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Clio-Guide: Niederlande, Belgien und Luxemburg

Ilona Riek / Markus Wegewitz / Christine Gundermann / Bernhard Liemann, Clio-Guide: Niederlande, Belgien und Luxemburg, in: Clio Guide – Ein Handbuch zu digitalen Ressourcen für die Geschichtswissenschaften, hrsg. von Silvia Daniel, Wilfried Enderle, Rüdiger Hohls, Thomas Meyer, Jens Prellwitz, Claudia Prinz, Annette Schuhmann, Silke Schwandt, 3. erw. und aktualisierte Aufl., Berlin 2023–2024, https://doi.org/10.60693/rdt3-hw83

1. Digitale Geschichtswissenschaft und digitale Methoden

1.1 Einführung und historische Einordnung

In den Beneluxländern begann die Digitalisierung der Geschichtswissenschaft wie fast überall in Westeuropa in den 1960er-Jahren mit der ersten Einführung und Anwendung computerbasierter Methoden. Dies führte vor allem in den 1980er-Jahren zu einer Konjunktur quantitativer Forschungsmethoden im Bereich der Wirtschafts- und Sozialgeschichte.[1] Im Jahr 1987 wurde die belgisch-niederländische Vereniging voor Geschiedenis en Informatica (VGI) gegründet. Das Nederlands Historisch Data Archief (NHDA) entstand 1988. Zwei Jahre zuvor hatte die Universität Groningen mit Alfa-Informatica das erste Studienangebot zu den Digital Humanities eingerichtet.[2] Diese Institutionalisierungen markieren die erste Welle der Digitalisierung der Geschichtswissenschaft in den Niederlanden. Mit der Einführung des Personal Computers und schließlich der Etablierung des World Wide Web veränderten sich die Nutzungsarten und Zugänge radikal; die Sozialgeschichte war nicht länger treibender Motor für die Digitalisierung der Geschichtswissenschaft.[3] Die Gründung des Nederlands Instituut voor Wetenschappelijke Informatiediensten (NIWI) im Jahr 1997 stellt eine weitere wichtige Etappe der Digitalisierung dar. Die damit einhergehende Fusion von sechs Institutionen, darunter das bereits erwähnte NHDA, führte aber nicht zum gewünschten Erfolg, sodass das NIWI bereits 2005 wieder aufgegeben wurde und neue Strukturen entstanden, darunter das Nederlands Instituut voor permanente toegang tot digitale onderzoeksgegevens (das inzwischen unter dem Namen Data Archiving and Networked Services, DANS, firmiert) als zentrale Koordinierungsstelle für Aufbau und Erweiterung von Forschungsdateninfrastrukturen. Diese Neu- und Ausgründungen verweisen auf Veränderungen während der zweiten Welle der Digitalisierung, die aufgrund der gewachsenen Bedürfnisse in allen Feldern der Geisteswissenschaften nach neuen und interoperablen Strukturen verlangten.[4]

Welches Material digitalisiert und öffentlich zugänglich gemacht wird, hängt in den Niederlanden eng mit der sogenannten Nationale strategie digitaal erfgoed, der nationalen Agenda zu Bewahrung des kulturellen Erbes zusammen, in der sich die größten Archive und Bibliotheken auf eine gemeinsame Strategie verständigt haben.[5] Die Zugehörigkeit zu diesem Kanon des nationalen Kulturerbes ist ein wichtiger Faktor bei der Finanzierung der teuren Digitalisierungsprojekte. Dies gilt nicht nur für die Konservierung von Schriftgut, sondern auch für die Bewahrung von Interviews, Bild-, Ton- und Videodokumenten.[6]

Aktuelle Strukturen und Projekte stellen wir unter den folgenden Gliederungspunkten vor.

1.2 Institutionen und Verbände

Digitaler Zugang zu Quellen, Forschungsdaten und Publikationen spielt in allen großen Wissenschaftsinstitutionen eine wichtige Rolle und ist als Anforderung in den nationalen Forschungsagenden und Förderpolitiken verankert. Damit einher geht der Aufbau und die Pflege von Infrastrukturen und die Entwicklung methodischer Kompetenzen in den Digital Humanities. Initiativen auf diesem Gebiet kommen vor allem aus bestimmten Schwerpunktuniversitäten und Forscher:innen-Netzwerken, werden aber auch von den übergreifenden Berufsvereinigungen getragen.

In den Niederlanden ist das die Koninklijk Nederlands Historisch Genootschap (KNHG), auf deren zweijährlicher Konferenz, den Historicidagen, die Digital Humanities seit 2017 konstant vertreten sind. In Belgien ist die Commission Royale d'Histoire/Koninklijke Commissie voor Geschiedenis (CRH/KCG) verantwortlich für die Herausgabe wichtiger digitaler Quelleneditionen zur belgischen Geschichte. Die Belgische Vereniging voor Nieuwste Geschiedenis/L’Association Belge d’Histoire Contemporaine (BVNG/ABHC) versteht sich als gesamtbelgische Vereinigung für Neueste Geschichte.

In der Wissenschaftspolitik der Niederlande liegt heute ein zentraler Schwerpunkt auf den Digital Humanities. Zu den wichtigen außeruniversitären Forschungseinrichtungen in diesem Bereich mit einem historischen Schwerpunkt gehören drei Institute, die hier kurz vorgestellt werden. Das Huygens Instituut in Amsterdam ist der wichtigste Akteur im Feld der digitalen Geschichtswissenschaft. 2011 kooperierten zwei große historische Forschungseinrichtungen bei der Gründung des Huygens Instituut voor Nederlandse Geschiedenis en Cultuur/Huygens Institute for the History and Culture of the Netherlands. Seither ist es das größte geisteswissenschaftliche Forschungsinstitut der Niederlande. Das Institut versteht sich als geisteswissenschaftliches Laboratorium, in dem Forscher:innen, Digital-Humanities-Fachleute sowie ein Softwareentwicklungsteam zusammenarbeiten. Die erklärte Mission des Instituts ist es, den Zugang zur niederländischen Geschichte und Kultur mit digitalen Mitteln inklusiver zu gestalten.

Ein zweites zentrales Institut ist das Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis/International Institute of Social History (IISG/IISH) in Amsterdam. Es wurde bereits 1935 gegründet und ist wie auch das Huygens Instituut der KNAW, der Koninklijke Nederlandse Akademie van Wetenschappen, angegliedert. Das IISG beherbergt Archivbestände zur Sozial- und Politikgeschichte der Niederlande und veröffentlicht die Tijdschrift voor Sociale en Economische Geschiedenis / The Low Countries Journal of Social and Economic History (TSEG) sowie die International Review of Social History. Zusammen mit dem Meertens Instituut zur niederländischen Sprache und Kultur formen diese drei Institute seit 2016 das KNAW Humanities Cluster.

Für die Geschichte der Niederlande im 20. Jahrhundert gilt, dass die Bedeutung digitaler Archive in den letzten zwanzig Jahren beständig gewachsen ist. Nahezu alle Forschungsinstitutionen und Archive bieten mittlerweile Kataloge und Findmittel zu ihren Beständen online an und der Umfang des digitalisierten Archivguts wächst beständig. Das NIOD Instituut voor oorlogs-, holocaust- en genocidestudies – die ehemalige zentrale staatliche Stelle zur Dokumentation der Geschichte des Zweiten Weltkriegs – hatte 2022 etwas mehr als 10 Prozent seiner umfangreichen Sammlungen digitalisiert. Nicht jede digitalisierte Sammlung ist aber ohne Barrieren zugänglich. Insbesondere personenbezogenes Archivgut sowie Dokumente zu historischen Verbrechen und Gewalt werden auch in Zukunft kaum online einsehbar sein.

Einige Institutionen setzen sowohl für die Finanzierung wie auch für die Erschließung auf das sogenannte Crowdsourcing, wie etwa das Nationaal Archief oder das Stadsarchief Amsterdam, das zum Beispiel Scans, die einzelne Forscher:innen zunächst individuell für ihre jeweiligen Recherchen bestellt haben, dann über die Website allen Interessierten zur Verfügung stellt.[20]

Neben dem Zugang zu Archivmaterial werden in den Niederlanden auch die digitalen Arbeitsmethoden zunehmend institutionell verankert. Einrichtungen wie das niederländische eScience Center ermöglichen die Nutzung digitaler Werkzeuge in einer Reihe von geschichtswissenschaftlichen Projekten.

