-Zunz-Archiv aufgebaut (siehe Teil 2.2.2).

1.2.2 Österreich

Institut für jüdische Geschichte Österreichs, St. Pölten

Das Institut für jüdische Geschichte Österreichs (INJOEST) wurde 1988 auf private Initiative hin mit staatlicher Unterstützung zusammen mit einem Trägerverein gegründet. Seit 2011 ist das INJOEST an das Institut für österreichische Geschichtsforschung (IÖG an der Universität Wien) angebunden. Neben einer Schriftenreihe mit Studien- und Tagungsbänden publiziert das Institut auch seit 2005 eine jährlich erscheinende Online-Zeitschrift Juden in Mitteleuropa (siehe Teil 2.4). Eine Besonderheit stellt die Unterbringung des INJOEST dar: es befindet sich in der ehemaligen Synagoge St. Pöltens, dessen Geschichte es in einer Ausstellung darlegt. Die Synagoge wurde in der Pogromnacht 1938 schwer beschädigt, nach dem Krieg an die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) restituiert, eine Gemeinde existierte aber nicht mehr. Das Haus ist heute eine Gedenkstätte, das Institut befindet sich im ehemaligen Kantorhaus.

1.2.3 Schweiz

In der Schweiz sind es vor allem Archive und Lehrstühle mit spezialisierten Studiengängen, an denen Forschungen zur jüdischen Geschichte stattfinden (siehe Teil 1.3.3).

1.3 Studiengänge

Ein Blick in das Lehrangebot der deutschsprachigen Universitäten zeigt, dass inzwischen an vielen Universitäten Lehre zur jüdischen Geschichte und Kultur sowie zur Judaistik angeboten wird. In Deutschland sind dies unter anderem das Arye Maimon-Institut für die Geschichte der Juden an der Universität Trier (siehe Teil 1.2.1), die Interkulturellen Jüdischen Studien an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und an der Heinrich Heine Universität Düsseldorf, das Institutum Judaicum Delitzschianum an der Westfälischen Wilhelms Universität Münster sowie die meist an den theologischen Fakultäten angesiedelten Lehrstühle, Seminare und Institute zur Judaistik an den Universitäten FU Berlin, Erfurt, Frankfurt am Main, Freiburg, Göttingen, Halle-Wittenberg, Köln und Tübingen sowie der jüngst eingerichtete Lehrstuhl für jüdische Philosophie und Religion in Hamburg. Eigenständige Institute mit Lehre sind das Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg (siehe Teil 1.2.1), das Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur - Simon Dubnow an der Universität Leipzig (siehe Teil 1.2.1), das Moses-Mendelssohn-Zentrum (Potsdam) (siehe Teil 1.2.1), das Abraham Geiger Kolleg (Berlin) und das Salomon-Ludwig-Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte (siehe Teil 1.2.1). Neben dieser Einbettung in das allgemeine Lehrangebot, gibt es zudem eine Vielzahl von Sonderformaten wie Sommerschulen, die Studierenden und Promovierenden Einblicke in die deutsch-jüdische Geschichte ermöglichen, so etwa die Europäische Sommeruniversität für jüdische Studien Hohenems oder die International Sephardic Summer School (Sofia/Halberstadt). An einigen Universitäten ist zudem die jüdische Geschichte Teil spezialisierter Studiengänge.

1.3.1 Bundesrepublik Deutschland
Martin-Buber-Institut für Judaistik, Köln

Das Martin-Buber-Institut für Judaistik wurde 1966 als zweites judaistisches Institut in der Bundesrepublik Deutschland gegründet. Der Schwerpunkt liegt in der Erforschung des antiken und rabbinischen Judentums. Eine judaistische Spezialbibliothek sowie Bildsammlung sind Bestandteil des Instituts, jedoch nicht über einen Online-Katalog erschlossen.

Martin-Buber-Professur für Jüdische Religionsphilosophie, Frankfurt am Main

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau stiftete im Jahr 1989 die Martin-Buber-Professur für Jüdische Religionsphilosophie, die seit 2005 vom Land Hessen dauerhaft fortgeführt wird. Aufgabe ist es, Studierenden aller Fachbereiche, gleichwohl mit einem Schwerpunkt auf Studierenden der Theologie und Philosophie, Einblicke in die jüdische Geschichte und Religion zu vermitteln. Der derzeitige Lehrstuhlinhaber Christian Wiese gibt mit Mar'ot – Die jüdische Moderne in Quellen und Werken eine Reihe heraus, die schwer zugängliche oder verborgene Quellen und Werke des jüdischen Denkens seit dem 17. Jahrhundert kommentiert und mit wissenschaftlichen Einleitungen versieht.

Abteilung für Jüdische Geschichte und Kultur, Ludwig Maximilians Universität (LMU) München

An der LMU München wurde 1997 ein Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur mit einem neuzeitlichen Schwerpunkt eingerichtet, den Michael Brenner übernahm. Zwölf Jahre später folgte die Einrichtung eines weiteren Lehrstuhls, den Eva Haverkamp mit einem Schwerpunkt auf der mittelalterlichen jüdischen Geschichte innehat. Hinzu kommen zwei Sprachlektorate für Neuhebräisch und Jiddisch. Seit 2003 wird außerdem regelmäßig eine Allianz-Gastprofessur für Jüdische und Islamische Studien mit internationalen WissenschaftlerInnen besetzt. Eine Präsenzbibliothek zur jüdischen Geschichte und jiddischen Literatur ist Teil des Historicums der LMU. Zweimal jährlich wird mit den Münchner Beiträgen eine Zeitschrift im Kontext des Lehrstuhls publiziert.

1.3.2 Österreich

In Österreich findet Forschung und Lehre zur jüdischen Geschichte vor allem an drei Orten statt: In Wien sind bereits für 1945 mit Kurt Schubert Anfänge der judaistischen Forschung zu verzeichnen, das 1966 gegründete Universität WienInstitut für Judaistik der baute darauf auf. Das seit 2000 bestehende Centrum für Jüdische Studien der Karl-Franzens-Universität Graz (CJS) beschäftigt sich mit deutsch-jüdischer Geschichte, Literatur und Kultur seit der Aufklärung. Die Forschungen orientieren sich an kulturwissenschaftlichen und interdisziplinären Zugängen. Alle zwei Semester wird eine Kurt-David-Brühl-Gastprofessur für Jüdische Studien ausgeschrieben, die Lehrveranstaltungen sind Bestandteil des Joint-Degree-Masterstudiums „Jüdische Studien – Geschichte jüdischer Kulturen“. In Salzburg existiert seit 2004 eine interdisziplinäre Einrichtung, das Zentrum für Jüdische Kulturgeschichte, Salzburg. Es beschäftigt sich aus kulturwissenschaftlicher Perspektive mit jüdischer Geschichte, Kultur, Literatur und Religion. Wichtige Forschungsgebiete sind unter anderem die rabbinische Literatur, die jiddische Literatur sowie das Thema der Erinnerungspolitik.

1.3.3 Schweiz

In der Schweiz bieten mit Basel, Bern und Luzern vor allem drei Universitäten Lehre im Bereich der jüdischen Studien an, haben jedoch keine eigenen Bibliotheken, sondern sind Teil der universitären Infrastruktur. Das Institut für Jüdisch-Christliche Forschung (IJCF), Luzern besteht als Teil der theologischen Fakultät seit 1981 und lädt zum Studium der Judaistik ein. Zugleich gehört zum Profil des Instituts die Förderung des jüdisch-christlichen Dialogs. Darunter fallen unter anderem auch Stipendien für Studien- und Sprachaufenthalte in Israel sowie Einladungen für Gastprofessuren. Luzern war die erste Universität, die in der Schweiz bereits 1971 das Fach Judaistik einrichtete und es zehn Jahre später in ein Institut überführte. Das Institut für Jüdische Studien wurde 1998 gegründet und ist eine interfakultäre und interdisziplinäre Einrichtung der Universität Basel. Es wird von der Philosophisch-Historischen Fakultät und der Theologischen Fakultät getragen und seit Mai 2000 wird das Fach „Jüdische Studien“ offiziell von der Universität anerkannt. In Bern liegt der Fokus des 2008 gegründeten Institut für Judaistik auf der Erforschung und Lehre zum Judentum in Antike und Mittelalter.

1.4 Forschungsverbünde/Zusammenschlüsse

1.4.1 Bundesrepublik Deutschland

Arbeitsgemeinschaft Jüdische Sammlungen

Die Arbeitsgemeinschaft Jüdische Sammlungen wurde 1976 in Köln gegründet. Sie ist ein loser Zusammenschluss jüdischer Museen und anderer Einrichtungen wie ehemaliger Synagogen, Gedenkstätten, Bibliotheken, Archive und Forschungsinstitute. Auch in diesem Bereich tätige Einzelpersonen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sind Teil der AG. Seit Juni 2017 bietet die Webseite der AG ein Judaica-Portal Berlin-Brandenburg, über das sich Katalogdaten der beteiligten Bibliotheken sowie die Fachdatenbank RAMBI durchsuchen lassen (siehe Teil 2.1.1).

Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft des Leo Baeck Instituts (WAG)

Die Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft des Leo-Baeck-Instituts ist ein Zusammenschluss deutscher HistorikerInnen (seit 1989), die sich mit der Erforschung der deutsch-jüdischen Geschichte befassen. Sie ist eine Einrichtung des 1955 gegründeten Internationalen Leo-Baeck-Instituts (LBI) (siehe auch Teil 2.1.3.1 und 2.2.2), das – mit Arbeitszentren in Jerusalem, London und New York – von aus Deutschland vertriebenen Juden gegründet worden war. Zusätzlich zu wissenschaftlichen Tagungen und der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses durch regelmäßige Doktoranden- und Postdoktorandenprogramme werden die Forschungsergebnisse der beteiligten HistorikerInnen in umfassenden Gesamtdarstellungen veröffentlicht wie etwa in der von Stefanie Schüler und Rainer Liedtke herausgegebenen Reihe Perspektiven auf die deutsch-jüdische Geschichte. Eine weitere Säule der Aktivitäten der WAG war in den 1990er-Jahren die Erfassung von Archivinventaren zur Geschichte der Juden in Deutschland, zunächst vor allem in den neuen Bundesländern, daran anschließend die Bestände ehemals deutscher Archive in Polen. So wurden seit 1992 304 Inventare von insgesamt 616 erfassten Archiven für die Forschung zugänglich gemacht.

Zentrum Jüdische Studien, Berlin-Brandenburg

Das 2012 gegründete Zentrum Jüdische Studien ist ein Kooperationsprojekt der Humboldt-Universität zu Berlin, der Freien Universität Berlin, der Technischen Universität Berlin, der Universität Potsdam, des Abraham Geiger Kollegs und des Moses-Mendelssohn-Zentrums für europäisch-jüdische Studien (siehe Teil 1.2.1). Es wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) derzeit in einer zweiten Phase finanziert und dient insbesondere der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses sowie der Forschungsvernetzung und des interdisziplinären Zusammenschlusses von Geschichte, Philosophie, Judaistik, Theologie, Literatur- und Musikwissenschaften, Kunstgeschichte und Altertumswissenschaft. Zudem trägt es zur Ausbildung von Rabbinern und Kantoren bei.