Forschungsdateninfrastruktur und Digital Humanities

Historiker:innen aus den Beneluxländern zählen zu den Gründungsmitgliedern von DARIAH, dem europäischen Netzwerk für Digital Humanities. Die niederländischen Initiativen DARIAH und CLARIN haben sich im März 2015 zu CLARIAH NL zusammenschlossen. In diesem Verbund kooperieren die großen Einrichtungen wie das Huygens Instituut oder das IISG gemeinsam mit verschiedenen niederländischen Universitäten beim Aufbau digitaler Forschungsinfrastrukturen. Übergreifende Forschungsdateninfrastrukturen koordiniert in den Niederlanden der Landelijk Coördinatiepunt Research Data Management (LCRDM). Das belgische DARIAH-BE ist in die drei Konsortien DARIAH Flandern (DARIAH-VL), DARIAH Fédération Wallonie-Bruxelles (DARIAH-FWB) sowie DARIAH für die föderalen Institutionen (DARIAH-FED) gegliedert. Das Ghent Centre for Digital Humanities (GhentCDH) koordiniert die belgischen Aktivitäten untereinander sowie die Vernetzung mit den europäischen Partnern. Für das luxemburgische DARIAH-LU fungiert das 2017 gegründete Luxembourg Centre for Contemporary and Digital History (C2DH) als Koordinator. Das C2DH nimmt überdies als Forschungszentrum der Universität Luxemburg im Bereich der Zeitgeschichte eine Schlüsselposition ein.

Im Gegensatz zu Belgien sind die Niederlande und Luxemburg stärker von gesamtstaatlichen Digitalisierungsstrategien geprägt. Dies spiegelt sich auch in den Digitalisierungsinitiativen wider: Während in den Niederlanden die KNAW sowie die Nachbareinrichtungen Koninklijke Bibliotheek (KB) und das niederländische Nationaal Archief in Den Haag und in Luxemburg die Université du Luxembourg sowie die Bibliothèque nationale de Luxembourg (BnL) als zentrale nationale Player im Bereich der wissenschaftsbezogenen Digitalisierung anzusehen sind, ist die Situation in Belgien aufgrund der föderalen Struktur des Landes deutlich heterogener.

In den Niederlanden sind die hier vorgestellten Institutionen wie CLARIAH, das Huygens Instituut, das IISG/IISH oder das NIOD Teil der Plattform eHumanities NL– Netherlands Network for Humanities, Social Sciences and Technology. Die Plattform soll sowohl der Grundlagenforschung zu digitalisierten Sammlungen und „Big Data“ dienen als auch die Entwicklung und den Einsatz digitaler Infrastrukturen fördern.

Der digitalen Erschließung von „Kulturerbe“ widmet sich in den Niederlanden der nationale Kooperationsverbund Digitaal Erfgoed Nederland (DEN). Das Pendant für Flandern und Brüssel ist das Expertisecentrum Digitaal Erfgoed/Centre d'Expertise pour le Patrimoine Numérique (PACKED).

Wenn es um die Bereitstellung von digitalen Informationen und Informationsinfrastrukturen in Deutschland geht, sind die Fachinformationsdienste für die Wissenschaft (FID) von besonderer Bedeutung. Für die Geschichte der Beneluxländer spielen zwei dieser Institutionen eine zentrale Rolle: Der multidisziplinäre ) der Universitäts- und Landesbibliothek (ULB) Münster, in dessen fachlichem Profil die Geschichtswissenschaft eine bedeutende Rolle einnimmt. Ebenfalls relevant ist der gemeinsam von der Bayerischen Staatsbibliothek München und der Bibliothek des Deutschen Museums München betriebene Fachinformationsdienst Geschichtswissenschaft. Beide Fachinformationsdienste wurden 2016 eingerichtet und kooperieren miteinander.

Institute und Universitäten

An den meisten niederländischen, belgischen und luxemburgischen Universitäten[38] gibt es für die Digital Humanities ein eigenes Zentrum oder Methodenlabor, das Historiker:innen mit Software und Beratung unterstützt. 2013 wurde die erste Professur an der Universiteit van Amsterdam für „Digitale methoden en geschiedwetenschappen“ gemeinsam mit dem Huygens Instituut eingerichtet. An der Rijksuniversiteit Groningen und der Katholieke Universiteit Leuven wurden 2016 die ersten Masterstudiengänge für Digital Humanities eingeführt, deren Curricula auch für die Geschichtswissenschaften interessant sind. In Luxemburg verbindet das C²DH Forschung und Lehre zum Thema. Im Zuge der Aufmerksamkeit, der sich die Digital Humanities in den Benelux-Ländern erfreuen, werden auch zunehmend Planstellen für Lehre und Forschung geschaffen. Wann und ob es eine grundsätzlich eigene Infrastruktur für digitale Geschichtswissenschaft jenseits der Digital Humanities in den historischen Instituten der Universitäten geben wird, ist noch nicht abzusehen.

Forschungsförderung

In den Niederlanden vergibt die Nederlandse Organisatie voor Wetenschappelijk Onderzoek (NWO) einen Großteil der nationalen Fördermittel. Verpflichtend für eine Förderung ist dabei eine Open-Access-Publikation der Ergebnisse. Wissenschaftler:innen in Belgien, die vom Fonds Wetenschappelijk Onderzoek – Vlaanderen (FWO) oder Fonds de la Recherche Scientifique (F.R.S.-FNRS) gefördert werden, sind ebenfalls verpflichtet, ihre Forschungsergebnisse Open Access zu veröffentlichen. Das Gleiche gilt für Luxemburg, wo die Forschungsförderung mit den Mitteln des Luxembourg National Research Fund (FNR) erfolgt.[44] Neben den nationalen Instrumenten der Wissenschaftsförderung muss erwähnt werden, dass die Wissenschaftsförderung der Europäischen Union vor allem bei langjährigen Forschungsprojekten auch in der digitalen Geschichtswissenschaft eine entscheidende Rolle spielt. Wie die Europäische Kommission und der Europäische Forschungsrat gehören auch die niederländischen und luxemburgischen Forschungsförderer NWO und FNR zu den Mitgliedern der cOAlition S, die es sich zum Ziel gesetzt hat, mittels des sogenannten Plan S den vollständigen und sofortigen freien Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen zu erreichen, die mit öffentlichen Mitteln gefördert wurden. Die NWO und der FNR haben den „immediate Open Access“ für ab dem Jahr 2021 bewilligte Projekte umgesetzt; die Open-Access-Veröffentlichung mit einer Embargofrist wird seitdem nicht mehr akzeptiert.[46]

1.3 Open Science und Open Access

Die oben aufgezeigte Entwicklung in den Beneluxländern zeugt von der immer größeren Rolle des Open-Access-Modells auch in der Geschichtswissenschaft. Nahezu alle großen Wissenschaftsverlage haben mit diesem Modell experimentiert und es auch kommerzialisiert. Jenseits dieser Entwicklung besitzen fast alle Hochschulen in den Beneluxländern ein Repositorium für Qualifikationsarbeiten und andere Publikationen der Universitätsangehörigen. Ein guter Teil der Publikationen ist in diesen Repositorien ohne Beschränkungen einsehbar.

In Fragen der Open Science spielen innerhalb der Beneluxländer, aber auch im Rahmen der EU vor allem die Niederlande eine tonangebende Rolle. Im nationalen Open-Science-Plan von 2017 und dem Open Science Ambition Document 2030 werden die Förderung des Open-Access-Publizieren, die optimale (Nach-)Nutzung von Forschungsdaten sowie die Verbesserung der Instrumente zur Evaluierung und Bewertung der Wissenschaft als strategische Säulen definiert. Während der niederländischen EU-Ratspräsidentschaft im Jahr 2016 wurde der Amsterdam Call for Action on Open Science lanciert, der vorsah, dass EU-weit ab 2020 alle wissenschaftlichen Publikationen vollständig frei zugänglich sein sollten. Dafür wurden unter anderem „Big-Deal“-Vereinbarungen mit Wissenschaftsverlagen wie Elsevier und Springer getroffen, in denen Open-Access-Publikationsrechte für niederländische Wissenschaftler:innen ausgehandelt wurden. Darüber hinaus haben die gemeinnützigen Stiftungen OAPEN, die den Übergang zu Open Access im Bereich der Monografien fördert und Directory of Open Access Books (DOAB), ihren Sitz in der KB Den Haag.

Das Ziel des Amsterdam Calls wurde zwar noch nicht erreicht, dennoch lässt sich der Fortschritt der Open Science in den Niederlanden sehr gut am Beispiel von NARCIS demonstrieren, dem zentralen Portal und Nachweissystem für Wissenschaftsinformation in den Niederlanden. Es bietet einen Rechercheeinstieg für Open- und Closed-Access-Publikationen sämtlicher niederländischer Universitäten und diverser anderer wissenschaftlicher Einrichtungen, für Forschungsdaten aus verschiedenen Daten-Archiven sowie zu Forschungsprojekten, Forschenden und Forschungseinrichtungen auf nationaler Ebene.

Von insgesamt 125.000 wissenschaftlichen Publikationen aus dem Jahr 2021 waren rund 96.000 im Open Access, 11.000 im Restricted Access und gut 18.000 im Closed Access zugänglich (Stand 21.11.2022).

In Belgien und Luxemburg werden die Inhalte aus den Repositorien der beteiligten Hochschulen in der Hochschulbibliografie Mosa bereitgestellt. Für die Jahre 2000 bis 2021 sind hier über 400.000 Publikationen im Open Access verfügbar (Stand 23.11.2022). Für den Bereich der Forschungsdaten bietet das belgische Social Sciences and Digital Humanities Archive (SODHA) eine Plattform für die Langzeitarchivierung und Nachnutzung von Forschungsdaten aus den Geistes- und Sozialwissenschaften nach den Open-Data-Prinzipien.

Besonders deutlich zeigt sich der Umbruch im Bereich Open Access auch bei den tonangebenden historischen Zeitschriften, die einzelne Perioden oder Aspekte der Benelux-Geschichte behandeln. Hier gibt es eine stetig wachsende Anzahl renommierter Zeitschriften, deren Artikel ganz oder zumindest nach einer gewissen Embargofrist frei zugänglich im Internet angeboten werden.

Zu den ersten Zeitschriften, die den Open-Access-Gang wagten, gehörten im Jahr 2012 die von der KNHG herausgegebene BMGN − Low Countries Historical Review und De Zeventiende Eeuw. Cultuur in de Nederlanden in interdisciplinair perspectief. De Zeventiende Eeuw ist 2017 gemeinsam mit De Achttiende Eeuw in der neuen Open-Access-Zeitschrift Early Modern Low Countries (EMLC) aufgegangen. Seit 2020 wird auch die traditionsreiche Tijdschrift voor Geschiedenis (TvG) nach dem Subscribe-to-Open-Modell herausgegeben. Ebenfalls als Open-Access-Zeitschrift erscheint darüber hinaus TSEG – The Low Countries Journal of Social and Economic History, ehemals auch bekannt unter ihrem niederländischen Titel Tijdschrift voor Sociale en Economische Geschiedenis. Eine seit 2016 frei online bereitgestellte Zeitschrift für die Neueste Geschichte Belgiens ist die zweisprachig (niederländisch/französisch) erscheinende Contemporanea, die sich insbesondere auch als Forum für Early Career Researchers versteht.

Abschließend sei an dieser Stelle noch auf vier Open-Access-Fachzeitschriften speziell zur digitalen Geschichtswissenschaft hingewiesen: die vom DANS in Zusammenarbeit mit dem Verlag Brill herausgegebene Zeitschrift Research Data Journal for the Humanities and Social Sciences (RDJ), die zwei aus den Reihen des C²DH stammenden Zeitschriften Journal of Historical Network Research (JHNR) und Journal for Digital History (JDHJournal for Digital History) sowie das DH Benelux Journal, eine Zeitschrift mit ausgewählten Beiträgen der DH-Benelux-Konferenzen.

1.4 Digitalisierungsprojekte

In allen drei Beneluxländern betreiben die Nationalbibliotheken Zugangsportale, in denen die digitalisierten Bestände aus zahlreichen Digitalisierungsprojekten an Bibliotheken, wissenschaftlichen und Kulturerbe-Einrichtungen zusammengeführt werden. Das umfangreichste und ergiebigste dieser Portale ist das von der KB Den Haag angebotene Delpher, das gut 130 Millionen Seiten (Stand 11/2022) aus niederländischen Büchern, Zeitungen und Zeitschriften in digitaler Form anbietet; hinzu kommen Typoskripte von Radiosendungen. Zu den über Delpher verfügbaren Büchern zählen auch rund 800.000 Titel aus den Digitalisierungsprojekten, die niederländische Bibliotheken und die UB Gent in Kooperation mit Google durchgeführt haben. Die Zeitungsdigitalisate umfassen die niederländische Presse wie auch Presseerzeugnisse der ehemaligen niederländischen Kolonien. Außerdem wurden einige externe regionale Zeitungsdatenbanken mit in die Suchanwendung einbezogen. Aufgrund des großen Umfangs an Digitalisaten hat Delpher einen außerordentlich hohen Stellenwert als Datenquelle für die Erforschung der niederländischen Geschichte. Eine Nachnutzung der Delpher-Daten für Forschungszwecke ist unter bestimmten Bedingungen möglich.

Die Koninklijke Bibliotheek/Bibliothèque royale (KBR) in Brüssel bietet mit Belgica ein mit dem niederländischen Counterpart Delpher vergleichbares, wenngleich nicht ganz so umfassendes Suchinstrument für Handschriften, gedruckte Bücher, Karten, Partituren, Audioaufnahmen, Münzen, Zeichnungen und Druckgraphiken. Die belgische Tagespresse und Zeitschriften von 1831 bis 1970 sind separat in BelgicaPress recherchierbar. Das digitalisierte flämische Kulturerbe lässt sich über das Internetportal Flandrica.be entdecken. Für eine Recherche zum Kulturerbe im Gebiet der Deutschsprachigen Gemeinschaft in Ostbelgien ist das DGKulturerbePortal der zentrale Ausgangspunkt.

Die Bibliothèque nationale de Luxembourg hat für die Suche nach digitalisierten Monografien, Periodika, Handschriften, historischen Postkarten und Plakaten, die dem nationalen Kulturerbe zuzurechnen sind, das Suchportal eluxemburgensia.lu entwickelt. Darüber hinaus verknüpft das schweizerisch-luxemburgische Projekt impresso. Media Monitoring of the Past verschiedene westeuropäische Zeitungskorpora und entwickelt dabei u.a. neue Analyse-Tools, die den datengetriebenen Zugang zu diesen Geschichtsquellen verbessern sollen.

Ein relativ frühes Digitalisierungsprojekt ist außerdem die 1999 entstandene Digitale Bibliotheek voor de Nederlandse Letteren (DBNL), die seit 2015 gemeinsam von der Taalunie – einer Einrichtung zur Förderung der niederländischen Sprache im In- und Ausland −, dem Netzwerk der Vlaamse Erfgoedbibliotheken (Flämische Kulturerbe-Bibliotheken) sowie der niederländischen Nationalbibliothek betreut wird. Die DBNL hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine umfassende digitale Sammlung größtenteils urheberrechtsfreier Werke aus dem Bereich der niederländischen Sprach- und Literaturwissenschaft sowie der Kulturgeschichte des niederländischen Sprachgebiets aufzubauen. Sie wird beständig erweitert und ist mittlerweile zu einem sehr umfangreichen Volltextportal mit rund 15.000 Titeln (Stand 2021) angewachsen, das durch zusätzliche Features wie eine karten- und eine zeitbasierte Suche sowie einen N-Gram Viewer zur Wortfrequenzanalyse abgerundet wird. Während die DBNL auf dem Gebiet der Monografien bislang noch ein eher beschränktes Angebot für Historiker:innen aufweist, lohnt sich hier vor allem ein Blick in die Liste der retrospektiv digitalisierten Zeitschriften. Die DBNL-Daten können auch über Delpher durchsucht werden, wobei die Treffer dann direkt zur DBNL führen.