European Association of Jewish Studies (EAJS)

Die European Association for Jewish Studies (EAJS) ist die europäische Dachvereinigung aller Institutionen, die sich mit Forschung und Lehre den jüdischen Studien widmen. Sie wurde 1981 als akademischer Zusammenschluss gegründet, organisiert regelmäßige Verbandskonferenzen und publiziert die Halbjahreszeitschrift European Journal of Jewish Studies (EJJS)[52]. Als digitales Angebot steht ein Online-Verzeichnis zu jüdischen Studien in Europa zur Verfügung. Mitglieder haben obendrein Zugriff auf eine umfassende Datenbank zu Fördermöglichkeiten für verschiedenste wissenschaftliche Formate sowie Stipendien.

1.4.2 Österreich

Arbeitsgemeinschaft für Jüdische Studien in Österreich (AGJÖ)

Mit der AGJÖ besteht seit 2008 ein informeller Zusammenschluss der österreichischen universitären und außeruniversitären Institutionen, die sich mit der Erforschung, Publikation und Lehre jüdischer Geschichte und Kulturen beschäftigen. Die Arbeitsgemeinschaft dient dem regelmäßigen Austausch auf halbjährlich stattfindenden Treffen sowie der gemeinsamen Planung von Tagungen, Projekten und Publikationen. Mitglieder der AGJÖ sind das Centrum Jüdische Studien Graz (siehe Teil 1.3.2) das Institut für Judaistik der Universität Wien (siehe Teil 1.3.2), das Institut für jüdische Geschichte Österreichs (siehe Teil 1.2.2) und das Zentrum für jüdische Kulturgeschichte der Universität Salzburg (ZJK‎) (siehe Teil 1.3.2).

1.5 Forschungsstrukturen zu Nationalsozialismus und Antisemitismus https://guides.clio-online.de/guides/themen/nationalsozialismus_und_holocaust/2018

In der Bundesrepublik sind es vor allem die Gedenkstätten, in denen bedeutende Sammlungen und teilweise auch Archive zur deutsch-jüdischen Verfolgungsgeschichte im Nationalsozialismus zu finden sind. Diese hier einzeln aufzuführen, wäre zu umfangreich. Eine interaktive Übersichtskarte dieser Gedenkstätten findet sich auf den Seiten der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin im Gedenkstättenforum. Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb bietet obendrein eine App zu Erinnerungsorten für die Opfer des Nationalsozialismus. Diese App umfasst rund 450 Erinnerungsorte mit Informationen über Gedenkstätten, Museen, Dokumentationszentren, Mahnmal sowie Bildungsstätten und Erinnerungsinitiativen.

Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA), TU Berlin

Am Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) wird seit 1982 Grundlagenforschung zu Geschichte und Formen des Antisemitismus betrieben. Die Forschungsperspektive ist dabei weit gefasst und beinhaltet zugleich allgemeinere Fragen zu Rassismus und Gewalt sowie zur Geschichte von Minderheiten. Das Zentrum wurde von Wolfgang Benz aufgebaut und wird seit 2012 von Stefanie Schüler-Springorum geleitet. Die wissenschaftliche Spezialbibliothek umfasst 40.000 Bände und ihre Bestände sind online recherchierbar. Das ZfA gehört neben der FU Berlin, dem IfZ in München und der Frankfurter Goethe Universität zu den wenigen Ort in Deutschland, wo die Interviews des Visual History Archive der Spielberg Shoah Foundation eingesehen werden können.[63] Dieses ist neben anderen, wie zum Beispiel dem Voice/Vision Holocaust Survivor Oral History Archive an der University of Michigan (Dearborn), eines der größten Archive für Oral History Interviews. Neben diesen Zugriffsmöglichkeiten finden sich im Archiv des ZfA zudem Nachlässe sowie einige Sondersammlungen ausländischer Archive, die als Mikrofilm zugänglich sind.

Fritz-Bauer-Institut. Geschichte und Wirkung des Holocaust, Frankfurt am Main

Das 1995 gegründete Fritz Bauer Institut ist eine interdisziplinär ausgerichtete Forschungs-, Dokumentations- und Bildungseinrichtung. Es erforscht und dokumentiert die Geschichte der nationalsozialistischen Massenverbrechen und deren Wirkung bis in die Gegenwart. Seit Herbst 2000 ist es ein An-Institut der Goethe-Universität Frankfurt am Main und hat seinen Sitz im IG Farben-Haus auf dem Campus der Universität. Gemeinsam mit dem Jüdischen Museum Frankfurt betreibt das Fritz Bauer Institut das Pädagogische Zentrum Frankfurt am Main. Zum digitalen Angebot siehe Teil 2.2.2.3.

Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI), Wien

Das Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI) wurde 2008 nach dem Tod von Simon Wiesenthal gegründet und setzt sich mit der Erforschung, Dokumentation und Vermittlung von allen Fragen des Antisemitismus, Rassismus und Holocaust auseinander. Es verwaltet umfangreiche Sammlungsbestände zu diesen Forschungsthemen. Die Holocaust relevanten Teile des Archivs der Israelitischen Kultusgemeinde Wien bilden gemeinsam mit dem Nachlass Simon Wiesenthals sowie der VWI-Bibliothek die Kernstücke. Zudem gibt es ein festes Fellowship-Programm für GastwissenschaftlerInnen. Darüber hinaus finden regelmäßige wissenschaftliche Vorträge und Veranstaltungen statt. Zum Archiv siehe Teil 2.1.3.2.

2. Digitale Informationsressourcen und Medien zur jüdischen Geschichte

2.1 Recherche

2.1.1 Portale

Da jüdische Geschichte auch institutionell meist Teil der übergreifende Geschichte ist, bietet sich in vielen Fällen für die Recherche der Einstieg über übergreifende Portale, Fachbibliographien oder Kataloge an[68], wie etwa über den Karlsruher Virtuellen Katalog zur Literaturrecherche, über die Deutsche Digitale Bibliothek (DDB) zur Suche in den digitalisierten Beständen der zahlreichen Verbundpartner oder über das Zentrale Verzeichnis Digitalisierter Drucke (ZVDD), das zum Genre „Judaicum“ immerhin über 200 Treffer bereithält.

Spezialisierte Bestände zur jüdischen Geschichte, Kultur und Religion bietet die Judaica Europeana, das größte Digitalisierungsprojekt im Bereich jüdische Geschichte, das inzwischen in der Europeana aufgegangen ist. Als übergeordnetes Portal bündelt sie über 3,7 Millionen Datensätze von 30 Einrichtungen aus Europa, Israel und den USA, macht diese zentral durchsuchbar (allerdings nur noch über die Europeana) und zugänglich. Neben den Digitalisaten, die Dokumente ebenso umfassen wie Postkarten oder Tonaufnahmen, werden umfassend beschreibende Metadaten (Urheber, Entstehungsdatum, Rechtehinweise, Klassifikationen etc.) mit dem Ziel bereitgestellt, die Normdaten für den Bereich der jüdischen Geschichte und Kultur weiterzuentwickeln und anzureichern.

Für die spezialisierte Recherche nach älterer Literatur eignet sich der Einstieg über die Freimann-Sammlung der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main. Diese ist Teil der von Rachel Heuberger betreuten Judaica- und Hebraica-Sammlung, der umfassendsten in Deutschland. Die Freimann-Sammlung, die etwa 15.000 Titel historischer Literatur zur Wissenschaft des Judentums enthält, wurde ursprünglich von Aron Freimann als Spezialbibliothek aufgebaut. Das Bestreben, die nach dem Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg nicht mehr komplett in Frankfurt erhaltenen Bibliotheksbestände durch Digitalisierung virtuell wieder zusammenzuführen, unterstreicht exemplarisch die besondere Bedeutung von Digitalisierungsvorhaben für das Fach jüdische Geschichte.

Zu den digitalisierten Judaica- und Hebraica-Bestände der Universitätsbibliothek Frankfurt/Main zählen die Angebote Compact Memory mit digitalisierten jüdischen Zeitschriften und Zeitungen (siehe Teil 2.2.2.1) aus dem deutschsprachigen Raum vom 18. bis ins 20. Jahrhundert, etwa 400 hebräischen Handschriften und Handschriftenfragmenten sowie um die 800 jiddischen Drucke vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. Im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierten Fachinformationsdienstes (FID) Jüdische Studien, der ein Kooperationsprojekt der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main mit der WISS Research Group an der Hochschule der Medien in Stuttgart ist, werden die Metadaten der digitalen Judaica-Sammlung sukzessive mit weiterführenden Informationen, etwa aus Nachschlagewerken, im Linked Open Data verknüpft. Darüber hinaus wird bis 2018 der Aufbau eines übergreifenden Portals zur Recherche in dem FID Jüdische Studien und dem FID Nahoststudien der ULB Halle angestrebt. Hier soll auch die Datenbank Library of the Haskala, die bio-bibliographische Informationen aus über 500 Büchern der Haskala-Literatur extrahiert und zusätzlich auf digitalisierte Bestände verlinkt, integriert werden. Über den FID sind für Zugehörige berechtigter Einrichtungen nach Registrierung elektronische Ressourcen wie Nachschlagewerke, Datenbanken, Zeitschriften oder E-Books zugänglich. Eine Sammlung digitalisierter hebräischer Manuskripte, KTIV – The International Collection of Digitized Hebrew Manuscripts, kann über die Israelische Nationalbibliothek (NLI) genutzt werden. Dabei reicht die Bandbreite von religiösen Schriften über jüdische Kalender bis hin zu wissenschaftlichen Werken. An dem Projekt, das je nach Objekt unterschiedliche Nutzungsmöglichkeiten erlaubt, sind auch die Bayerische Staatsbibliothek, die Staatsbibliothek zu Berlin oder die Österreichische Nationalbibliothek beteiligt. Ebenfalls zu nennen wäre die digitale Open-Access-Bibliothek Sefaria, die jüdische Texte online für Forschung und Lehre bereitstellt und aufbereitet.

Weitere Ansatzpunkte für die Literaturrecherche sind die Aufsatzdatenbank RAMBI, die ein Verzeichnis mit Artikeln zu jüdischen Themen in wissenschaftlichen Zeitschriften und Sammelbänden von den 1960er-Jahren bis heute bietet und über den Katalog der NLI oder das Portal Judaica-Portal Berlin-Brandenburg der AG Jüdische Sammlungen aufgerufen werden kann.