2. Digitale Ressourcen

2.1 Recherche

Das Angebot an digitalen Informationsressourcen zur Geschichte der Beneluxländer ist derartig vielfältig, dass im Rahmen dieser Veröffentlichung nur eine kleine Auswahl dessen, was derzeit online verfügbar ist, beispielhaft besprochen werden kann. Weitere themenspezifische Recherche- und Nachweisinstrumente sind in der Liste digitaler Ressourcen zu finden.

Portale und Einstiegsseiten

Einen schnellen, visuell und didaktisch gut aufbereiteten Überblick über wichtige Aspekte der Geschichte der Niederlande einschließlich der Regional- und Lokalgeschichte bietet die Website Canon van Nederland, von der es auch eine deutschsprachige Version gibt. Eine vergleichbare Initiative zur Herausbildung eines historischen Kanons gibt es mit Canon van Vlaanderen auch in Flandern; dieses Projekt ist derzeit aber noch im Aufbau begriffen und in vielerlei Hinsicht umstritten.

Im Bereich deutschsprachiger Angebote sind vor allem drei Fachportale zu nennen, die sich, wenn auch nicht ausschließlich, so doch zu einem beträchtlichen Anteil mit der Geschichte der Beneluxländer befassen: das 2019 ins Leben gerufene BelgienNet des Belgienzentrums/BELZ der Universität Paderborn, das (vorerst) auf Eis gelegte, aber noch online verfügbare Projekt NiederlandeNet des Zentrums für Niederlande-Studien der Universität Münster sowie das Portal des FID Benelux der ULB Münster. Während Niederlande- und BelgienNet vorwiegend Themenportale sind, ist das FID Benelux-Portal ein interdisziplinäres Fachportal, in dem verschiedene Nachweisinstrumente, Services und aktuelle Fachinformationen unter einem Dach zusammengeführt wurden.

Das wichtigste wissenschaftliche Portal auf niederländischer Seite, das sich vorwiegend mit der nationalen Geschichte befasst, ist Historici.nl. Es wird als Themenportal gemeinsam vom Huygens Instituut und der KNHG betrieben. Historici.nl bietet Zugang zu einer großen Sammlung digitalisierter Quellen, zu aktuellen Fachnachrichten und dient als Organ für Fachdiskussionen. Auch die Website des Huygens Instituut selber ist ein guter Startpunkt für Forschungsprojekte, Quellen, Daten und Fachnachrichten zur niederländischen Geschichte. An ein breites geschichtsinteressiertes Publikum richten sich darüber hinaus Themen-Websites wie Geheugen van Nederland (auf Deutsch: Gedächtnis der Niederlande) und Historiek. Obschon international ausgerichtet, sind bei Historiek substanzielle Anteile der niederländischen sowie der belgischen Geschichte gewidmet.

Als Einstiegsseiten für die niederländische Regionalgeschichte können darüber hinaus die Portale der verschiedenen Regionaal Historische Centra dienen, die dem Kulturerbe der einzelnen Provinzen gewidmet sind.

Aus der großen Fülle der historischen Themenportale werden an dieser Stelle einige Portale zur Geschichte der beiden Weltkriege beispielhaft hervorgehoben: Eerstewereldoorlog.nu ist eine Plattform, die zum Gedenken an den Ersten Weltkrieg (1914–1918) in den Niederlanden eingerichtet wurde. Ein Teil der Informationen auf dieser Website steht auch in deutscher Sprache zur Verfügung. Für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs ist das bereits erwähnte NIOD die bedeutendste wissenschaftliche Einrichtung in den Niederlanden. Die Website des NIOD ermöglicht eine Recherche im zugehörigen Archiv, im Bibliothekskatalog und in der NIOD-Bilddatenbank Beeldbank WO2. Letztere ist zu großen Teilen digitalisiert und erlaubt den Online-Zugriff auf Bilder und kleinere Filme. Ebenfalls wichtig in diesem Zusammenhang ist das Portal Oorlogsbronnen. Es bietet einen gemeinsamen Sucheinstieg für die zahlreichen Sammlungen zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs, die über viele verschiedene Einrichtungen in den Niederlanden verteilt sind. Darüber hinaus haben sich mehrere niederländische Erinnerungskultur-Einrichtungen auf der Platform WO2 zusammengeschlossen, um vertiefte Informationen zum Zweiten Weltkrieg in Verbindung mit edukativen Inhalten bereitzustellen und auch Delpher hat eine entsprechende Themenseite im Angebot. Speziell zur Geschichte Niederländisch-Indiens im Zweiten Weltkrieg gibt es zudem das Portal Indië in oorlog.

In Belgien bietet das Centre d'Etude Guerre et Société/Studie- en Documentatiecentrum Oorlog en Hedendaagse Maatschappij (CegeSoma) in Brüssel umfangreiche Informationen sowohl zum Ersten Weltkrieg als auch zum Zweiten Weltkrieg. Zum Webangebot gehören auch die virtuelle Plattform BELGIUM WWII, das online frei zugängliche Journal of Belgian History (Belgisch Tijdschrift voor Nieuwste Geschiedenis / Revue belge d’Histoire contemporaine) sowie die digitalisierte Zeitungssammlung The Belgian War Press. Das Portal des Zentrums für Ostbelgische Geschichte bietet vielfältige Angebote zur Geschichte der Grenzregion Eupen-Malmedy-Sankt Vith.

Für Luxemburg hat das C²DH die Website Éischte Weltkrich: Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg in Luxemburg entwickelt, die unter anderem ein digitales Archiv, eine interaktive georeferenzierte Karte, eine Zeitleiste sowie pädagogische Dossiers umfasst.

Fachbibliografien

Die zweisprachige Bibliografie van de Geschiedenis van België / Bibliographie de l’Histoire de Belgique (BGB-BHB), die im Rahmen der von der Société pour le Progrès des Études Philologiques et Historiques veröffentlichten Revue Belge de Philologie et d’Histoire – Belgisch Tijdschrift voor Filologie en Geschiedenis erscheint, ist ab Jahrgang 2009 als digitaler Katalog verfügbar. Die Jahrgänge 1952 bis 2013 stehen darüber hinaus als PDF-Dateien zum Download bereit. Das CegeSoma in Brüssel bietet eine digitale Version seiner von 1971 bis 2006 publizierten Bibliography concerning Belgium in/and the Second World War sowie verschiedene andere Bibliografien wie etwa Resistance in Flanders an.

In der Bibliographie Nationale Luxembourgeoise, die für den Zeitraum ab 1988 online angeboten wird, ist bei der Recherche eine Einschränkung auf die Lokalgeschichte („Histoire locale et paroissiale“) möglich.

Die wichtigste Bibliografie zur Geschichte der Niederlande war die frei im Internet verfügbare Digitale Bibliografie Nederlandse Geschiedenis (DBNG), deren Betrieb Mitte 2021 bedauerlicherweise eingestellt wurde. Die vom Huygens Instituut gemeinsam mit der KB in Den Haag herausgegebene Bibliografie deckte alle Perioden der niederländischen Geschichte ab und umfasste mehr als 200.000 Einträge. Zurzeit ist noch nicht geklärt, ob beziehungsweise in welcher Form die in der DBNG enthalten Daten wieder zugänglich gemacht werden können.

Als bibliografische Nachweisinstrumente sind darüber hinaus selbstverständlich auch die jeweiligen Nationalbibliografien von Belang. Die Nederlandse Bibliografie/Dutch National Bibliography lässt sich in der erweiterten Suche mittels des Suchfeldes „UNESCO“-Kategorie eingrenzen auf die Rubrik 31 "Geschichte, Biografie". Die Bibliographie de Belgique/Belgian Bibliography wird monatlich online veröffentlicht; das elektronische Archiv reicht zurück bis 1998. Die einzelnen Monatsausgaben sind fachlich geordnet, sodass auch ein direkter Einstieg in das Fach Geschichte möglich ist.

Eine weitere Benelux-Bibliografie, zwar nicht ausschließlich, aber mit beträchtlichen Anteilen für das Fach Geschichte, ist die von der Verbundzentrale des Gemeinsamen Bibliotheksverbundes (GBV) angebotene Datenbank Online Contents (OLC) Benelux. Die OLC Benelux sind ein fachbezogener Auszug aus der Datenbank Online Contents, der laufend durch ausgewählte Zeitschriftentitel der ULB Münster und der USB Köln ergänzt wird.