Während das Jüdische Museum Berlin derzeit mit den Jewish Places ein Portal entwickelt, das geo-referenzierbare Onlineressourcen zur jüdischen Geschichte, Kultur und Religion im deutschsprachigen Raum zentral bündeln möchte und damit auf das Fehlen einer übergeordneten „Anlaufstelle“ im Internet reagiert, bestehen bislang eher thematisch oder geografisch spezialisierte Portale. So etwa das European Holocaust Research Infrastructure (EHRI)-Projekt, das eine gute Einstiegsmöglichkeit für Archivrecherchen zum Thema Holocaust darstellt, oder das von Gerben Zaagsma betreute Portal Yiddish-Sources, das einen Überblick über Recherchemöglichkeiten zu jiddischer Literatur, Archiven, Bibliotheken und Quellen gibt. EHRI wurde als ein Infrastrukturprojekt gegründet, unter dessen Dach sich 23 Forschungseinrichtungen aus 17 europäischen Staaten und Israel zusammengeschlossen haben, es wird im Rahmen des EU-Wissenschaftsprogramms Horizont 2020 gefördert. Es soll Strukturen entwickeln bzw. ausbauen, mit denen die europäischen Forschungs- und Archivressourcen zur Geschichte des Holocaust dauerhaft vernetzt werden können. In Form einer Metasuche sollen so beispielsweise Archivbestandslisten durchsuchbar gemacht werden. Zudem stehen auf dem bereits zugänglichen Portal Online-Schulungen zur Geschichte des Holocaust bereit. Deutscher Partner bei EHRI ist das 2013 gegründete Zentrum für Holocauststudien am Institut für Zeitgeschichte, München, das von Frank Bajohr geleitet wird. Das von der Rothschild Foundation (Hanadiv) initiierte Yerusha-Projekt setzt sich ein ähnliches Ziel. Angestrebt wird, mithilfe zahlreicher Partnerinstitutionen ein bei der NLI gehostetes Online-Portal mit umfassenden und systematischen Informationen zu relevanten Archivbeständen für die jüdische Geschichte in Europa zu erarbeiten.

Linksammlungen mit Hinweisen zu digitalen Angeboten bieten das Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland (siehe Teil 2.1.3.1) und das Jüdische Museum Berlin (siehe Teil 2.1.4.1).

2.1.2 Bibliotheken

Auch im Bereich der Bibliotheken spielen die staatlichen Institutionen eine wichtige Rolle. Neben den großen Einrichtungen, wie etwa der Deutschen, Österreichischen oder Schweizerischen Nationalbibliothek, sind es die Staats- und Landesbibliotheken, die große Bestände der Fachliteratur zur deutsch-jüdischen Geschichte haben (siehe dazu auch den Karlsruher Virtuellen Katalog). Darüber hinaus sind es die Bestände der Forschungs- und Lehrinstitutionen an den verschiedenen Universitäten, auf die geachtet werden sollte. Außerdem spielen Sondersammlungen oder Judaica- und Hebraica-Sammlungen an den verschiedenen Universitätsbibliotheken, wie zum Beispiel an der Humboldt Universität Berlin, der Freien Universität Berlin oder der Universität Frankfurt am Main eine wichtige Rolle.[92] Auch der Fachinformationsdienst Jüdische Studien an der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main (siehe Teil 2.1.2.1), der die Sondersammelgebiete Wissenschaft vom Judentum und Israel abgelöst hat, bietet eine übergreifende Portalsuche an. Darüber hinaus sind es die Bibliotheken des Fritz-Bauer-Instituts (siehe Teil 1.5) oder des Zentrums für Antisemitismus-Forschung an der Technischen Universität Berlin (siehe Teil 1.5), die wichtige Spezialsammlungen aufweisen. Außerdem sind die kleineren Privat- und Gemeindebibliotheken zu nennen, wie die Bibliothek in der jüdischen Volkshochschule der Gemeinde zu Berlin[94] oder die Jüdische Bibliothek Hannover.

2.1.2.1 Deutschland
Germania Judaica Köln: Kölner Bibliothek zur Geschichte des deutschen Judentums e.V.

Die Spezialsammlung der Germania Judaica: Kölner Bibliothek zur Geschichte des deutschen Judentums e.V. (siehe Teil 1.1) ist eine der frühesten Nachkriegssammlungen, die 1959 geschaffen wurde und mittlerweile circa 90.000 Bände umfasst. Damit ist sie eine der größten Spezialsammlungen zum deutschsprachigen Judentum vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart und umfasst Publikationen zu Themen wie jüdischer Religion, Antisemitismus, Zionismus. Alle drei Jahre publiziert die Germania Judaica zudem eine Übersicht der laufenden Forschungsvorhaben im Bereich der deutsch-jüdischen Geschichte und des Antisemitismus in ihren Arbeitsinformationen.

Bibliothek des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden (Hamburg)

Als eine weitere Spezialsammlung ist die Bibliothek des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden (IGdJ) Hamburg zu nennen. Das 1966 gegründete Institut (siehe Teil 1.1) ist zwar ursprünglich mit einem Schwerpunkt auf der Erforschung und Dokumentation der jüdischen Geschichte Hamburgs und des norddeutschen Raums errichtet worden, aber die Bestände der Bibliothek bezeugen die nationale und transnationale Verortung der jüdischen Geschichte der Hansestadt. Mit circa 70.000 Büchern und den zusätzlichen Beständen der Salomo Birnbaum Bibliothek zur jiddischen Geschichte und Kultur und der Bibliothek der jüdischen Gemeinde Hamburgs in der Staatsbibliothek, die über den Campus-Katalog Hamburg abgefragt werden können, ist damit Hamburg ein weiterer wichtiger Standort für die deutsch-jüdische Geschichtsforschung.

Bibliothek der Hochschule für jüdische Studien (Heidelberg)

Auch die Bibliothek der Hochschule für jüdische Studien (HJS) Heidelberg weist einen umfangreichen Bestand an Publikationen auf, der ein Nachzeichnen der jüdischen Geschichte vom 16. bis 21. Jahrhundert ermöglicht (siehe Teil 1.2.1). Die Themenschwerpunkte sind Religion, Geschichte in der Diaspora sowie Israel und Nahost.

2.1.2.2 Österreich

Die Bibliothek des Jüdischen Museums Wien ist die größte österreichische Fachbibliothek zum Thema Judentum und jüdischer Geschichte. Anhand der circa 45.000 Bände lässt sich das jüdische Leben vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart nachvollziehen. Dabei sind es nicht nur deutsche und hebräische Publikationen, sondern auch jiddische, die die Sammlung besonders machen. Die Bestände, die Teile der alten Gemeindebibliothek, aber auch private Schenkungen und Eigenerwerbungen umfassen, sind seit 2004 über einen Online-Katalog recherchierbar. Dank dieses Fundus kann nicht nur die jüdische Geschichte in Österreich, sondern auch in der ehemaligen Habsburgermonarchie sowie in Mittel- und Osteuropa erforscht werden. Darüber hinaus sind die Bibliothek des Simon Wiesenthal Instituts (siehe Teil 2.1.2.2) sowie die verschiedenen Landes- und Stadtbibliotheken zu nennen, die ebenfalls umfangreiche Literatursammlungen zu jüdischen Themen bereithalten.

2.1.2.3 Schweiz

Eine weitere bedeutende Spezialbibliothek zum deutschsprachigen Judentum befindet sich in der Schweiz, genauer in der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ). Diese beherbergt circa 60.000 Medien zu den unterschiedlichsten Themen. Neben verschiedenen Kleinst-Beständen, die in den 1930er-Jahren an die ICZ gekommen waren, war es die Teilübernahme der aufgelösten Bibliothek des Breslauer Rabbinerseminars (1938), die diese Spezialbibliothek so einzigartig machen. Damit sind wichtige Bücher und Publikationen, beginnend von 1595 bis heute, in der Bibliothek der ICZ zugänglich und bilden einen reichhaltigen Schatz für die Erforschung der deutsch-jüdischen Geschichte. Darüber hinaus sind es besonders in der Schweiz die Landes- und Stadtbibliotheken, in denen Literatur zur jüdischen Geschichte und Kultur zu finden ist.

2.1.3 Archive

Jüdische Geschichte ist Teil der lokalen, nationalen und transnationalen Geschichte. Die Quellenbestände und -standorte spiegeln fast organisch die jüdischen Migrationsbewegungen – gewollte oder erzwungene –, die transnationalen Bezüge und internationalen Vernetzungen auf der Ebene des Handels, der Gemeinden und persönlichen Beziehungen wider. Damit sind Recherchen, die über die nationalen Archive – und im Fall der deutsch-jüdischen Geschichte über die deutschen Sprachgrenzen – hinausgehen, oft folgerichtig, um relevante Bestände zu finden und für die jeweiligen Themen zu erschließen. Darüber hinaus sind es aber nicht nur die jeweiligen staatlichen Archive, sondern auch die Archive der jüdischen Gemeinden, die einen Einblick in die Quellen zur deutsch-jüdischen Geschichte geben.

2.1.3.1 Deutschland

Dem nationalstaatlichen Sammelprinzip folgend sind in Deutschland das Bundesarchiv in Berlin sowie die Staats-, Landes-, Gemeinde- und Stadtarchive wichtige Anlaufpunkte, um jüdische Geschichte im Rahmen des deutschen föderalen Systems verstehen und erforschen zu können. Auch die Forschungseinrichtungen zur Geschichte des Nationalsozialismus, die immer auch die jüdische Geschichte mitbetrachten, sollten Berücksichtigung finden.[104] So können neben den primär staatlichen Archiven der International Tracing Service (ITS; Bad Arolsen), die verschiedenen Gedenkstätten des NS-Terrors, das Deutsche Exilarchiv 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek oder die Werkstatt der Erinnerung der Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg (FZH, siehe Teil 2.2.2.2) aufschlussreiche Bestände bereithalten. Gerade um der einseitigen Außenperspektive auf jüdische Geschichte entgegenzuwirken, soll im Folgenden auf vier Beispiele eingegangen werden, die auch eine Innenperspektive zulassen.

Archiv des Jüdischen Museums Berlin/Archiv des Leo Baeck Instituts (Berlin)

Das Archiv des Jüdischen Museums Berlin (JMB) (siehe Teil 2.1.4.1), welches Alltagsgegenstände, Kunstwerke, Fotografien und religiöse Gebrauchsobjekte umfasst, beinhaltet auch 1.700 Konvolute – meist aus privaten Schenkungen – sowie die historischen Bestände der Bibliothek (circa 11.000 Bände). Besonders unter dem Leitgedanken „Geschichten erzählen mit Objekten“ werden jüdische Geschichte und Kultur über die Website Aus den Sammlungen des Jüdischen Museums Berlin dargestellt und erforscht und können online eingesehen werden. Die Schwerpunkte des Archivs liegen auf dem 19. und 20. Jahrhundert in Berlin, wodurch sich neben den bürgerlichen Lebenswelten auch die Verfolgungs- und Emigrationserfahrungen deutscher Jüdinnen und Juden nachvollziehen lassen.

Als Besonderheit bietet das JMB zudem die Möglichkeit, in den Beständen des New Yorker Leo Baeck Institutes (LBI) in Berlin zu recherchieren bzw. mit den circa 4.500 Mikrofilmen vor Ort zu arbeiten, die einen Teil der Sammlung des New Yorker Instituts abbilden. Die umfangreichen Bestände des New Yorker LBI sind außerdem über das Portal DigiBaeck (siehe Teil, 2.2.2) online abrufbar und bieten einen umfangreichen Einblick in die deutsch-jüdische Geschichte der Moderne. Außerdem ermöglicht das JMB den Zugang zu ausgewählten Beständen der Wiener Library (London). Die gesamte Sammlung der Wiener Library, die 1933 in London begründet wurde und mittlerweile circa eine Million Objekte umfasst, ist zentral für die Erforschung des Holocaust und der NS-Herrschaft.