Bibliothekskataloge

Als Bibliothekskataloge speziell für die Geschichte der Beneluxländer sind innerhalb Deutschlands der Fachkatalog Benelux der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln sowie der Fachkatalog Benelux der ULB Münster zu nennen, die beide in FID Benelux-Search, das Rechercheportal des FID Benelux, integriert sind. Aus beiden Fachkatalogen wurde jeweils ein Ausschnitt „Geschichte“ gebildet und in historicumSEARCH, das zentrale Rechercheportal zur Geschichtsforschung von historicum.net – Fachinformationsdienst Geschichtswissenschaft eingespeist.

Als nationale Nachweismittel sind fernerhin die Kataloge der betreffenden Nationalbibliotheken relevant. Das sind im Einzelnen: die Kataloge der KB in Den Haag und Brüssel sowie für Luxemburg die Suchmaschine a-z.lu, die direkt auf der Startseite der Bibliothèque nationale de Luxembourg (BnL) angeboten wird. Die Suchmaschine erlaubt die gebündelte Suche in allen Sammlungen der Nationalbibliothek und des luxemburgischen Bibliothekennetzwerks bibnet.lu.

Alle zwischen 1540 und 1800 gedruckten Bücher im Besitz einer niederländischen Bibliothek sind im Short Title Catalogue Netherlands (STCN) verzeichnet, während der Bestand digitalisierter Werke auf Early Dutch Books Online beständig wächst. Der STCV, De bibliografie van het handgedrukte boek / Bibliography of the Hand Press Book, der Vlaamse Erfgoedbibliotheek in Antwerpen ist das entsprechende Gegenstück für die Region Flandern einschließlich Brüssel.

Übergreifende Kataloge, die vergleichbar sind mit dem Karlsruher Virtuellen Katalog, existieren auch in den Beneluxländern. Für Luxemburg wurde oben bereits a-z.lu genannt. In Belgien sind dies für den niederländischsprachigen Teil des Landes der UniCat und für den französischsprachigen Teil Samarcande, angeboten von der Fédération Wallonie-Bruxelles. In den Niederlanden erfüllt der Nederlandse Centrale Catalogus der KB Den Haag diesen Zweck.

Suchmaschinen

Im Bereich der Suchmaschinen ist FID Benelux-Search, das Rechercheportal des FID Benelux zu nennen, das als Discovery System für forschungsrelevante Literatur über die Kultur und Gesellschaft der Beneluxländer konzipiert ist. Es ermöglicht die zeitgleiche Suche in verteilten Datenbeständen wie etwa einschlägigen Bibliothekskatalogen, Fachdatenbanken, Fachbibliografien, Repositorien und Digitalisierungsprojekten.

Digitale Nachschlagewerke

Stellvertretend für den Bereich der digitalen Nachschlagewerke sei hier das stetig erweiterte Biografisch Portaal van Nederland erwähnt. Es ist ein groß angelegtes Kooperationsprojekt unter Federführung des Huygens Instituut, in dem eine Vielzahl niederländischer biografischer Nachschlagewerke und Datenbanken zusammengeführt werden. Erwähnenswert in diesem Kontext ist auch das Digitaal Vrouwenlexicon van Nederland (DVN), das zurzeit auf den Seiten des Huygens Instituut online bereitgestellt wird und perspektivisch ebenfalls in das Biografisch Portaal überführt werden soll.

Archivportale

In der niederländischen Archivlandschaft lässt sich ein Trend zur Zentralisierung und Verknüpfung verschiedener Archive und Sammlungen beobachten. Auf Initiative des Sociaal en Cultureel Planbureau erarbeitete eine Arbeitsgruppe der größten Archive, Bibliotheken und Forschungseinrichtungen von 2004 bis 2008 Standards für ein gemeinsames Archivportal.[130] Aus diesen Bemühungen ging die Plattform Archieven.nl hervor. Sie aggregiert mehr als 50.000 Sammlungen aus über 85 niederländischen Archiven in einer gemeinsamen Datenbank. Vertreten sind hier Gemeinde- und Regionalarchive ebenso wie beispielsweise das Nationaal Archief und das NIOD.

Als bedeutendstes Archiv der Niederlande bewahrt das Nationaal Archief das Archivgut der nationalen Regierung, der ehemaligen Grafschaft Holland sowie der jetzigen Provinz Südholland, verschiedener gesellschaftlicher Einrichtungen und vieler privater Archive. Auch ein großer Teil der Archive der Vereinigten Ostindischen sowie der Westindischen Kompanie sind hier zu finden. Auf der Website ist eine Suche in den Archivinventaren und verschiedenen sachbezogenen Indizes möglich. Für eine Reihe von Themen wurden spezielle „Suchhilfen“ zusammengestellt. Besondere Erwähnung verdient in diesem Zusammenhang die Suchhilfe-Seite Slavernijverleden, die unter anderem einen Zugang zu 1,9 Millionen digitalisierten Archivalien mit Bezug zur Geschichte der Sklaverei bietet.

Darüber hinaus verfügt das niederländische Nationalarchiv über eine Sammlung von etwa 15 Millionen Fotos sowie über die größte Kartensammlung der Niederlande. Während bislang nur ein vergleichsweise geringer Anteil der Karten digitalisiert wurde, sind rund eine Million mit beschreibenden Metadaten versehene Fotos online verfügbar, von denen wiederum 400.000 in hoher Auflösung zum Download und unter der Lizenz CC0 zur uneingeschränkten Nachnutzung zur Verfügung stehen. Das Nationaal Archief hat überdies bereits 2010 damit begonnen, eine Auswahl seiner Fotos an die Wikimedia Foundation zu übergeben.[137] Diese sind nun im freien Medienarchiv Wikimedia Commons auffindbar. Neben den Fotos sind viele weitere Sammlungsdaten als Open Data und teilweise auch als Linked Open Data verfügbar. Im DataLab des Nationalarchivs werden Informationen zu den Datensets sowie Beispiele für datengetriebene Projekte präsentiert.

Das Nederlands Instituut voor Beeld en Geluid in Hilversum, kurz Beeld en Geluid, gehört heute zu den wichtigsten Archiven für audio-visuelles Material. Es ging 1997 aus einer Fusion des Bedrijfsarchief van de Publieke Omroep, des Filmarchief van de Rijksvoorlichtingsdienst, der Stichting Film en Wetenschap und dem Nederlands Omroepmuseum hervor. In den letzten zwanzig Jahren hat das Institut große Teile seines Archivs digitalisiert, sodass immer mehr Filme, Fernsehsendungen und Radiobeiträge auch online zugänglich sind.

Erste Anlaufstelle für Forschende zur belgischen Geschichte ist das Rijksarchief in België/Archives de l'État en Belgique/Belgisches Staatsarchiv. Es stellt registrierten Nutzer:innen mehrere Millionen digitalisierter Archivdokumente online zur Verfügung. Neben dem Generalstaatsarchiv und dem Archiv des königlichen Palastes in Brüssel verfügt das Belgische Staatsarchiv über weitere Dependancen in den verschiedenen Provinzen. So nimmt etwa das Staatsarchiv Eupen für die Deutschsprachige Gemeinschaft in Ostbelgien eine zentrale Stellung ein und 2016 wurde auch das bereits erwähnte CegeSoma angegliedert. Archiefpunt (ehemals Archiefbank Vlaanderen) bietet eine Datenbanksuche zu Material aus privaten Archiven von Personen, Familien, Vereinen oder Betrieben aus Flandern. Auch wenn keine Digitalisate angezeigt werden, so ist Archiefpunt dennoch ein nützlicher Wegweiser zu dem in Privatarchiven verstreuten Archivgut.

Das Centre d'Animation et de Recherche en Histoire Ouvrière et Populaire (CARHOP) und das Institut d’histoire ouvrière, économique et sociale (IHOES) sind wichtige Archiv- und Dokumentationszentren für die Sozialgeschichte in der Wallonie und Brüssel. So hat das IHOES im Jahr 2007 mit Mémoire orale die zentrale Digitalplattform für Oral History in der Fédération Wallonie-Bruxelles ins Leben gerufen.

Das Luxemburger Nationalarchiv stellt seine Digitalisate, darunter Schriftgut, Fotos, Karten, Pläne und Urkunden, bereits seit mehreren Jahren online und bietet sie zum Download an.