Jüdisches Gemeindearchiv Hamburg/Staatsarchiv Hamburg

Als ein Sonderfall kann das Archiv der jüdischen Gemeinde in Hamburg angesehen werden, da hier die Akten über die Zeit der Verfolgung und Vernichtung der jüdischen Gemeinde sowie über den Zweiten Weltkrieg hinweg erhalten geblieben sind. Damit ist die Geschichte der Juden in Hamburg vom 17. Jahrhundert bis in die NS-Zeit anhand einer reichhaltigen Quellenbasis nachvollziehbar geblieben. Dank der Bemühungen des jüdischen Religionsverbandes und einzelner Hamburger Bürger verblieb das Archivgut der Gemeinde nach dem Novemberpogrom 1938 in der Stadt und wurde in das Staatsarchiv transferiert. 1959 kam es aufgrund eines Vergleichs zwischen der Stadt Hamburg und der Jewish Trust Corporation (als Vertretung der Jewish Historical General Archives: heute Central Archives for the History of the Jewish People/Jerusalem und der jüdischen Gemeinde Hamburg) zur Teilung und Verfilmung der Bestände, wodurch diese im Original bzw. als Mikrofilm in Hamburg und Jerusalem zur Verfügung stehen. Darüber hinaus sind auch die Quellenbestände der Gemeinde nach 1945 als Depositum im Staatsarchiv gelagert, wodurch ein umfangreicher Quellenkorpus entstanden ist. Erste Maßnahmen zur Digitalisierung sind bereits angelaufen und sollen in den nächsten Jahren weiter ausgebaut werden. Eine Online-Bestandsübersicht ist bereits einsehbar.

Zentralarchiv für die Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland (Heidelberg)

Das 1987 vom Zentralrat der Juden in Deutschland gegründete Archiv greift die Ideen des Gesamtarchivs der deutschen Juden auf, das von 1905 bis 1938 in Berlin bereits bestanden hatte (siehe Teil 1.1). Im Zentrum der Sammlung des Zentralarchivs stehen die Materialien und Objekte der jüdischen Gemeinden, Verbände, Organisationen und Personen. Die Bestandsübersicht kann auf der Homepage eingesehen werden. Ausgewählte Dokumente sind als Digitalisate zugänglich und umfassen unter anderem Grabsteine, Briefe, Antisemitica sowie Kennkarten aus dem Jahre 1939.

Deutsches Literaturarchiv Marbach

In dem 1955 gegründeten Deutschen Literaturarchiv Marbach unter der Trägerschaft der Deutschen Schillergesellschaft e.V. sind umfangreiche Bestände von 1750 bis zur Gegenwart gesammelt worden. Neben Zeitschriften, Fotos, Zeitungs- und Rundfunkbeiträgen sowie einigen Verlagsarchiven sind es vor allem die 1.200 Nachlässe und Teilnachlässe von SchriftstellerInnen, PhilosophInnen und Gelehrten und die Archive literarischer Verlage und Zeitschriften, die jüdisches Leben und Geschichte dokumentieren. Zusammen mit der Hebräischen Universität Jerusalem bemüht sich das Deutsche Literaturarchiv Marbach auch deutsch-jüdische Nachlässe weltweit (insbesondere in Israel) zu sichern und verfügbar zu machen, um so den reichhaltigen Schatz des deutsch-jüdischen Erbes zu bewahren.

2.1.3.2 Österreich

Die österreichische Archivlandschaft zur jüdischen Geschichte bietet ebenfalls umfassende Möglichkeiten. Das Institut für jüdische Geschichte Österreichs (St. Pölten), (siehe Teil 1.2), das Jüdische Museum Wien oder das Jüdische Museum Hohenems sind nur einige Beispiele der reichhaltigen Museums- und Archivlandschaft. Zudem sind es auch hier die Staats- und Landesarchive, die Akten zur jüdischen Geschichte aufbewahren, wie zum Beispiel das Österreichische Staatsarchiv. Besonders aufgrund der engen Verknüpfung österreichischer mit mittel- und osteuropäischer Geschichte geben die Bestände in österreichischen Archiven immer wieder auch Blicke auf die jüdische Geschichte jenseits von Staatsgrenzen frei.

Jüdisches Gemeindearchiv Wien

Wien, als ein Ort mit einer der größten jüdischen Gemeinden im modernen Österreich kann auf eine lange Tradition eines eigenen Gemeindearchivs zurückblicken. 1816 erfolgte die Gründung eines ersten Archivs, welches sich der jüdischen Geschichte der Stadt widmete und bis zur Zeit des sogenannten Anschlusses (März 1938) Dokumente und Objekte sammelte. Aufgrund der Beschlagnahmung durch die SS gerieten einzelne Teile des Archivs nach Berlin bzw. Schlesien und wurden dort bei Kriegsende von der Roten Armee beschlagnahmt. Einzelne Bestände sind daher im Sonderarchiv Moskau zu finden bzw. im Prozess der Rückführung nach Wien. Andere Teile des Gemeindearchivs wurden nach dem Krieg in mehreren Tranchen an die Central Archives for the History of the Jewish People (Jerusalem) abgegeben, wo sie vor Ort zugänglich sind.

2009 wurde das Archiv der Jüdischen Gemeinde als eigenständige Abteilung in Wien wiederbegründet und soll langfristig durch die reale Rückführung oder digitale Zusammenführung alter Bestände einer der Orte zur Bewahrung und Erforschung jüdischer Geschichte in Österreich werden. Die virtuellen Ausstellungen zu verschiedenen Themen (siehe Teil 2.2) sowie die wiederentdeckten 500.000 Dokumente aus der NS-Zeit sind neben den bereits genannten Materialien in Moskau oder Jerusalem das Herzstück des Wiener Archivs und bilden vierhundert Jahre jüdischen Lebens in Wien ab.

Simon Wiesenthal Archiv – Dokumentationszentrum des Bundes Jüdischer Verfolgter des Naziregimes

Ein bedeutender Ort für die Erforschung österreichisch-jüdischer Geschichte während der NS-Herrschaft ist das Simon Wiesenthal Archiv (SMA), das Fragen zur Verfolgung, Entrechtung, „Arisierung“ und Wiedergutmachung nachgeht. Bereits 1961 hatte Simon Wiesenthal ein Dokumentationszentrum begründet, welches zum Vorgänger des SMA wurde und neben der Forschung auch die aktive Tätersuche mit einschloss.[126] 2002 nahm Wiesenthal aktiv an der Gestaltung eines internationalen Forschungszentrums in Wien in Zusammenarbeit mit der jüdischen Gemeinde teil, wodurch heute einzelne Bestände und Materialien (auch solche der IKG Wien) dem Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust Studien (VWI) (siehe Teil 1.5) zur Verfügung stehen. Das Archiv setzt sich aus mehreren Beständen verschiedenster Provenienzen zusammen, damit eine Holocaustforschung aus mehreren Perspektiven möglich wird.

Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes

Das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes in Wien, welches sich der umfangreichen Sicherung von Materialien zu Fragen der Verfolgung, des Widerstands, Exils und Umgangs mit dem Nationalsozialismus nach 1945 widmet, ermöglicht eine umfangreiche Suche in verschiedenen Personendatenbanken und hält ebenso wichtige Archivbestände zur österreichischen Geschichte bereit (siehe auch Teil 2.2.2). Das Archiv enthält zum Beispiel Polizei- und Justizakten zu Widerstand und Verfolgung 1934–1938/1938–1945, Strafverfahrensakten gegen NS-Täter 1945–1955 sowie Nachlässe und andere persönliche Dokumente. Darüber hinaus ist die Präsenzbibliothek mit circa 50.000 Titeln und das Fotoarchiv mit circa 42.000 Bildern eine weitere wichtige Quelle für ForscherInnen.

2.1.3.3 Schweiz

Die Archivlandschaft zur jüdischen Geschichte in der Schweiz ist ebenfalls von der föderalen Struktur des Landes geprägt. Neben den unterschiedlichen Staats-, Kantons- und Stadtarchiven, die weitestgehend eine Außenperspektive auf die jüdische Geschichte ermöglichen, gibt es noch andere wichtige Orte der Dokumentation und Erforschung jüdischen Lebens in der Schweiz. Dazu zählen etwa die Bibliothèque Juive de Genève „Gérard Nordmann“, das Institut für Judaistik der Universität Bern, das Zentrum für Jüdische Studien der Universität Basel, das Florence Guggenheim-Archiv zur Geschichte, Sprache und Kultur der Juden in der Schweiz oder das Jüdische Museum der Schweiz in Basel.

Archiv für Zeitgeschichte/Dokumentationsstelle jüdische Zeitgeschichte an der ETH Zürich

Das Archiv für Zeitgeschichte bietet neben einem Lesesaal auch die internetbasierte Recherche seiner Bestände, die Schrift-, Ton- und Bilddokumente aus privatem Besitz bzw. aus institutionellen Archiven zur jüdischen Geschichte der Schweiz im 19. und 20. Jahrhundert umfassen. Die drei Schwerpunktsammlungen zu Politik, Wirtschaft und Geschichte der Juden in der Schweiz sind eine wichtige Ergänzung zu den staatlichen Quellen und ermöglichen die Erforschung der schweizerischen Zeitgeschichte im lokalen als auch internationalen Kontext. Das 1966 gegründete Vorläuferinstitut (Dokumentationsstelle Jüdischer Zeitgeschichte), welches später zum Archiv für Zeitgeschichte wurde, legte die Grundlagen für das heutige moderne Informationszentrum, das neben den Archivalien auch eine umfangreiche Sammlung von Oral History Materialien zur Verfügung stellt. Zudem bietet es einen Online-Zugriff auf digitalisierte Zeitschriften zur schweizerisch-jüdischen Geschichte, die auf der Plattform AfZ Online Collection der ETH Zürich bereitgestellt werden. Wichtige Bestände zur schweizerisch-jüdische Geschichte, wie zum Beispiel das Saly Mayer Archive (im American Joint Distribution Committee Archive New York), das Gerhart Riegner-Archiv (im Central Zionist Archive Jerusalem) oder die verschiedensten Materialien des United States Holocaust Memorial Museum Washington D.C. werden ebenfalls dank Kooperationen vor Ort zugänglich gemacht.

Das Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich stellt zudem das Archiv der Union jüdischer Flüchtlinge mit umfangreichen Flüchtlingsdossiers aus dem Zweiten Weltkrieg online bereit (siehe auch Teil 2.2.2).

2.1.3.4 Weitere Archive

Neben den Archiven in den drei betrachteten Ländern gibt es auch eine Vielzahl von internationalen Einrichtungen, die wichtige Dokumente und Materialien zur jüdischen Geschichte im deutschsprachigen Raum aufweisen. Diese Bestände, die auch die Geschichten von Verfolgungen, Vertreibungen und anderen Migrationsbewegungen erzählen, bezeugen, wie transnational jüdische Geschichte gelesen und erforscht werden sollte. Der traditionelle Fokus auf die Emigrationsländer, wie etwa Israel oder die USA, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch andere nationale oder lokale Archive, so zum Beispiel in den Transitländern oder den temporären Handelsstandorten, wichtig sein können. Die folgenden Beispiele sind somit nur eine Auswahl und sollten je nach Thema ergänzt werden.

Die Central Archives for the History of the Jewish People Jerusalem (CAHJP), die 1939 gegründet wurden, sind einer der wichtigsten Orte der Bewahrung und Dokumentation von jüdischen Gemeindearchiven, einzelnen internationalen jüdischen Organisationen und Nachlässen (circa 1.600). Die Materialien umfassen dabei die Zeit vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Auch das Library’s Archive Department der National Library of Israel (Jerusalem) bewahrt persönliche Nachlässe und Archivbestände auf und ermöglicht den Online-Zugang zu bedeutenden Zeitschriften und Zeitungen. Neben den Israel State Archives, die ebenfalls eine Vielzahl von Materialien online geschaltet haben und derzeit fortlaufend ergänzen, sind es die Central Zionist Archives, welche in ihren Sammlungen deutsch-jüdische Geschichte mit dokumentieren. Neben genealogischen Datenbanken ist das CZA der Ort, um die Entwicklung und Bedeutung des Zionismus weltweit und so auch im deutschsprachigen Raum nachzuvollziehen. Ein weiteres Archiv, welches der besonderen Geschichte deutscher Jüdinnen und Juden gewidmet ist, ist das German-Speaking Jewry Heritage Museum (Tefen). Das 1968 begründete und 2004/2005 in Zusammenarbeit mit der Hitachdut Olej Merkaz Europa zu einem wichtigen Anlaufpunkt ausgebaute Museum, beherbergt zumeist Nachlässe und Objekte, die die deutsch-jüdische Geschichte in Palästina/Israel belegen.

Zudem sind US-amerikanische Archive für die deutsch-jüdische Geschichte bedeutend. Das 1947 gegründete Jacob Rader Marcus Center of the American Jewish Archive (AJA) in Cincinnati ist eines davon, es hält genealogische Datenbanken und Online-Angebote (wie Foto-, Manuskript- oder Mikrofilm-Bestände) bereit. Anders als die Leo Baeck Institute Archives in New York und Berlin (siehe auch Teil 2.1.3.1 und 2.2.2.2), welche vornehmlich deutsch-jüdische Geschichte dokumentieren, zeichnen die Bestände des AJA die Geschichte der Immigration und Integration deutscher Jüdinnen und Juden in den USA nach. Darüber hinaus bietet das German Historical Institute Washington D.C. mit dem Reference Guide German Jews in the United States: A Guide to Archival Collections einen umfangreichen Überblick zu Archivstandorten zur deutsch-jüdischen Geschichte in den USA an.

Zusätzlich können auch die Archivbestände der Wiener Library (London: siehe dazu Jüdisches Museum Berlin, Teil 2.1.4.1), des Mémorial de la Shoah (Paris), des Sonderarchivs Moskau, des YIVO oder der anderen lokalen und nationalen Archive, wie zum Beispiel in Osteuropa, wichtige Anlaufstellen sein.

2.1.4 Museen

2.1.4.1 Deutschland

Nach 1945 waren es oft lokale Initiativen von BürgerInnen, das heißt nicht unbedingt Impulse der jüdischen Gemeinden wie im 19. Jahrhundert, die die ersten Anstöße für die Gründung von jüdischen Museen gaben. Ihr Engagement und der Wille der Kommunen und Städte führten so oft zu frühen Errichtungen von Museen in alten Synagogen oder anderen Orten jüdischen Lebens. Dabei rückten in den späten 1970er-Jahren die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und die Etablierung eines neuen Vergangenheitsbezugs ins Zentrum der Initiativen für jüdische Museen. Dieser Zugang wurde erst in den 1990er-Jahren überwunden, da eine vermehrte jüdische Zuwanderung und neue Impulse des Museumswesens jüdische Museen veränderten. Damit traten die Ideen des Gedenkens, des Vermittelns und des aktuellen Bezugs in den Vordergrund und führten zu einer Ausdifferenzierung der Museumslandschaft. Neben den größeren und kleineren jüdischen Museen, wie zum Beispiel dem Jüdischen Museum Franken (Nürnberg), dem Jüdischen Museum Würzburg „Shalom Europa“, dem Jüdischen Kulturmuseum Augsburg & Schwaben, dem Jüdischen Museum Rendsburg, dem Jüdischen Museum Halberstadt, dem Jüdischen Museum im Raschi-Haus Worms, der Alten Synagoge Essen oder dem Jüdischen Museum Westfalen (Dorsten), sind es auch die Gedenk- und Bildungsstätten zur NS-Herrschaft, wie die Stiftung Topographie des Terrors (Berlin), das Haus der Wannsee-Konferenz (Berlin), die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas (Berlin) oder das NS-Dokumentationszentrum München (siehe Teil 1.4), die die Museumslandschaft mit bestimmen.

Jüdisches Museum Berlin

Ein wichtiges Museum zur jüdischen Geschichte in Deutschland ist das Jüdische Museum Berlin (JMB). Seine große Sammlung, die Bibliothek und das Archiv (siehe Teil 2.1.3.1) machen das JMB zu einem führenden Ort der Vermittlung von jüdischer Geschichte. Seit seiner Eröffnung 2001 ist es so ein Ort des Lernens, der Begegnung und des Studiums der Geschichte und Kultur der Juden in Deutschland geworden. Ein besonderer Fokus liegt auf der Bildungsarbeit mit einem breiten pädagogischen Angebot. Die epochenübergreifende Dauerausstellung sowie die zusätzlichen Sonderausstellungen nutzen die Objekte der angewandten Kunst, des religiösen Gebrauchs und der Alltagskultur sowie die Kunstwerke, Fotografien und Konvolute des Archivs.

Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum Berlin

In den Überresten der Neuen Synagoge zu Berlin, die 1866 feierlich eingeweiht worden war, ist seit 1995 die Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum untergebracht und widmet sich in seinen Dauer- und Wechselausstellungen dem Leben und Wirken deutscher Jüdinnen und Juden. Zudem bietet es in seinem Archiv, welches bereits seit 1990 kontinuierlich aufgebaut wurde, Materialien zur deutsch-jüdischen Geschichte an. Die circa 400 laufenden Meter Archiv- und Sammlungsgut sowie die 2.500 Mikrofilme und 10.300 Mikrofiche bilden mit Teilen des Gesamtarchivs des deutschen Judentums aus der Vorkriegszeit das Herzstück des Museums und seiner Forschungs- und Vermittlungsarbeit.

Jüdisches Museum München

Während es schon mehrere Vorläufer eines jüdischen Museums in München gegeben hatte, waren es die Impulse von Richard Grimm, die in den 1980er-Jahren die Grundlage für die Schaffung eines jüdischen Museums in München lieferten. Die Israelitische Kultusgemeinde München (IKG) und Oberbayern übernahm diese Privatinitiative. Mit dem Neubau des Gemeindehauses und der Synagoge sowie des Museums erhielt dieses einen neuen Ort im Zentrum von München (St.-Jakobs-Platz). Die Sammlungen des Jüdischen Museums München sind vielfältig und geben Einblicke in den Alltag und die Geschichte der Juden in der Isar-Metropole in der Moderne, aber auch – dank der Wechselausstellungen – in spezifische Einzelaspekte jüdischen Lebens.

Jüdisches Museum Frankfurt/Museum Judengasse am Börneplatz (Frankfurt)

Das Jüdische Museum Frankfurt im Zusammenspiel mit dem Museum Judengasse (ebenfalls Frankfurt) bietet verschiedene Einblicke in die jüdische Geschichte Frankfurts vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Die mittelalterlichen Überreste des Judenghettos sowie religiöse Objekte, Schriftgut und anderes Archivgut, die das jüdische Alltagsleben in der Frühen Neuzeit dokumentieren, sind dabei im Museum Judengasse die Kernstücke der Ausstellung, die das Leben und Wirken der Jüdinnen und Juden bis 1800 nachzeichnen. Demgegenüber wird ab 2018 die Zeit nach 1800 im Palais Rothschild museal präsentiert werden und so eine fast einzigartige Kontinuität jüdischen Lebens in einer deutschen Metropole sichtbar gemacht. Die historischen Sammlungen des Jüdischen Museums sind mehrheitlich Dokumente und Objekte aus dem 19. und 20. Jahrhundert und lassen unterschiedliche Aspekte einer urbanen Minderheit zwischen Verfolgung und Integration, zwischen politisch-sozialer Mitgestaltung und Ausgrenzung deutlich werden.

Museum SchPIRA (Speyer)

Als ein Beispiel für die vielen kleineren jüdischen Museen an Orten jüdischen Lebens und Wirkens kann das Museum SchPIRA gelten. Neben den archäologischen Exponaten der Synagoge, des Ritualbades und des Friedhofs sind es auch die Dauerleihgaben der Judaica Sammlung aus unterschiedlichen Museen, die das Leben der Jüdinnen und Juden in Speyer und Umgebung vom Mittelalter bis in die Frühe Neuzeit nachvollziehbar werden lassen. Architekturelemente, Grabsteine, Münzen sowie Bodenfliesen legen Zeugnis von der langen jüdischen Geschichte in der Region ab.

2.1.4.2 Österreich

Auch die Museumslandschaft Österreichs zur jüdischen Geschichte ist vielfältig. Neben den lokalen jüdischen Museen, die auf die tiefe Verwobenheit jüdischer und österreichischer Geschichte verweisen, wie zum Beispiel das Jüdische Museum Hohenems (siehe Teil 2.1.4.2), das Institut für Jüdische Geschichte Österreichs St. Pölten (siehe Teil 1.2) oder das Österreichische Jüdische Museum Eisenstadt, sind es auch die Institutionen, die sich der NS-Herrschaft in Österreich widmen, wie das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (Wien), die das breite Themenspektrum der jüdisch-österreichischen Geschichte museal abdecken.

Jüdisches Museum Wien

Das Jüdische Museum Wien (JMW) (siehe Teil 2.1.3.2) setzte sich wie andere jüdische Museen dafür ein, ein Ort der Begegnung, Auseinandersetzung und Verständigung zu sein. Schon 1893 war es zu einer ersten Gründung eines jüdischen Museums gekommen, das aber durch die Nationalsozialisten geschlossen und erst 1988 wieder eröffnet wurde. 1993 übersiedelte das JMW an seinen heutigen Standort im Palais Eskeles. Dank der Dauerleihgaben der IKG Wien an das Museum kann dieses einen tiefgreifenden Einblick in die Lebens- und Erfahrungswelten der Jüdinnen und Juden in Wien und Österreich geben. Im Jahr 2000 wurde das Museum Judenplatz zusätzlich zum Standort Palais Eskeles eröffnet, wodurch die mittelalterliche jüdische Geschichte der Stadt Wien dauerhaft thematisiert werden kann.