Für übergreifende Recherchen zu Archivbeschreibungen und digitalen Quellen zum Holocaust lohnt für alle Beneluxländer ein Blick in die European Holocaust Research Infrastructure (EHRI), in die zahlreiche Gedenkstätten und Archive Daten eingespeist haben.

2.2 Quellen

Durch die in Kapitel 1.4 genannten umfangreichen nationalen Digitalisierungsprojekte und andere bereits erwähnte Digitalisierungsmaßnahmen ist die digitale Verfügbarkeit von historischem Quellenmaterial aus den Beneluxländern im internationalen Vergleich als ausgesprochen gut zu bewerten.

Bislang noch nicht im Detail besprochen wurde die große Bandbreite wissenschaftlich aufbereiteter Online-Quellen zur Beneluxgeschichte, die das mehrfach erwähnte Huygens Instituut in Amsterdam bereitstellt. Dabei handelt es sich um Quellenarten wie zum Beispiel Tagebücher, Briefsammlungen, Urkunden, Akten und Protokolle, Archivführer, Findbücher, Inventare, digitalisierte Zeitschriften sowie historische Nachschlagwerke.

Während die oben genannten Quellen frei im Internet verfügbar sind, gibt es darüber hinaus eine Reihe von kostenpflichtigen Quellen, deren Nutzung an den Erwerb einer entsprechenden Lizenz gebunden ist. Wichtige Quellen für die Benelux-Geschichte der frühen Neuzeit sind unter anderem Flugschriften. Für dieses Feld existiert ein Angebot aus der Produktreihe BrillOnline Primary Sources mit dem Namen Dutch Pamphlets Online, für die bereits 2009 mit Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft eine Nationallizenz für Deutschland erworben wurde. Die aus den Sammlungen „Knuttel“ und „Van Alphen“ aufgebauten Dutch Pamphlets umfassen rund 37.000 Flugschriften aus dem Zeitraum von 1486 bis 1853. Weitere über Nationallizenzen verfügbare digitale Quellensammlungen des Verlags Brill sind die Datenbanken Transatlantic Relations Online mit Quellen zur Geschichte der niederländisch-amerikanischen Beziehungen sowie zur Migrationsgeschichte nach Nord- und Südamerika sowie Book Sales Catalogues Online (BSCO), eine umfassende Bibliografie von Buchverkaufskatalogen, die bis zum Jahr 1800 in der Niederländischen Republik gedruckt wurden. Ebenfalls im Rahmen einer Nationallizenz zugänglich ist Gerritsen Women’s History Collection of Aletta H. Jacobs (ProQuest), eine der weltweit größten Volltextdatenbanken zur Geschichte der Frauen und des Feminismus mit vielen Veröffentlichungen aus den Beneluxländern.

2.3 Vermittlung

Die hier vorgestellten wissenschaftlichen und kulturellen Institutionen sind nicht nur Anlaufpunkt für Forschende, sondern haben auch das Ziel, Schulen, interessierte Laien und Multiplikator:innen zu erreichen. Das tun sie über digitale Angebote, die zum Beispiel über die eigenen Webseiten angekündigt werden.

So bietet das Kennisinstituut cultuur & digitale transformatief über die DEN Academie Workshops und Weiterbildungen für Praktiker:innen an, die im weiten Feld des Kulturerbesektors arbeiten. Das Nationaal Archief wiederum stellt über das kostenpflichtige Angebot LessonUp u.a. digitale Schulstunden für verschiedene Klassenstufen und Themenfelder bereit. Auch in Belgien bietet das Archief voor Onderwijs wechselnde Workshops für Lehrer:innen etwa zum Umgang mit kulturellem Erbe an und fördert die Digital Literacy bzw. den Umgang mit digitaler Geschichtskultur.

Selten sind jedoch noch explizite Angebote für Studierende. Mit der Plattform Ranke 2.0 bietet etwa das C²DH in Luxemburg systematische Einführungen zur digitalen Quellenkritik an.

Digitale geschichtskulturelle Angebote sind auch in den Benelux-Staaten sehr vielfältig, sodass eine vollständige Auflistung hier nicht möglich ist. Größere Projekte wie Het Verhaal van Nederland des Senders NTR bieten dabei nicht nur eine 10-teilige Fernsehserie zur Geschichte der Niederlande, die digital verfügbar ist, sondern auch eine Reihe von Podcasts und Podwalks an, die wichtige Ereignisse der niederländischen Geschichte beleuchten.

Museen und Gedenkstätten

In den Niederlanden wurde über mehrere Jahre hinweg die Idee eines Nationaal Historisch Museum verfolgt, das ähnlich dem Deutschen Historischen Museum in Berlin der nationalen Geschichte der Niederlande gewidmet sein sollte. Nach langen Diskussionen wurden diese Pläne 2011 wegen zu hoher Kosten aufgegeben. Aus dieser Idee hat sich jedoch der bereits erwähnte Canon van Nederland entwickelt. Hier werden in Form einer digitalen Ausstellung 50 Themenfenster wie der römische Limes, die Hanse, Erasmus von Rotterdam, Willem van Oranje, die Vereinigte Ostindische und die Westindische Kompanie, Sklaverei, der Eisenbahnbau, die Weltkriege, die Entwicklung des Fernsehens, der Hafen von Rotterdam oder Srebrenica multimedial vorgestellt, für unterschiedliche Klassenstufen zum Einsatz im Geschichtsunterricht aufbereitet und mit einer umfangreichen Materialsammlung ausgestattet. Der Kanon wird seit 2017 auch als virtuelle Dauerausstellung im Nederlands Openlucht Museum (Niederländisches Freilichtmuseum) in Arnheim gezeigt. Das Nederlands Openlucht Museum präsentiert die niederländische Geschichte der letzten zwei Jahrhunderte aus alltagsgeschichtlicher Perspektive mit den klassischen Mitteln eines Freilichtmuseums und ergänzt diese sowohl vor Ort als auch in der Webpräsenz um digitale Ausstellungselemente.

Das Rijksmuseum in Amsterdam versteht sich als „das Museum der Niederlande“, das die niederländische Geschichte ab dem Jahr 1200 erzählt. Unter dem Motto „online haben wir immer geöffnet“ setzt es stark auf den digitalen und auch interaktiven Zugang zu seiner umfangreichen Sammlung. So werden etwa videobasierte Online-Führungen sowie eine kostenfreie App für die Zusammenstellung eigener Routen durch das Museum angeboten. In der museumseigenen Webapplikation Rijksstudio können nicht nur die Abbildungen von vielen hunderttausend mit Metadaten und Permalinks ausgestatteten Objekten aufgerufen, sondern – nach vorheriger Registrierung − auch heruntergeladen und dank entsprechender Lizenzen kreativ weiterverwendet werden.

Auch das Scheepvaartmuseum in Amsterdam, das eine der weltweit größten maritimen Sammlungen besitzt, stellt einen großen Teil dieser Sammlung in digitaler Form online zur Verfügung. Es bietet darüber hinaus die Möglichkeit, das Museum anhand von themenzentrierten Videos, Podcasts und interaktiven Anwendungen am heimischen Computer zu erleben. Die lokale Sammlung ist außerdem als Teil der institutionenübergreifenden Plattform Maritiem Digitaal erschlossen, der „größten Online-Datenbank maritimer Objekte und Literatur der Beneluxländer“. Ähnliches gilt für die drei zum Nationaal Museum van Wereldculturen (Nationales Museum der Weltkulturen) zusammengeführten Museen Tropenmuseum, Afrika Museum und Museum Volkenkunde, deren Sammlungen zusammen mit der Sammlung des Wereldmuseum Rotterdam gemeinsam in einer umfangreichen Online-Datenbank durchsuchbar sind.