Jüdisches Museum Hohenems

Bereits 1986 hatten kulturpolitisch engagierte Bürger den Verein „Jüdisches Museum Hohenems“ gegründet, um die Möglichkeit zu eröffnen, jüdische Geschichte, jüdisches Leben und Kultur kennenzulernen. Das Museum ist in der restaurierten Villa Heimann-Rosenthal im Zentrum des ehemaligen jüdischen Viertels der Stadt untergebracht. Das Museumskonzept nahm vornehmlich die Geschichte der Juden in Vorarlberg unter der konkreten Perspektive des Verhältnisses zwischen Minderheit und Mehrheit in den Blick und rückte die schriftlichen Quellen und Zeugnisse ins Zentrum der Ausstellung. Im April 1991 eröffnete das Museum und ist bis heute ein aktives Museum, aber auch ein internationales Tagungszentrum.

2.1.4.3 Schweiz

Jüdische Geschichte zeigt sich in der schweizerischen Museumslandschaft zumeist als integraler Teil der generellen Geschichte. In verschiedenen lokalen oder nationalen Museen werden so Aspekte jüdischen Lebens aufgegriffen, museal erklärt und dokumentiert. Eigenständige jüdische Museen sind daher eher die Ausnahme, wie das Jüdische Museum der Schweiz in Basel.

Jüdisches Museum der Schweiz (Basel)

Das Jüdische Museum der Schweiz wurde 1966 als erstes Museum für jüdische Geschichte nach dem Krieg im deutschsprachigen Raum gegründet. Der Großteil der Sammlung stammte aus dem ehemaligen Basler Museum für Volkskunde und wurde durch weitere lokale Sammlungen erweitert, so dass eine der noch bis heute größten Sammlungen zur jüdischen Geschichte in der Schweiz entstand. Zeremonialobjekte, Dokumente und Materialien, aber auch Grabsteine, hebräische Drucke und andere Archivalien, wie zum Beispiel Dokumente zu den Zionistenkongressen oder zur Person Theodor Herzls, spiegeln die lokale und internationale Bedeutung der jüdischen Gemeinde der Schweiz wider.

2.2 Digitale Angebote

In diesem Abschnitt wird ein Überblick über digitale Informationsressourcen im Bereich der deutsch-jüdischen Geschichte gegeben. Um dieses weite Feld eingrenzen zu können, liegt der Fokus auf deutschsprachigen Online-Projekten, wobei punktuell auch auf englischsprachige Angebote verwiesen wird. Angebote in weiteren Sprachen konnten aus Platzgründen nicht berücksichtigt werden. Zum Teil finden sich diese in der von Michelle Chesner (Columbia University) erstellten und im von Sinai Rusinek betreuten DigIn-Portal präsentierten Übersicht zu Digital Humanities-Projekten im Bereich Judaica/jüdische Geschichte.

2.2.1 Digitale Nachschlagewerke

Bei den digitalen Nachschlagewerken lassen sich zwei Gruppen unterscheiden: Auf der einen Seite lexikalische und enzyklopädische Werke, bei denen es sich in erster Linie um retrodigitalisierte Angebote handelt, auf der anderen Seite genuin digitale Angebote wie Datenbanken zu verschiedenen Themenfeldern.

In der ersten Gruppe wären etwa die retrodigitalisierte Jewish Encyclopedia von 1906 das Pilotprojekt der Neuen Gallia-Germania Judaica (NGGJ), ein Online-Ortslexikon, oder die YIVO-Enzyklopädie zu nennen. Während diese Angebote sich nicht auf die deutsch-jüdische Geschichte beschränken bzw. ihren Fokus auf Osteuropa legen, wählt das Nachschlagewerk Jüdisches Hamburg, das vom Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg (siehe Teil 1.2.1) zunächst als Jubiläumsschrift anlässlich seines 40-jährigen Bestehens als Printpublikation herausgeben wurde, einen lokalgeschichtlichen Zugang. In der Online-Version lassen sich lexikalische Einträge zu relevanten Personen, Institutionen und Orten der Hamburger jüdischen Geschichte recherchieren. Für kulturgeschichtliche Fragestellungen bietet sich als Nachschlagewerk das Online-Handbuch Jüdische Kulturgeschichte der Universität Salzburg an. Noch sind die vorhandenen Artikel allerdings überschaubar. Das ebenfalls noch im Aufbau befindliche JudaicaLink setzt sich zum Ziel, Datenversionen unterschiedlicher Online-Enzyklopädien zu erstellen, diese miteinander zu verlinken und stabil zu halten, listet bislang aber neben dem Jüdischen Hamburg nur die YIVO-Enzyklopädie und die Encyclopedia of Russian Jewry. Es wäre zu wünschen, dass dieses Angebot in Zukunft weiter ausgebaut würde.

Weitere Nachschlage- und Suchmöglichkeiten bieten Datenbanken mit verschiedenen Schwerpunktsetzungen, wobei epigraphisch und biographisch angelegte Projekte weit verbreitet sind. Die epidat-Datenbank des Steinheim-Instituts (siehe Teil 1.2.1) ist eine epigraphische Datenbank, die Grabsteine und Inschriften jüdischer Friedhöfe in Deutschland inventarisiert, dokumentiert und ediert, so zum Beispiel die etwa 6000 Inschriften sowie (historische) Fotografien der Grabmale des aschkenasischen Teils des jüdischen Friedhofs in Hamburg-Altona. Neben verschiedenen Recherchemöglichkeiten (Volltextsuche, chronologisch, ortsbasiert) lässt sich etwa die zeitliche und räumliche Abfolge von Belegungen anhand der Inschriften und Grabsymbole visualisieren, sodass hier tatsächlich digitale Werkzeuge genutzt werden. Auch für den sefardischen Teil des jüdischen Friedhofs Hamburg-Altona sowie die anderen jüdischen Friedhöfe der Hansestadt gibt es epigraphische bzw. prosopographische Datenbankprojekte, die vom Eduard-Duckesz-Fellow am IGdJ in Zusammenarbeit mit der Hamburger Gesellschaft für jüdische Genealogie entwickelt wurden. Noch im Aufbau befindet sich zudem die SEFARDAT-Datenbank mit Grabinschriften sefardischer Gräber in Hamburg und der Karibik. Biographisch angelegte Datenbanken beziehen sich in der Regel auf bestimmte Personengruppen, wie etwa das an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder derzeit entwickelte Multimediale Archiv jüdischer Autorinnen und Autoren in Berlin 1933–1945, das sich zum Ziel setzt, bio-bibliographische Informationen zu jüdischen AutorInnen, die nach 1933 in Berlin lebten, zu erfassen und zugleich Primärtexte und weitere Originaldokumente in einer virtuellen Umgebung für Forschung und Lehre bereitzustellen. Ein ebenfalls bio-bibliographisches Unterfangen stellt das Biographische Handbuch der Rabbiner (BHR) dar, das in zwei Teilen, die von Carsten Wilke und Katrin Nele Jansen bearbeitet wurden, im Saur-Verlag erschien. Die online verfügbare PDF-Version mit Einträgen zum Leben und Wirken der Rabbiner im deutschsprachigen Raum zwischen 1781 und 1945 sowie mit ausführlichen Registern stellt das Steinheim-Institut bereit.

Die Datenbank Stolpersteine Hamburg nimmt die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus in den Blick, in dem hier umfassende Informationen zu den entsprechenden Personen und ihren Familien bereitgestellt werden. Damit bietet sich die Datenbank auch für lokalgeschichtliche oder biographische Recherchen an.

Jüdische Frauen als eine weitere Personengruppe werden von der US-amerikanischen, eher populärwissenschaftlichen, Datenbank Jewish Women’s Archive in den Blick genommen.

Stellvertretend für eine dritte Gruppe von Datenbanken, bei der die virtuelle Sichtbarmachung von Spuren jüdischen Erbes im Fokus steht, soll hier auf das Projekt German-Jewish Cultural Heritage, das am Moses-Mendelssohn-Zentrum in Potsdam (siehe Teil 1.2.1) angesiedelt ist, verwiesen werden. Ziel ist, den Weg zu den Quellen der deutsch-jüdischen Geschichte, die in alle Welt verstreut sind, aufzuzeigen. In einem ersten Schritt werden hierzu Informationen zu den Aufbewahrungsorten und Forschungsinstituten in den verschiedensten Ländern katalogisiert und über eine Karte bereitgestellt, womit zugleich die Spuren des deutsch-jüdischen Exils nachgezeichnet werden. Eine ähnlich gelagerte Zielsetzung hat das am Franz-Rosenzweig Minerva Research Center angesiedelte Projekt Traces and Treasures of German-Jewish History in Israel, das eine Übersicht der persönlichen Dokumente und Archive, die mit den deutsch-jüdischen Einwanderern und Organisationen ab 1933 nach Palästina/Israel kamen, erarbeiten möchte. Auf die Migrations- und Rezeptionsgeschichte früher jüdischer Drucke als ein wichtiger Teil des jüdischen Kulturerbes fokussiert das an der Columbia Universität angesiedelte Projekt footprints.

2.2.2 Digitale Quellen

Das bedeutendste Portal zur Quellenrecherche ist die Judaica Europeana (siehe auch Teil 2.1.1), die einen Zugang zu digitalisierten Beständen aus unterschiedlichen Archiven bietet. Neben der Volltextsuche werden Schlagworte, etwa zu religiösen Festen oder Alltagsgegenständen, angeboten. Die Ergebnisse lassen sich unter anderem nach dem Medium, dem Beiträger oder den Nutzungsmöglichkeiten filtern. Auch die vom Institut für die Geschichte der deutschen Juden (siehe Teil 1.1.1) herausgegebene Online-Quellenedition Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte, die sich noch im Aufbau befindet, versammelt Quellen aus unterschiedlichen Archiven. Der Fokus liegt auf der jüdischen Geschichte Hamburgs, wobei Hamburg „als Brennglas für größere Entwicklungen und Fragestellungen der deutsch-jüdischen Geschichte“ verstanden wird. Eine Besonderheit der zweisprachigen Edition (deutsch/englisch) ist die umfassende Kontextualisierung der Digitalisate durch Metadaten, Normdaten zu Personen-, Institutions- und Ortsnamen sowie Interpretationstexte, die die Quellen in ihren historischen Kontext einordnen.

Ein hybrides Editionsvorhaben, das sich an der Schnittstelle zwischen Print- und Online-Edition bewegt und mit dem Ziel antritt, „möglichst alle […] seriellen Quellen mit Judenbetreffen“ http://www.medieval-ashkenaz.org/forschungsprojekt.html einzubeziehen um damit eine wichtige Grundlage für zukünftige Forschungen zur wechselseitigen Beziehungsgeschichte zwischen der jüdischen und christlichen Religion zu schaffen, ist das Langzeitprojekt Medieval Ashkenaz. Corpus der Quellen zur Geschichte der Juden im spätmittelalterlichen Reich. Es ist am Arye Maimon-Institut (siehe Teil 1.2.1) und der Akademie der Wissenschaften und Literatur Mainz angesiedelt. Online lassen sich einige Teilkorpora einsehen.