In Belgien und Luxemburg verfolgen die großen Museen ebenfalls die Digitalisierung und virtuelle Erkundung ihrer Sammlungen: So lädt BELvue − Museum über Belgien und seine Geschichte und Zentrum für Demokratie − unter anderem dazu ein, das Museum bei einem virtuellen Rundgang auf eigene Faust zu entdecken. Die Koninklijke Musea voor Kunst en Geschiedenis/Musées royaux d’Art et d’Histoire (KMKG/MRAH) in Brüssel verfügen über ein „Image Studio“ mit Digitalisaten der Sammlungen, die über die Datenbank Carmentis recherchierbar sind und zum Download bereitstehen. Unter dem Slogan „unsere Sammlungen in Klickweite“ ermöglicht das Musée National d'Histoire et d'Art (MNHA) in Luxemburg einen Online-Zugriff auf digitalisierte Objekte sowie virtuelle Ausstellungen und bietet darüber hinaus 3D-Rundgänge durch verschiedene seiner Sammlungen an. Auch das Koninklijk Museum voor Midden-Afrika/Musée royal de l'Afrique centrale in Tervuren, das Wissen und Ressourcen über (Zentral-)Afrika sammelt und die koloniale Vergangenheit Belgiens thematisiert, das der Geschichte des Ersten Weltkriegs in Belgien gewidmete Museum In Flanders Fields in Ypern sowie das im Mai 2017 eröffnete Haus der Europäischen Geschichte in Brüssel bieten größere Ausschnitte ihrer Sammlungen in digitaler bzw. virtueller Form an.

Mehrere Gedenkstätten in den Beneluxländern thematisieren die Vernichtung der europäischen Juden unter der deutschen Besatzung. In den Niederlanden sind hier vor allem das Herinneringscentrum Kamp Westerbork in Hooghalen sowie das Anne Frank Haus und die Hollandsche Schouwburg in Amsterdam hervorzuheben. Letztere ist derzeit geschlossen und soll im Jahr 2024 als nationales Holocaust-Museum wiedereröffnet werden. Alle drei Einrichtungen arbeiten die Geschichte der Orte selbst und verschiedene Aspekte der Judenverfolgung in den Niederlanden auf ihren Websites und diversen Social-Media-Kanälen audio-visuell und medienpädagogisch auf. Das Anne Frank Haus etwa kann bereits seit 2010 online besucht werden im Rahmen eines virtuellen Rundgangs durch das Hinterhaus, in dem sich die Familie Frank und weitere jüdische Verfolgte versteckt hielten, und die Hollandsche Schouwburg bietet derzeit den Soundwalk Stemmen uit het verleden (Stimmen aus der Vergangenheit) mit Augenzeugenberichten aus der Zeit, als das ehemalige Theater als Sammelstelle für Juden diente, an. Sowohl das Herinneringscentrum Kamp Westerbork als auch das Anne Frank Haus verfügen außerdem über eigene YouTube-Kanäle, auf denen sie in großem Umfang Videomaterial bereitstellen. Einzigartig ist zudem das digitale Denkmal für die ermordeten Jüd:innen aus den Niederlanden, das Joods Monument. Dort wurden auf Initiative des niederländischen Historikers und Überlebenden Isaac Lipschits biografische Daten zu mehr als 104.000 Opfern der Shoah zusammengetragen, die online frei recherchierbar sind. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt das von der Fondation luxembourgeoise pour la Mémoire de la Shoah gemeinsam mit dem C²DH entwickelte Luxembourg Mémorial de la Shoah, das sich derzeit noch im Aufbau befindet. Für Belgien ist in diesem Zusammenhang die von 1942 bis 1944 als Sammellager für Deportationen dienende Gedenkstätte Kazerne Dossin in Mechelen zu nennen, deren umfangreiche Sammlungen zur Geschichte der Judenverfolgung in Belgien und Nordfrankreich auf der zugehörigen Website ebenfalls in unterschiedlicher Form virtuell aufbereitet und didaktisiert werden. Bestimmte Teile dieser Archivsammlung sind bereits digitalisiert und über eine mit ausführlichen Metadaten und Filtermöglichkeiten ausgestattete Online-Bilddatenbank recherchierbar.

2.4 Kommunikation

Die wissenschaftliche Kommunikation findet in den Beneluxländern wie auch andernorts in zunehmendem Maße digital statt. Das reicht von Mailinglisten über Blogs bis hin zur Nutzung von sozialen Netzwerken und Podcasts.

Die Kommunikation über wissenschaftliche Blogs ist unter anderem auf der Ebene der Early Career Researcher ein wichtiges Mittel des Austausches. Einige Beispiele seien hier aufgeführt: Das Netzwerk Jonge Historici betreibt seit 2011 ein sehr aktives Blog, auf dem Projektvorstellungen und Termine, vor allem aber Rezensionen und Kommentare zu aktuellen geschichtskulturellen Ereignissen in den Niederlanden veröffentlicht werden. Das Blog ist dabei weniger Austragungsort von wissenschaftlichen Debatten als eine Möglichkeit, eigene Forschungen mit redaktioneller Betreuung und ohne finanzielle Hürden zu publizieren. Overdemuur, als weiteres Beispiel, ist ein Zusammenschluss von Historiker:innen, die gegenwartsbezogene und geschichtspolitisch relevante Diskussionen in niederländischer Sprache aufgreifen. Das Blog der Werkgroep Caraïbische Letteren bietet einen Einstieg in die Forschung zur Kultur und Geschichte der ehemaligen niederländischen kolonialen Territorien in der Karibik.

Innerhalb des Netzwerks Humanities and Social Sciences Online, H-Net, existiert ein eigenes Subnetz zu den Niederlanden. H-Low-Countries bildet dabei vor allem die englischsprachige Niederlande-Forschung ab, ist allerdings bei Weitem nicht so aktiv wie etwa H-Soz-Kult. Akademische soziale Netzwerke wie ResearchGate und Academia.edu, aber auch berufliche Netzwerke wie LinkedIn sind darüber hinaus in den Beneluxländern ein wichtiges Mittel, um in akademischen Zusammenhängen zu kommunizieren und die Ergebnisse der eigenen Forschungen und Projekte bekannt zu machen.

Über die niederländisch-belgische Grenze hinweg vernetzen sich Geschichtswissenschaftler:innen zudem mit deutschen Kolleg:innen. Dies tun sie beispielsweise im Arbeitskreis Deutsch-Niederländische Geschichte/Werkgroep Duits-Nederlandse Geschiedenis (ADNG/WDNG), der ein Blog sowie eine Mailingliste betreibt. Der ebenso auf eine grenzüberschreitende Vernetzung ausgerichtete Arbeitskreis Historische Belgienforschung kommuniziert gleichfalls über eine Mailingliste.

Außerdem ist, wie mittlerweile international üblich, Twitter auch in den Beneluxländern ein Instrument, das Wissenschaftler:innen für den Informationsaustausch und die Promotion der eigenen Forschung sowie für die Erweiterung der eigenen wissenschaftlichen Netzwerke verwenden. Bei Twitter zeigt sich, dass auf diesem Weg auch die Kommunikation zwischen den geschichtswissenschaftlichen Einrichtungen einschließlich der Museen, Gedenkstätten und anderen Institutionen der Public History und deren Mitarbeitenden gestärkt wird.[196] Die Wissenskommunikation mit der breiten Öffentlichkeit hingegen findet zielgruppenabhängig – und auch abhängig von der Größe der jeweiligen Social-Media-Teams – eher auf Facebook, Instagram oder YouTube und teilweise auch bereits auf TikTok statt. So arbeiten Institutionen wie etwa das Anne-Frank-Haus in Amsterdam oder die Gedenkstätte Kazerne Dossin in Belgien mit kurzen Filmbeiträgen auf TikTok, um Jugendliche und junge Erwachsene besser erreichen zu können. Einzelne Einrichtungen, hierzu zählt zum Beispiel das Zeeuws Archief in Middelburg, setzen darüber hinaus auf die direkte Kommunikation mit Nutzer:innen via WhatsApp.

3. Resümee und Ausblick

Seit dem Erscheinen der ersten Version des Clio-Guides Belgien – Niederlande – Luxemburg im Jahr 2018 hat sich das Feld der digitalen Geschichtswissenschaft in den Beneluxländern bedeutend gewandelt. Dies betrifft gleichermaßen die institutionellen Strukturen, in denen die Digital History verankert ist, wie auch die Kommunikationskultur und maßgebliche Einzelprojekte im digitalen Raum. In den letzten fünf Jahren ließen sich in allen drei Bereichen Fluktuation und Dynamik beobachten: Institutionen änderten oder erweiterten ihre Handlungsfelder und gingen zum Teil in größeren Verbünden auf. Parallel dazu formieren sich neue Akteur:innen, Plattformen und Allianzen. Projekte, die vor einigen Jahren richtungweisend waren, verloren an Bedeutung, wurden partiell eingestellt oder technisch modernisiert. Damit einher ging oft ein Wandel in der Wissenschaftskommunikation, die sich immer enger an die großen sozialen Netzwerke angelehnt hat.