Neben diesen übergreifenden Editionsprojekten gibt es weitere Angebote zu einzelnen Quellengattungen, so etwa zu Presse, Fotos, audiovisuellen Quellen, Zeitzeugeninterviews, biographischen Quellen, Nachlässen oder materiellen Spuren des jüdischen Erbes wie Friedhöfen oder Synagogenbauten. Die Überlieferungssituation der jüdischen Gemeinden ist in der Regel aufgrund von Vertreibung und Verfolgung schwierig, selten finden sich digitalisierte Quellenbestände online. Eine Ausnahme stellt das Archiv der IKG Wien dar (siehe auch Teil 2.1.3.2), auf dessen Website neben einer Archivübersicht und ersten Informationen für die Nutzung auch Online-Ausstellungen zu ausgewählten Quellengruppen angeboten werden, die Einblick in die Geschichte der jüdischen Gemeinde geben.

2.2.2.1 Presse

Compact Memory war zunächst als ein Kooperationsprojekt der RWTH Aachen, des Sondersammelgebiets der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main und der Germania Judaica in Köln (siehe auch Teil 1.2.1 und Teil 2.1.2.1) angelegt und wurde inzwischen in die digitalen Bestände der Freimann-Sammlung integriert. Das virtuelle Archiv bietet Zugang zu zentralen jüdischen Zeitschriften und Zeitungen aus dem deutschsprachigen Raum im Zeitraum 1768–1938. Für ausgewählte Periodika besteht die Möglichkeit zur Volltextsuche.

Das an der Deutschen Nationalbibliothek angesiedelte Projekt Exilpresse digital – Deutschsprachige Exilzeitschriften 1933-1945 hatte mit seiner vorübergehenden Offline-Schaltung auf die juristischen Unsicherheiten hinsichtlich Urheber- und Persönlichkeitsrechten, denen sich Online-Projekte in besonderem Maße ausgeliefert sehen, reagiert und damit kontroverse Reaktionen ausgelöst. Inzwischen sind die Bestände glücklicherweise wieder online recherchierbar. Die „Jüdischen Periodika in NS-Deutschland“, bei denen es sich vielfach um Organe jüdischer Selbsthilfeeinrichtungen handelt, bleiben weiterhin abgeschaltet. Die im Rahmen dieses Projektes digitalisierten Bestände können derzeit in den Lesesälen der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig und Frankfurt am Main eingesehen werden.

Die Periodika-Datenbank des Archivs für Zeitgeschichte an der ETH Zürich (siehe auch Teil 2.1.3.3) bietet einen Zugang zu ausgewählten relevanten Periodika und einschlägigen Artikeln zum Judentum in der Schweiz, wobei sowohl historische Periodika als auch aktuelle Publikationen erfasst werden. Der Aufbau als das wichtigste Organ deutsch-jüdischer Emigranten in den USA wurde vom Leo Baeck Institute New York (siehe Teil 2.1.3.1) digitalisiert; Ausgaben aus den Jahren 1934–2004 können online eingesehen werden. Auch bei JPress finden sich – wenn auch nur vereinzelt – jüdische Pressepublikationen aus dem deutschsprachigen Raum. Das von der NLI zusammen mit der Universität Tel Aviv betriebene Portal bietet Volltextsuche in den digitalisierten Pressebeständen.

2.2.2.2. Biographische Quellen

Exemplarisch für die wissenschaftliche Aufbereitung von Nachlässen herausragender Persönlichkeiten soll hier auf das Leopold-Zunz-Archiv verwiesen werden, da es zugleich die spezifische Überlieferungsproblematik jüdischer Quellen veranschaulicht. Der bis 1939 an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin archivierte Nachlass dieses Vertreters der Wissenschaft des Judentums wurde durch die Überführung an die Nationalbibliothek in Jerusalem dem Zugriff durch die Nationalsozialisten entzogen und dadurch für die Nachwelt gerettet. Seit Herbst 2007 wird der Nachlass in Rahmen eines DFG-Projektes am Leopold-Zunz-Zentrum zur Erforschung des europäischen Judentums an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (siehe Teil 1.2.1) erschlossen, systematisiert und digitalisiert. Bereitgestellt werden Dokumente zum wissenschaftlichen Werk Zunz‘ ebenso wie zu seiner umfangreichen Briefkorrespondenz.

Einen ebenfalls biographischen, jedoch nicht auf eine Person beschränkten Zugang weisen die verschiedenen Datenbanken mit lebensgeschichtlichen Erinnerungen auf, wie etwa die Werkstatt der Erinnerung an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (siehe auch Teil 2.1.3.1), die ausgewählte Interviews auch online anbietet, das Archiv „Refugee Voices“ der Association of Jewish Refugees, das über das Campusnetzwerk der Freien Universität Berlin zugänglich ist und 150 lebensgeschichtliche Videointerviews von jüdischen Überlebenden, mehrheitlich aus Deutschland und Österreich, enthält, oder das Projekt Sprechen trotz allem von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Das Archiv des österreichischen Widerstands (siehe auch Teil 2.1.3.2) sowie der Nationalfonds der Republik Österreich für die Opfer des Nationalsozialismus bieten ebenfalls Online-Sammlungen lebensgeschichtlicher Erinnerungen, unter denen sich auch solche jüdischer Verfolgter finden. Zu nennen ist hier auch das Visual History Archive der Spielberg Shoah Foundation. Die dort archivierten Interviews können an ausgewählten Einrichtungen wie dem ZfA in Berlin (siehe Teil 1.5) eingesehen werden.

Zahlreiche Nachlässe deutscher Juden lassen sich bei DigiBaeck, in den digitalisierten Beständen des Leo Baeck Institutes New York, recherchieren. In der Dépendance des LBI New York im Jüdischen Museum Berlin können darüber hinaus weitere, noch nicht digitalisierte, Mikrofilme eingesehen werden (siehe auch Teil 2.1.3.1).

Den Protokollbüchern aschkenasischer Gemeinden im frühneuzeitlichen Europa widmet sich das Pinkasim-Projekt, das zusammen vom Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow und der NLI realisiert wird. Mit dem Aufbau eines Online-Archivs dieser in zahlreichen Ländern überlieferten Quellen soll ein Beitrag für rechts- ebenso wie sozial-, kultur- oder alltagsgeschichtliche Fragestellungen geleistet werden.

2.2.2.3 Visuelle Materialien

Die digital verfügbaren Bildbestände haben oftmals einen regionalen Zuschnitt, so etwa die Bilddatenbank Jüdische Geschichte des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden (siehe Teil 1.2.1), die Aufnahmen von Orten, Personen und Gebäuden der jüdischen Geschichte Hamburgs enthält, oder das eher didaktisch ausgerichtete Fotoportal Vor dem Holocaust des Fritz-Bauer-Instituts (siehe Teil 1.5), dessen Bilder jüdisches Alltagsleben in Hessen widerspiegeln. Das Bildarchiv Schweizer Juden (BASJ) sammelt Fotografien und Filme, die Einblicke in jüdisches Alltagsleben in der Schweiz im 19. und 20. Jahrhundert geben, und stellt diese online bereit.

Relevantes Bildmaterial zur deutsch-jüdischen Geschichte findet sich ebenfalls im Photo-Archive von Yad Vashem, dessen Bestände online recherchier- und einsehbar sind. Dort findet sich zugleich die mit über 400.000 Fotografien sowie Originalfilmaufnahmen größte Sammlung an Bildmaterial aus der Zeit des Holocaust. Den Fokus auf filmische Zeugnisse zur Geschichte und zur Wirkung des Holocaust legt das Projekt Cinematographie des Holocaust, in dem in Kooperation zwischen dem Fritz-Bauer-Institut, CineGraph, dem Deutschen Filminstitut und dem Deutschen Filmmuseum eine online recherchierbare Filmographie erarbeitet wird.

2.2.2.4 Objekte

Neben den bereits erwähnten Grabsteinen, stellen Synagogenbauten eine weitere materielle Quelle für jüdische Geschichte dar. Die Architekturmodelle zerstörter Synagogen der Bet Tfila-Forschungsstelle in Braunschweig bieten Zugang zu einer Modellsammlung rekonstruierter Synagogengebäude, bei denen es sich in erster Linie um Nachbauten zerstörter Synagogen in deutschen Städten handelt. Einen ähnlichen Ansatz wählt das an der TU Darmstadt angesiedelte Projekt Synagogen in Deutschland – Eine virtuelle Rekonstruktion oder das Projekt „Zerstörte Synagogen“ an der Technischen Universität Wien (1998-2010), das dem Vorbild in Darmstadt folgte und ebenfalls eine virtuelle Rekonstruktion zerstörter Wiener Synagogen zum Ziel hatte. Ergänzend dazu bietet das interaktive Synagogen-Internet-Archiv Informationen zu über 2.200 (historischen) Bethäusern in Deutschland und Österreich.

2.2.3 Elektronische Zeitschriften

Als eigenständige Online-Zeitschrift erscheint Medaon mit jeweils zwei Ausgaben pro Jahr. Medaon bietet neben thematischen Beiträgen die Rubriken Bildung, Rezension sowie quellennahe Abhandlungen. Beginnend mit der Herbstausgabe 2018 wird es eine eigene Rubrik „Digitales“ geben. Transversal erscheint mit Aufsätzen zur jüdischen Geschichte und Kultur seit 2015 als Open Access-Zeitschrift bei DeGruyter, ein inhaltlicher Schwerpunkt liegt auf den Schnittstellen jüdischer und nichtjüdischer Lebensbereiche. Ebenfalls bei DeGruyter erscheint Aschkenas, dessen Beiträge sich auf die Geschichte der Juden im aschkenasischen Kulturraum konzentrieren. Die Zeitschrift wird nicht als Open Access angeboten, ist aber ggf. über die Bibliotheken digital verfügbar. Die Ausgaben der von der Vereinigung für Jüdische Studien e.V. herausgegebenen Zeitschrift PaRDeS stehen online als PDF zum Download bereit. Auch die neugegründete und im Neofelis Verlag erscheinende Zeitschrift Jalta kann als e-Journal bezogen werden, im Zentrum der Auseinandersetzung steht die jüdische Gegenwart. Seit 2017 publiziert das Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow auch ein eigenständiges Magazin und eröffnet Einblicke in die Vielfalt jüdischer Lebenswelten. Das Wiener Wiesenthal Zentrum (siehe Teil 1.5) gibt das deutsch-englische e-Journal S.I.M.O.N mit Beiträgen zur jüdischen Geschichte heraus, der Schwerpunkt liegt auf der Zeit des Holocaust.

Darüber hinaus bieten einige Institute ihre Mitteilungsblätter und Institutsveröffentlichungen als Online-Ausgaben an, so etwa das Bulletin der Schweizerischen Gesellschaft für Judaistische Forschung, die Münchner Beiträge zur jüdischen Geschichte und Kultur des Lehrstuhls für jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität München oder Kalonymos die Beiträge zur deutsch-jüdischen Geschichte des Steinheim-Instituts (siehe Teil 1.2.1).