Die treibenden Faktoren dieser Dynamiken sind aus infrastruktureller Sicht die ungebrochen bedeutende Bezugnahme auf die Kategorie des „kulturellen Erbes“, aus forschungspolitischer Sicht die Gleichzeitigkeit von Zentralisierung und Internationalisierung, sowie aus thematischer Sicht die Themensetzungen der Erinnerungspolitik.

Gleichzeitig schreiten die Auffindbarkeit und die Verfügbarkeit digitaler Ressourcen stetig voran, wobei ein signifikanter Anteil aktueller wissenschaftlicher Publikationen aus den Beneluxländern bereits unmittelbar frei zugänglich ist. Im internationalen Vergleich ist der freie Zugang zu digitalen und digitalisierten wissenschaftlichen Ressourcen über die Benelux-Region damit insgesamt betrachtet weit fortgeschritten. Dies gilt für den Bereich der retrodigitalisierten Quellen ebenso wie für audiovisuelle Materialien, Fachdatenbanken und -zeitschriften.

Zudem hat auch der Digitalisierungsschub durch die COVID-19-Pandemie seine Spuren in den Beneluxländern hinterlassen, was unter anderem zum spontanen Aufbau digitaler „Corona-Archive“ wie etwa der Online-Plattform COVID-19 Erinnerungen des C²DH in Luxemburg und der partizipativen Sammlung Corona in de stad des Amsterdam Museum führte.

Die meisten der beschriebenen Entwicklungen sind jedoch nicht in erster Linie beneluxspezifisch, sondern allgemeine Trends, die unter anderem mit Aspekten der technischen Infrastruktur wie etwa der Kurzlebigkeit digitaler Systeme sowie den wissenschafts- und förderpolitischen Rahmenbedingungen zusammenhängen. Diese Rahmungen gelten vielfach auf europäischer bzw. internationaler Ebene und fördern die Tendenz, in größeren, grenzüberschreitenden Netzwerken zusammenzuarbeiten. Ein gutes Beispiel dafür – das gerade in den Beneluxstaaten viel Anklang gefunden hat – ist die Implementierung des Leitbilds der Open Science in den nationalen Zugangs- und Veröffentlichungspolitiken.

Es wird interessant sein zu beobachten, in welchem Umfang sich die Geschichtswissenschaft und die ihr zugrundeliegende Hermeneutik sowie die Geschichtsproduktionen und -rezeptionen in den kommenden Jahren – in den Beneluxländern ebenso wie auf internationaler Ebene – im Modus des Digital Turn verändern und inwieweit der Stand der Digitalisierung einzelner Bereiche die Forschungsfragen und das jeweilige Projektdesign steuert.

 

Literaturhinweise

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Fußnoten

  1. [1] Für Anregungen und kritische Kommentare zum Guide bedanken wir uns bei Christoph Brüll und Yves C. F. Schwarze, für ihre Unterstützung bei der Listenerstellung für die Linksammlung ebenso Eva König.
  2. [2] Vgl. 30 years Alfa-Informatica in Groningen. https://www.let.rug.nl/30years/about.php.
  3. [3] Der Newsletter des Nederlands Historisch Data Archief „Historia & Informatica“ spiegelt dabei die sich wandelnden Forschungsfragen an eine digital werdende Geschichtswissenschaft in den 1990er-Jahren wider, vgl. Zaagsma, Gerben, On Digital History, in: BMGN – Low Countries Historical Review 128 (2013) 4, S. 3–29, hier S. 9 ff. https://doi.org/10.18352/bmgn-lchr.9344.
  4. [4] Vgl. Zundert, Joris van; Dalen-Oskam, Karina van, Forum: Digital Humanities in the Netherlands, in: H-Soz-Kult, 28.10.2014, http://www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-2396.
  5. [5] Vgl. Netwerk Digitaal Erfgoed; Ministerie van Onderwijs, Cultuur en Wetenschap 2021: Nationale Strategie Digitaal Erfgoed 2021–2024, https://open.overheid.nl/repository/ronl-cec5f78e-8659-4a02-8fb6-4923ab26d95b/1/pdf/Nationale%20Strategie%20Digitaal%20Erfgoed%202021-2024.pdf.
  6. [6] Vgl. Thijs, Krijn, Niederlande – Schwarz, Weiß, Grau. Zeithistorische Debatten seit 2000, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 03.06.2011. https://docupedia.de/zg/Niederlande_-_Schwarz_Weiss_Grau.
  7. [20] Dieser Service wird als „scanning on demand service“ angeboten. Siehe Link zur Präsentation „You ask, we scan“ auf https://www.amsterdam.nl/stadsarchief/organisatie/digitalisering/#h86636f7e-d81e-457e-8000-f3ed51d415ae.
  8. [38] So etwa an den Universitäten in Leiden, Groningen, Amsterdam, Utrecht, Nijmegen, Tilburg, Gent, Antwerpen, Brüssel, Leuven, Louvain-la-Neuve, Lüttich und Luxemburg.
  9. [44] Luxembourg National Research Fund: FNR Policy on Open Access to Scientific Publications, 03.02.2023, https://storage.fnr.lu/index.php/s/ZhgLACsznLOn7jp#pdfviewer.
  10. [46] Vgl. https://www.nwo.nl/en/open-access-publishing.
  11. [130] Siehe: Wubs, H.; Huysmans, F. J. M., Snuffelen en graven. Over doelgroepen van digitaal toegankelijke archieven, Sociaal en Cultureel Planbureau 2006, https://hdl.handle.net/11245/1.514833 (11.12.2022).
  12. [137] Auch die KB Den Haag arbeitet inzwischen seit vielen Jahren auf verschiedenen Ebenen eng mit Wikipedia zusammen. Siehe hierzu: https://www.kb.nl/over-ons/projecten/wikipedia-wikimedia (11.12.2022).
  13. [196] Inwieweit Twitter diesen Status auch zukünftig behalten wird oder ob verstärkt eine Abwanderung zu Mastodon oder ähnlichen Angeboten stattfinden wird, muss sich zeigen.

Ilona Riek, M.A., MA (LIS) ist Niederlandistin und Informationswissenschaftlerin. Sie leitet den Fachinformationsdienst Benelux / Low Countries Studies (FID Benelux) und die Bibliothek im Haus der Niederlande an der Universität Münster.

Dr. Markus Wegewitz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Digitalisierungsprojekt der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Er promovierte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zu Geschichte des europäischen Antifaschismus und forscht zur Geschichte des Nationalsozialismus und seiner Überlebenden.

Prof. Dr. Christine Gundermann ist Professorin für Public History an der Universität zu Köln. Sie hat über deutsch-niederländische Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg an der Freien Universität Berlin promoviert und forscht nun zu aktuellen Repräsentationen von Geschichte im öffentlichen Raum.

Bernhard Liemann, M.A. ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachinformationsdienst Benelux / Low Countries Studies und Doktorand an den Universitäten Münster und Gent.

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Für Clio-online verfasst von:

Ilona Riek / Markus Wegewitz / Christine Gundermann / Bernhard Liemann

Ilona Riek, M.A., MA (LIS) ist Niederlandistin und Informationswissenschaftlerin. Sie leitet den Fachinformationsdienst Benelux / Low Countries Studies (FID Benelux) und die Bibliothek im Haus der Niederlande an der Universität Münster.

Dr. Markus Wegewitz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Digitalisierungsprojekt der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Er promovierte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zu Geschichte des europäischen Antifaschismus und forscht zur Geschichte des Nationalsozialismus und seiner Überlebenden.

Prof. Dr. Christine Gundermann ist Professorin für Public History an der Universität zu Köln. Sie hat über deutsch-niederländische Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg an der Freien Universität Berlin promoviert und forscht nun zu aktuellen Repräsentationen von Geschichte im öffentlichen Raum.

Bernhard Liemann, M.A. ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachinformationsdienst Benelux / Low Countries Studies und Doktorand an den Universitäten Münster und Gent.