Eine übergreifende Recherchemöglichkeit bietet der FID Jüdische Studien (siehe auch Teil 2.1.1), berechtigte Nutzer haben darüber zugleich Zugang zu den digitalisierten Ressourcen im Portal JSTOR Complete Jewish Studies Collection mit über 70 Titeln zu jüdischen Themen in verschiedenen Sprachen.

2.2.4 Elektronische Publikationen

Sowohl das digitale Publizieren als auch die Retrodigitalisierung der Forschungsliteratur stehen noch am Anfang, so dass nur auf wenige Funde verwiesen werden kann. Das Institut für die Geschichte der deutschen Juden (siehe Teil 1.2.1) hat die frühen Bände seiner heute im Wallstein-Verlag erscheinende Schriftenreihe retrodigitalisiert. Die aktuellen Ausgaben werden mit einer Moving Wall von zwei Jahren fortlaufend ergänzt. Alle Bände sind über die Instituts-Homepage zugänglich. Auch das Institut für jüdische Geschichte Österreichs (siehe Teil 1.2.2) bietet die frühen Bände seiner heute im Wallstein-Verlag erscheinenden Schriftenreihe ausgewählte Publikationen (Monografien, Artikel und Vorträge) sowie einige Ausgaben der Zeitschrift „Juden in Mitteleuropa“ auf seiner Homepage zum Download an. Das Zentrum für jüdische Kulturgeschichte an der Universität Salzburg gibt das im Aufbau befindliche Online-Handbuch Jüdische Kulturgeschichte heraus.

2.2.5 Thematische Websites, multimediale Publikationen und digitale Werkzeuge

Das sich in ständiger Veränderung befindliche Feld digitaler Angebote kann in einer solchen Übersicht nicht umfassend dargestellt werden, stellvertretend für multimediale Angebote im Bereich jüdische Geschichte soll hier auf vier Angebote verwiesen werden, die einen ortsbasierten Zugang wählen und sich zum Ziel setzen, jüdisches Erbe im Stadtraum sichtbar zu machen: Die Web-App Orte jüdischer Geschichte, die von Harald Lordick am Steinheim-Institut entwickelt wurde und sich größtenteils auf Daten aus Wikipedia stützt, und die App Bâleph, ein Streifzug durch Basels jüdische Geschichte vom Verein kultur.geschichten, die im Christoph Merian Verlag erschien und die Routen entlang 800 Jahren jüdischer Geschichte anbietet. Ein ähnlich gelagertes Angebot ist der vom Institut für die Geschichte der deutschen Juden (siehe Teil 1.2.1) bereitgestellte zweisprachige digitale Stadtplan Orte jüdischen Lebens am Grindel mit Einträgen zu historischen Orten dieses einstigen Zentrums jüdischen Lebens in Hamburg, der zukünftig ebenfalls zu einer mobilen App ausgearbeitet werden soll. Auf der Website geschichtomat.de werden auf einem digitalen Stadtplan von Jugendlichen erstellte Beiträge zur jüdischen Geschichte und Gegenwart der Hansestadt bereitgestellt, die im Rahmen von Projektwochen an Hamburger Schulen entwickelt werden. Digitale Analysewerkzeuge speziell für die Suche und Bearbeitung jüdischer Texte bietet DICTA, etwa mit einer Suchfunktion, die unterschiedliche Schreibweisen erlaubt, oder einer automatisierten Vokalisierungsfunktion für hebräische Texte.

Zusammenfassung und Ausblick

Literaturhinweise

Die hier angeführte Literatur bietet nur eine kleine Zusammenfassung zur Forschungsliteratur im Bereich der deutsch-jüdischen Geschichte. Ein ausdifferenzierter Überblick über die jeweiligen lokal- bzw. national-orientierten Forschungen würde den hier angelegten Rahmen sprengen.

Brämer, Andreas, Was ist „deutsch-jüdische Geschichte von innen?“ Einführende Bemerkungen, in: Aschkenas 18/19 (2008/2009), S. 1–8.
Brechenmacher, Thomas, Deutsch-jüdische Geschichte als Wissenschaft: Zur historischen Entstehung einer akademischen Disziplin, in: Historische Zeitschrift 292 (2011) 1, S. 95–123.
Brechenmacher, Thomas; Szulc, Michał, Neuere deutsch-jüdische Geschichte: Konzepte, Narrative, Methoden, Stuttgart 2017.
Brenner, Michael (Hrsg.), Geschichte der Juden in Deutschland nach 1945 bis zur Gegenwart, München 2012.
Brenner, Michael u.a. (Hrsg.), Jüdische Geschichte lesen. Texte der jüdischen Geschichtsschreibung im 19. und 20. Jahrhundert, München 2003.
Brinkmann, Tobias, Migration und Transnationalität, Paderborn 2012.
Deutsch-jüdische Geschichte in der Neuzeit, hrsg. von Michael A. Meyer unter Mitw. von Michael Brenner, Bde 1-4, München 2000.
Diner, Dan (Hrsg.), Deutsche Zeiten: Geschichte und Lebenswelt – Festschrift zur Emeritierung von Moshe Zimmermann, Göttingen 2012.
German Historical Institute Washington D.C. – Reference Guide 24: German Jews in the United States – A Guide to Archival Collections, https://www.ghi-dc.org/publications/reference-guides/reference-guide-24.html?L=0
Heil, Johannes, Deutsch-jüdische Geschichte, ihre Grenzen und die Grenzen ihrer Synthesen: Anmerkungen zu neueren Literatur, in: Historische Zeitschrift 269 (1999), S. 653–680.
Heinsohn, Kirsten; Schüler-Springorum, Stefanie (Hrsg.), Deutsch-jüdische Geschichte als Geschlechtergeschichte: Studien zum 19. und 20. Jahrhundert, Göttingen 2006.
Herzig, Arno, Deutsch-jüdische Geschichte: Methodischer und inhaltlicher Wandel seit den 1960er Jahren, in: Transversal 14 (2013) 1, S. 9–14.
Herzig, Arno; Rademacher, Cay, Die Geschichte der Juden in Deutschland, Hamburg 2013.
Hödl, Klaus, Kultur und Gedächtnis, Paderborn 2012.
Jensen, Uffa, Politik und Recht, Paderborn 2014.
Kauders, Anthony, Unmögliche Heimat: Eine deutsch-jüdische Geschichte der Bundesrepublik, München 2007.
Kotowski, Elke-Vera (Hrsg.), Das Kulturerbe deutschsprachiger Juden. Eine Spurensuche in den Ursprungs-, Transit- und Emigrationsländern, Berlin/Boston 2015.
Kotowski, Elke-Vera; Schoeps, Julius H.; Wallenborn, Hiltrud (Hrsg.), Handbuch zur Geschichte der Juden in Europa, Darmstadt 2012.
Liedtke, Rainer, Wirtschaft und Ungleichheit, Paderborn 2014.
Lowenstein, Steven, Religion und Identität, Paderborn 2012.
Menny, Anna; Fache, Thomas (Hrsg.), Schwerpunkt: „Zwischen Versprechungen und Herausforderungen. Perspektiven auf das Verhältnis von Digitalisierung und jüdischer Geschichte“, in: Medaon 9 (2015) 17, http://www.medaon.de/de/artikel/einleitung-zum-schwerpunkt-zwischen-versprechungen-und-herausforderungen-perspektiven-auf-das-verhaeltnis-von-digitalisierung-und-juedischer-geschichte.
Rürup, Miriam, Alltag und Gesellschaft, Paderborn 2017.
Schoeps, Julius H.; Wendt, Doris, Die missglückte Emanzipation: Wege und Irrwege deutsch-jüdischer Geschichte, Deutsch-jüdische Geschichte durch drei Jahrhunderte: Ausgewählte Schriften in 10 Bänden, Bd. 1, Hildesheim 2010.
Schüler-Springorum, Stefanie, Geschlecht und Differenz, Paderborn 2014.

Fußnoten

  1. [3] Aschkenas. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden, 1991–.
  2. [5] Mussaf, 2005–.
  3. [6] Trumah. Zeitschrift der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, 1987–.
  4. [10] Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte (ZRGG), 1948–.
  5. [11] Menora. Jahrbuch für deutsch-jüdische Geschichte, 1989–2006.
  6. [13] Schriften des Simon-Dubnow-Instituts, 2001–.
  7. [14] Jahrbuch des Simon-Dubnow-Instituts (JSDI), 2002–.
  8. [19] European Journal of Jewish Studies, 2007–.
  9. [52] European Journal of Jewish Studies, 2007–.
  10. [58] https://guides.clio-online.de/guides/themen/nationalsozialismus_und_holocaust/2018
  11. [63] Auch erreichbar unter http://vhaonline.usc.edu/login.
  12. [68] Vgl. dazu die Clio-Guides Bibliotheken (https://guides.clio-online.de/guides/sammlungen/bibliotheken/2018) und Historische Volltextdatenbanken (https://guides.clio-online.de/guides/sammlungen/historische-volltextdatenbanken/2016).
  13. [92] Vgl. das Themenheft Judaica in deutschen Bibliotheken - Bestandsaufnahmen und Perspektiven, hrsg. von Verena Dohrn und Rachel Heuberger (=Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 53 (2006) 3/4, S. 123–195).
  14. [94] http://www.jvhs.de oder http://www.jg-berlin.org.
  15. [104] Einen ersten Überblick bieten die folgenden Datenbanken: Erinnerungsorte der Bundeszentrale für politische Bildung (http://www.bpb.de/themen/6NLRC8,0,Erinnerungsorte_.html) oder Orte der Erinnerung 1933 – 1945 – Gedenkstätten, Dokumentationszentren und Museen zur Geschichte der nationalsozialistischen Diktatur in Berlin und Brandenburg (http://www.orte-der-erinnerung.de).
  16. [126] Die Akten Wiesenthals langjähriger Tätigkeit stehen der Forschung zur Verfügung unter: http://www.simon-wiesenthal-archiv.at/02_dokuzentrum/03_bestand/01_bestand.html.

Zitation: Anna Menny / Miriam Rürup / Björn Siegel, Jüdische Geschichte im deutschsprachigen Raum, in: Clio Guide - Ein Handbuch zu digitalen Ressourcen für die Geschichtswissenschaften, Hrsg. von Laura Busse, Wilfried Enderle, Rüdiger Hohls, Thomas Meyer, Jens Prellwitz, Annette Schuhmann, 2. erw. und aktualisierte Aufl., Berlin 2018 (=Historisches Forum, Bd. 23), S. E.2-1 – E.2-56.

Für Clio-online verfasst von:

Anna Menny / Miriam Rürup / Björn Siegel

Miriam Rürup, Foto (C): Peter Garten
Anna Menny
Björn Siegel

Dr. Anna Menny ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für die Geschichte der deutschen Juden (Hamburg).

Dr. Miriam Rürup ist Direktorin des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden (Hamburg).

Dr. Björn Siegel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für die Geschichte der deutschen Juden (Hamburg).